Bitte stell dich kurz vor. In welcher Region und seit wann engagierst du dich als ehrenamtliche Bewährungshelferin?
Ich heiße Jasmin Locher und bin seit August 2025 Ehrenamtliche in Wiener Neustadt.
Warum hast du dich für dieses Ehrenamt entschieden? Was gefällt dir daran am besten?
Ich habe im Rahmen meines Studiums der Sozialen Arbeit ein Langzeitpraktikum bei der Bewährungshilfe gemacht. Die Arbeit hat mir von Anfang an so gut gefallen, dass ich nach dem Praktikum eigentlich gar nicht mehr aufhören wollte. Als ich dann erfahren habe, dass man sich auch ehrenamtlich engagieren kann, war die Entscheidung schnell getroffen. Es ist ein schönes Gefühl, Menschen ein Stück auf ihrem Weg zu begleiten, sie zu unterstützen und mitzuerleben, wie sie sich weiterentwickeln und neue Perspektiven für ihr Leben finden.
Und was machst du hauptberuflich?
Ich habe vor Kurzem mein Bachelorstudium der Sozialen Arbeit abgeschlossen. Davor habe ich bereits die Ausbildung zur diplomierten Sozialpädagogin absolviert. Die Arbeit mit Menschen hat mich schon immer begeistert, deshalb war für mich schnell klar, dass ich in diesem Bereich tätig sein möchte.
Wie ergänzen sich dein Ehrenamt und Studium gegenseitig? Profitieren sie voneinander?
Ich konnte die Erfahrungen aus meinem Ehrenamt und meinen Praktika sehr gut miteinander verbinden. Vieles, was ich im Studium gelernt habe, konnte ich in der Bewährungshilfe direkt in der Praxis anwenden. Gleichzeitig hat mir das Ehrenamt geholfen, Inhalte aus dem Studium besser zu verstehen und wertvolle Erfahrungen im Umgang mit Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen zu sammeln. Ich bin überzeugt, dass mir diese Erfahrungen auch in meinem weiteren Berufsweg sehr zugutekommen werden.
Was sagt dein Umfeld dazu, dass du ehrenamtliche Bewährungshelferin bist? Welche Rückmeldungen bekommst du, wenn du davon erzählst?
Die Reaktionen sind eigentlich immer sehr positiv. Viele finden es spannend und sagen, dass sie sich so ein Ehrenamt selbst gar nicht zutrauen würden. Oft werde ich gefragt, ob die Tätigkeit nicht gefährlich ist, weil ich mit straffällig gewordenen Menschen arbeite. Dann erkläre ich meistens, wie die Bewährungshilfe tatsächlich funktioniert und dass viele Vorstellungen darüber nicht der Realität entsprechen. Mein Umfeld hat großen Respekt vor meinem Engagement – besonders, weil ich in meinem Alter schon so viel Verantwortung übernehmen darf.
Wie viele Klient:innen begleitest du derzeit?
Aktuell drei.
Gibt es Klient:innen-Typen mit denen du besonders gerne und konstruktiv arbeitest? Also liegen dir bestimmte demografische Gruppen oder Delikt-Arten mehr als andere?
Ich würde nicht sagen, dass ich eine bestimmte Art von Klient:in oder Delikt bevorzuge. Jeder Mensch bringt seine eigene Geschichte mit und genau das macht die Arbeit so abwechslungsreich. Natürlich ist es manchmal einfacher, wenn jemand von Anfang an etwas offener ist, da es die Kommunikation erleichtert. Aber, gerade wenn das nicht der Fall ist, gehört es zur Aufgabe, gemeinsam Schritt für Schritt Vertrauen aufzubauen und eine gute Arbeitsbasis zu schaffen. Für mich steht immer der Mensch im Mittelpunkt – unabhängig davon, weshalb er oder sie in der Bewährungshilfe ist.
Gibt es so etwas wie eine typische Betreuungssituation? Wie laufen die Termine mit deinen Klient:innen ab?
Die meisten Termine finden in den Büroräumlichkeiten von NEUSTART statt. Zu Beginn sprechen wir darüber, was sich seit dem letzten Treffen getan hat und wie es der:dem Klient:in aktuell geht. Falls es offene Themen oder Vereinbarungen vom letzten Termin gibt, greifen wir diese zuerst auf. Anschließend schauen wir gemeinsam, was im Moment am wichtigsten ist und wobei ich unterstützen kann – das kann je nach Situation ganz unterschiedlich sein. Mir ist dabei besonders wichtig, eine angenehme und wertschätzende Gesprächsatmosphäre zu schaffen, in der sich die:der Klient:in ernst genommen und wohl fühlt. Je nach Betreuungsverlauf arbeiten wir auch an der Deliktverarbeitung. Dafür nutze ich verschiedene Methoden, Arbeitsblätter oder andere Hilfsmittel, um Inhalte verständlicher und anschaulicher zu vermitteln und gemeinsam zu reflektieren. Am Ende klären wir, ob noch etwas offen ist und vereinbaren den nächsten Termin.
Was sind die größten Herausforderungen in der Arbeit mit Straffälligen?
Eine der größten Herausforderungen ist, dass die Klient:innen regelmäßig zu den vereinbarten Terminen erscheinen. Kontinuität ist eine wichtige Voraussetzung, um gemeinsam an Themen arbeiten und Fortschritte erzielen zu können. Eine weitere Herausforderung ist der Vertrauensaufbau. Viele Klient:innen kommen anfangs mit einer gewissen Skepsis oder sogar Misstrauen in die Bewährungshilfe – was, aufgrund ihrer bisherigen Erfahrungen, auch verständlich sein kann. Deshalb braucht es Zeit, Geduld und eine ehrliche, wertschätzende Haltung, um eine gute Arbeitsbeziehung aufzubauen. Sobald dieses Vertrauen entsteht, kann oft sehr viel erreicht werden.
Woran merkst du ganz konkret, dass deine ehrenamtliche Arbeit etwas bewirkt?
Ich merke, dass meine Arbeit etwas bewirkt, wenn Klient:innen beginnen, Zusammenhänge selbst zu erkennen und ihre eigene Situation aus einer neuen Perspektive zu betrachten. Oft sind es die kleinen Fortschritte, die besonders viel bedeuten – wenn jemand offener wird, Verantwortung für das eigene Handeln übernimmt oder mit eigenen Ideen und Lösungen in ein Gespräch kommt. Auch wenn Klient:innen regelmäßig zu den Terminen erscheinen und ich merke, dass Vertrauen entstanden ist, zeigt mir das, dass die gemeinsame Arbeit etwas bewegt. Solche Entwicklungen sind für mich besonders motivierend und bestätigen mich in meinem Engagement.
Wie findest du persönlich Ausgleich zu deinem Job und Ehrenamt? Was machst du in deiner Freizeit?
In meiner Freizeit finde ich meinen Ausgleich vor allem durch Sport und Zeit in der Natur. Das hilft mir, den Kopf freizubekommen und neue Energie zu tanken. Wenn mich etwas aus der Arbeit beschäftigt oder belastet, bin ich außerdem sehr froh über die regelmäßigen Teambesprechungen bei NEUSTART. Dort können wir uns in einem vertrauensvollen Rahmen austauschen, schwierige Situationen gemeinsam reflektieren und uns gegenseitig unterstützen. Das ist sehr wertvoll.
Gibt es sonst noch etwas, das du mit unseren Leser:innen teilen möchtest?
Ich möchte Menschen ermutigen, sich nicht von Vorurteilen oder ihrem Alter verunsichern zu lassen. Gerade im sozialen Bereich zählt nicht nur die Berufserfahrung, sondern auch die eigene Haltung, Offenheit und Bereitschaft, Menschen respektvoll zu begegnen. Natürlich wächst Erfahrung mit der Zeit, aber Engagement, Empathie und Verantwortungsbewusstsein sind nicht vom Alter abhängig. Ich habe selbst erlebt, dass Vertrauen nicht dadurch entsteht, wie alt man ist, sondern dadurch, wie man mit Menschen umgeht. Deshalb würde ich jeder:m, die:der Interesse an einem Ehrenamt hat, empfehlen, den Schritt einfach zu wagen.


