Woher kommt der Begriff „Dog Whistling“?
Die Töne einer Hundepfeife sind so hoch, dass sie nur mit Hundeohren hörbar sind. Ähnlich verhält es sich mit verschlüsselten politischen Aussagen, Symbolen oder Gesten. Ihre Bedeutung wird nur für jene klar, die das entsprechende Gehör haben – für alle anderen bleibt sie unverfänglich. „Dog Whistling“ ist kein neues Phänomen, der Begriff wurde bereits gegen Ende der 1980er Jahre von einem Reporter der Washington Post erstmals verwendet. Die tatsächliche Jahreszahl lasse ich an dieser Stelle bewusst weg, denn – Spoilerwarnung – auch sie enthält eine bekannte „Dog Whistle“. Durch Social Media, das rauer werdende politische Klima und zunehmende gesellschaftliche Spaltungstendenzen hat sich das Spielfeld der Hundepfeifenpolitik seither massiv vergrößert und weiterentwickelt.
„Das war ja gar nicht so gemeint!“
Verschwörungstheorien, unpopuläre oder rassistische Ansichten werden nicht mehr klar ausgesprochen, sondern mit den entsprechenden Codes und Signalwörtern an Gleichgesinnte kommuniziert. Gewollter Nebeneffekt: Selbst wenn offensichtlich ist, dass es sich um „Dog Whistling“ handelt, bleiben problematische Aussagen glaubhaft abstreitbar.
Warum „White Power“ nicht „OK“ ist
Zahlreiche dieser „Dog Whistles“ sind inzwischen auch in der breiten Öffentlichkeit bekannt, teilweise werden sie strafrechtlich verfolgt. Jedoch verändern sie sich laufend und entwickeln sich weiter. Es ist wichtig, sie zu kennen oder zumindest über dieses Phänomen Bescheid zu wissen, um mit offenen Augen durch die heutige Onlinewelt navigieren und digitale Zivilcourage zeigen zu können (dokumentieren, melden, blockieren, anzeigen). Schauen wir uns einige Beispiele an:
- „88“: Die Zahl „8“ steht in diesem Fall für den achten Buchstaben im Alphabet, somit wird der Code zu „HH“, was in rechtsradikalen Kreisen als „Heil Hitler“ gelesen wird. Soweit, so bekannt. Weitere einschlägige Zahlen-Codes sind etwa „271k“, „18“, „28“, „444“, „1919“, „14“ oder „1161“.
- „OK“: Diese Handgeste steht bei White Supremacists für „White Power“. Die drei gestreckten Finger bilden ein „W“, während der Kreis aus Zeige- und Daumenfinger, zusammen mit der Außenkante des Daumens, ein „P“ darstellt. Also: Augen auf bei vermeintlich unverfänglichen Fotos und Emojis.
- L’Amour Toujours: Große Aufregung erregte 2024 ein Partyvideo, auf dem fremdenfeindliche Texte zu diesem, als rassistischer Hymne missbrauchtem, Techno-Hit gegrölt wurden. Die lautmalerische Abfolge „Döp Dödö Döp“ reicht seither in gewissen Kreisen aus und alle „Eingeweihten“ wissen Bescheid. Gerne wird auch „arardddar“ verwendet, das als Abkürzung stellvertretend für die menschenfeindliche Parole steht, die zur eingängigen Melodie gesungen wird. Auch der Umriss der Insel Sylt – etwa auf Tassen, T-Shirts oder als Aufkleber – wird als rechtsextremer Code zur Schau getragen.
- MAGA: Zahlreiche politische Akteur:innen der MAGA Szene nutzen „Dog Whistling“ in Medienauftritten – etwa Robert F. Kennedy Jr., um die eigenen Anhänger:innen nicht zu vergraulen, anstatt eine klare Impfempfehlung auszusprechen: „We hear talk about providing information to the public, about discussing with one’s health care provider options, including vaccines.” Als weniger subtiles Beispiel ist Elon Musks „römischer Gruß“ bei Donald Trumps Amtseinführung in die jüngere Geschichte eingegangen. Trump selbst fällt immer wieder mit Sagern wie „There are good people on both sides“ auf – der am Rande eines White Nationalist Protests in Charlottesville, Virginia gefallen ist.
- „inner city“: Ein klassisches Beispiel aus dem englischen Sprachraum. Was nach einer regionalen Verortung klingt, befeuert innerhalb einer entsprechenden Hörer:innenschaft rassistische Stereotype. Ähnlich verhält es sich mit dem „Stadtbild“ im deutschsprachigen Raum, das im Herbst 2025 für Aufsehen sorgte, als es verwendet wurde, um zu umschreiben, dass junge Männer mit Migrationshintergrund eben jenes stören.
Vorsicht bei Emojis
Spätestens seit „Adolesence“ wissen wir, dass bestimme Emojis und Emoji-Kombis nur auf den ersten Blick unverfänglich wirken. Das ist nur ein winziger Auszug der schier unendlichen Liste an Doppel- und Mehrfachbedeutungen, die sich laufend verändern und weiterentwickeln:
- Ähnlich des „OK“-Emojis steht auch das doppelt unterstrichene „100“ Emoji längst nicht mehr für volle Zustimmung, sondern für die angebliche Überlegenheit der „weißen Rasse“.
- Das Vampir-Emoji wird als antisemitischer Stereotyp verwendet.
- Mit dem Kiwi-Emoji wird Transfeindlichkeit ausgedrückt.
- Zwei Blitz Emojis hintereinander stehen für das Zeichen der Schutzstaffel („SS“).
- Das blaue Herz ist ein Erkennungszeichen für AfD Anhänger:innen und andere rechte Gruppierungen.
- Das rote Kreuz („X“) wird als Hakenkreuz-Ersatz verwendet.
- Ein roter, weißer und schwarzer Kreis nebeneinander symbolisieren die Farbe der Reichsflagge.
- Das Pillen-Emoji oder ein roter Kreis („Red Pill“ Referenz auf „Matrix“ Filme) wird von Incels in der Manosphere als Code für das Aufwachen in Bezug auf Gender-Rollen verwendet.
- Das Emoji mit der winkenden Person wird als Hitlergruß verwendet.
- Das Kugelschreiber Emoji gilt als Code für die Leugnung des Holocausts und bezieht sich auf die Verschwörungstheorie, das Tagebuch der Anne Frank sei eine Fälschung.
- In der Impfgegener:innen-Szene werden Karotte, Kuchen und Pizza verwendet, um – an den Seiten-Moderator:innen vorbei – Falschinformationen über Impfungen zu verbreiten.
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