#TeamNEUSTART: Thorsten Deutsch

Sicherheit und Resozialisierung sind für Thorsten Deutsch keine Gegensätze – hauptberuflich ist er Justizwachbeamter, ehrenamtlich Bewährungshelfer bei NEUSTART. Eine spannende Kombination, die viele Vorteile hat – nicht nur für seine Klient:innen …

Bitte stell dich kurz vor. In welcher Region und seit wann engagierst du dich als ehrenamtlicher Bewährungshelfer?
Mein Name ist Thorsten Deutsch, ich bin 40 Jahre alt und lebe in Wien. Seit Anfang 2025 engagiere ich mich als ehrenamtlicher Bewährungshelfer.

Warum hast du dich für dieses Ehrenamt entschieden? Was gefällt dir daran am besten?
Mich hat vor allem die Möglichkeit angesprochen, Menschen nicht nur innerhalb eines institutionellen Rahmens zu erleben, sondern sie auch auf ihrem weiteren Weg zu begleiten. Im besten Fall führt dieser Weg in ein eigenverantwortliches und straffreies Leben. An der Bewährungshilfe gefällt mir die direkte Arbeit mit den Klient:innen. Man begleitet sie über einen längeren Zeitraum und sieht dadurch auch Entwicklungen, die auf den ersten Blick vielleicht klein wirken. Eine geregelte Tagesstruktur, eine Arbeitsstelle, eine Ausbildung oder die Bereitschaft, sich in einer schwierigen Situation rechtzeitig zu melden, können sehr viel verändern. Bewährungshilfe bedeutet für mich nicht, Fehlverhalten zu relativieren. Verantwortung muss klar angesprochen werden. Gleichzeitig braucht es aber auch realistische Möglichkeiten, etwas zu verändern. Diese Verbindung aus Klarheit, Beziehung und konkreter Unterstützung empfinde ich als sinnvoll.

Und was machst du hauptberuflich?
Hauptberuflich bin ich Justizwachebeamter in der Justizanstalt Korneuburg. Gemeinsam mit meinen Kolleg:innen trage ich Verantwortung für Sicherheit, Ordnung und die gesetzeskonforme Umsetzung des Strafvollzugs. Die Justizwache ist aber auch ein wichtiger Teil der Resozialisierung. Strafvollzug bedeutet nicht nur sichere Anhaltung. Er soll Inhaftierte auch dabei unterstützen, künftig ein straffreies Leben zu führen. Wir sind rund um die Uhr vor Ort und begleiten die Inhaftierten durch ihren Alltag. Dadurch nehmen wir Veränderungen oft früh wahr, führen Gespräche, reagieren auf Krisen und setzen notwendige Grenzen. Gemeinsam mit den verschiedenen Fachdiensten entsteht daraus ein moderner Betreuungsvollzug. Ich erlebe den Strafvollzug als Teamsport. Die Aufgaben können nur gemeinsam bewältigt werden. Deshalb bin ich meinen Kolleg:innen in der Justizanstalt Korneuburg sehr dankbar. Sie übernehmen täglich Verantwortung und arbeiten mit großem Engagement an einem sicheren, menschlichen und modernen Strafvollzug mit. Daneben studiere ich berufsbegleitend Rechtswissenschaften an der JKU. Das Studium ermöglicht mir, viele praktische Erfahrungen auch aus einer rechtlichen und wissenschaftlichen Perspektive zu betrachten.

Wie ergänzen sich dein Ehrenamt und Hauptberuf gegenseitig? Profitiert das eine vielleicht sogar vom anderen?
Als Justizwachebeamter hat mich immer interessiert, wie die Lebensgeschichte eines Menschen nach der Haft weitergeht. Durch die Bewährungshilfe kann ich, bildlich gesprochen, auf die andere Seite der Gefängnistür blicken. Ich sehe, mit welchen Herausforderungen Menschen nach einer Verurteilung oder Haftentlassung tatsächlich konfrontiert sind und was notwendig ist, damit ein straffreies Leben gelingt. Beide Tätigkeiten verfolgen für mich ein gemeinsames Ziel: Resozialisierung, die Vermeidung weiterer Straftaten und damit auch den Schutz der Gesellschaft. Meine berufliche Erfahrung hilft mir, besser zu verstehen, was Klient:innen über ihre Haftzeit, Abläufe und Regeln erzählen. Gleichzeitig zeigt mir die Bewährungshilfe sehr konkret, wie wichtig Arbeit, wohnen, Tagesstruktur, stabile Beziehungen und ein unterstützendes Umfeld sind. Auch persönlich profitiere ich davon. Die Bewährungshilfe stärkt meine Gesprächsführung und hilft mir, Entwicklungen über einen längeren Zeitraum zu betrachten. Nicht alles verändert sich sofort und nicht jede Entwicklung verläuft geradlinig. Dank NEUSTART konnte ich mich auf diversen Tagungen mit modernen Ansätzen des Strafvollzugs beschäftigen. Darüber hinaus, waren für mich der Einblick in eine polnische Justizanstalt und die Begegnung mit einer Delegation des japanischen Justizministeriums besonders wertvoll. Dadurch konnte ich andere Perspektiven kennenlernen und sehen, dass verschiedene Strafvollzugssysteme, trotz unterschiedlicher Strukturen, vor ähnlichen Herausforderungen stehen. Trotz dieser Verbindung ist mir eine klare Trennung meiner beiden Rollen wichtig. Zuständigkeiten, Verschwiegenheitspflichten und professionelle Grenzen müssen immer gewahrt bleiben. Für mich sind Sicherheit und Resozialisierung keine Gegensätze. Ein Strafvollzug, der Verantwortung einfordert und gleichzeitig auf das Leben nach der Haft vorbereitet, trägt langfristig zur Sicherheit bei.

Was sagt dein Umfeld dazu, dass du ehrenamtlicher Bewährungshelfer bist? Welche Rückmeldungen bekommst du, wenn du davon erzählst?
Viele reagieren zunächst überrascht, weil die ehrenamtliche Bewährungshilfe in der Öffentlichkeit wenig bekannt ist. Nicht selten werde ich mit einem Augenzwinkern gefragt, ob ich nach meinem Dienst in der Justizanstalt nicht irgendwann genug vom Thema Justiz habe. Offenbar nicht. Mich interessieren die Menschen, ihre Geschichten und vor allem die Frage, wie Veränderung tatsächlich gelingen kann. Oft werde ich auch gefragt, ob sich Justizwache und Bewährungshilfe nicht widersprechen. Wenn ich erkläre, dass beide Bereiche auf unterschiedliche Weise zur Resozialisierung, Rückfallvermeidung und Sicherheit beitragen, wird die Verbindung meist gut nachvollziehbar. Die Rückmeldungen sind überwiegend positiv. Viele empfinden das Ehrenamt als anspruchsvoll und fragen mich, wie man mit Rückschlägen, Unzuverlässigkeit oder schwierigen Lebensgeschichten umgeht. Ich versuche dann zu erklären, dass Bewährungshilfe weder naive Nachsicht noch reine Kontrolle ist. Sie verbindet Unterstützung mit klaren Erwartungen und persönlicher Verantwortung.

Wie viele Klient:innen begleitest du derzeit?
Derzeit fünf.

Gibt es Klient:innentypen, mit denen du besonders gerne und konstruktiv arbeitest? Liegen dir bestimmte demografische Gruppen oder Deliktarten mehr als andere?
Besonders gerne arbeite ich mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen. In dieser Lebensphase ist vieles noch nicht gefestigt. Beziehungen, Entscheidungen und das soziale Umfeld können die weitere Entwicklung stark beeinflussen. Wenn es gelingt, Vertrauen aufzubauen, klare Grenzen zu setzen und gemeinsam realistische Perspektiven zu entwickeln, kann noch sehr viel erreicht werden. Ich begleite aber auch Erwachsene und Personen nach einer Haftentlassung. Hier stehen oft ganz konkrete Fragen im Vordergrund, etwa Arbeit, wohnen, finanzielle Stabilität und ein geregelter Alltag. Manche Klient:innen sprechen mit mir auch offen über ihre Erfahrungen während der Haft. Es kann hilfreich sein, darüber mit jemandem zu sprechen, der das System kennt, einem nun aber in einer anderen Rolle begegnet. Entscheidend ist für mich weniger eine bestimmte Deliktart. Viel wichtiger ist die Frage, ob eine tragfähige Arbeitsbeziehung entstehen kann. Das Delikt und seine Folgen dürfen aber nicht ausgeblendet werden. Gleichzeitig brauchen Menschen eine echte Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen, ihr Verhalten zu verändern und wieder Vertrauen aufzubauen.

Gibt es so etwas wie eine typische Betreuungssituation? Wie laufen die Termine mit deinen Klienten ab?
Eine typische Betreuungssituation gibt es nicht. Die Lebenslagen sind zu unterschiedlich. Zu Beginn eines Termins besprechen wir meistens die aktuelle Situation. Dabei geht es etwa um Arbeit, Ausbildung, wohnen, finanzielle Angelegenheiten, Familie, soziale Kontakte oder gerichtliche Weisungen. Auch die Deliktverarbeitung ist wichtig. Wir sprechen über Hintergründe, mögliche Auslöser, Risikofaktoren und die Folgen der Straftat. Gemeinsam überlegen wir, welche anderen Handlungsmöglichkeiten es in einer vergleichbaren Situation gegeben hätte. Wie intensiv das möglich ist, hängt von der jeweiligen Person und ihrer Bereitschaft zur Auseinandersetzung ab. Danach vereinbaren wir konkrete nächste Schritte. Das kann eine Bewerbung, ein Termin bei einer Beratungsstelle oder die Klärung einer Wohnmöglichkeit sein. Ich kann Möglichkeiten aufzeigen, Kontakte herstellen, Struktur geben und auch unangenehme Themen ansprechen. Umsetzen müssen die Klient:innen die vereinbarten Schritte letztlich selbst.

Was sind die größten Herausforderungen in der Arbeit mit Straffälligen?
Eine der größten Herausforderungen ist die Verbindung von Unterstützung und Kontrolle. Eine tragfähige Arbeitsbeziehung braucht Vertrauen. Gleichzeitig müssen fehlende Mitwirkung, problematische Entwicklungen und Verstöße klar angesprochen werden. Entwicklung verläuft selten geradlinig. Es gibt Fortschritte, Stillstand und Rückschläge. Verständnis darf aber nicht dazu führen, dass Grenzen unklar werden. Empathie und Konsequenz schließen einander nicht aus. Man muss auch akzeptieren, dass sich Veränderung nicht erzwingen lässt. Man kann Beziehung anbieten, Orientierung geben und Möglichkeiten schaffen. Die Entscheidung, etwas zu verändern, muss jede:r Klient:in für sich selbst treffen.

Woran merkst du ganz konkret, dass deine ehrenamtliche Arbeit etwas bewirkt?
Die Wirkung zeigt sich oft in kleinen Veränderungen. Ein:e Klient:in beginnt, regelmäßig und pünktlich zu den vereinbarten Terminen zu erscheinen. Ein:e andere:r spricht erstmals offen über einen Rückschlag, anstatt eine Ausrede zu suchen. Auch eine begonnene Ausbildung, eine Arbeitsstelle, eine stabile Wohnsituation oder das rechtzeitige Melden vor einer Krise sind wichtige Fortschritte. Besonders deutlich wird Veränderung für mich, wenn aus einer äußeren Verpflichtung langsam Eigenverantwortung entsteht. Wenn ein:e Klient:in nicht mehr nur etwas tut, weil es das Gericht oder die Bewährungshilfe verlangt, sondern weil sie oder er selbst eine andere Zukunft entwickeln möchte, ist bereits viel erreicht. Solche Entwicklungen berühren und motivieren mich.

Wie findest du persönlich Ausgleich zu deinem Job und Ehrenamt? Was machst du in deiner Freizeit?
Ausgleich finde ich vor allem im Sport, besonders beim Krafttraining und bei längeren Spaziergängen. Bewegung hilft mir, Abstand zu gewinnen und den Kopf freizubekommen. Daneben verbringe ich gerne Zeit mit Freunden und Menschen, die mir wichtig sind. Mein Studium ist zwar ebenfalls fordernd, eröffnet mir aber einen anderen Zugang zu vielen Themen, mit denen ich auch beruflich zu tun habe. Sehr wichtig ist für mich außerdem der fachliche Austausch bei NEUSTART. Ich arbeite dort in einem vielfältigen, fachlich starken und menschlich unterstützenden Team. Durch die unterschiedlichen Berufe, Erfahrungen und Sichtweisen kann ich aus den Fallbesprechungen sehr viel mitnehmen. Auch unsere Teamleitung ist eine große Unterstützung. Sie holt uns mit unseren unterschiedlichen Zugängen ab, ist in schwierigen Situationen erreichbar und sorgt dafür, dass Fälle sorgfältig reflektiert werden. Dadurch hat man auch bei anspruchsvollen Betreuungen nie das Gefühl, alleine gelassen zu werden.

Gibt es sonst noch etwas, das du mit unseren Leser:innen teilen möchtest?
Die Sicherheit der Gesellschaft endet nicht am Tor einer Justizanstalt. Der überwiegende Teil der inhaftierten Menschen wird früher oder später wieder in Freiheit leben. Deshalb ist entscheidend, wie der Übergang in die Gesellschaft gelingt. Strafvollzug und Nachbetreuung sollten nicht als getrennte Welten betrachtet werden. Sie sind Teile eines gemeinsamen Prozesses. Der Vollzug schafft einen sicheren Rahmen und beginnt bereits während der Haft mit der Resozialisierung. Bewährungshilfe und Haftentlassenenhilfe unterstützen dabei, Verantwortung, Stabilität und tragfähige Perspektiven auch außerhalb dieses Rahmens weiterzuentwickeln. Ich empfinde es als Privileg, sowohl im Strafvollzug als auch in der Bewährungshilfe einen Beitrag leisten zu dürfen. Beide Tätigkeiten zeigen mir, dass nachhaltige Sicherheit für die Gesellschaft nicht nur durch klare Regeln und Konsequenzen entsteht. Es braucht auch Beziehung, Verlässlichkeit und echte Chancen auf Veränderung.

Über die/den Autor:in

Laura Roth ist seit 2019 Teil des Kommunikations-Teams des Vereins NEUSTART. Ihre Schwerpunkte sind die interne Kommunikation und unsere Newsletter. In unserer Serie #TeamNEUSTART holt sie regelmäßig Kolleg:innen aus ganz Österreich vor den Vorhang

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