„Mit der Brechstange erreicht man keine Veränderung“

Die beiden NEUSTART Geschäftsführer Christoph Koss und Alfred Kohlberger über häusliche Gewalt, Sozialarbeit in Zeiten der Pandemie und die Notwendigkeit einer Reform des Maßnahmenvollzugs.

NEUSTART: Der Report ist unser Medium, in dem wir Bilanz ziehen. 2021 war ein bewegtes Jahr. Was hat NEUSTART am meisten bewegt?

Christoph Koss: Die COVID-Pandemie und die Gewaltpräventionsberatung. Mitte Juli bekamen wir den Zuschlag des Innenministeriums, diese Dienstleistung in fünf Bundesländern durchzuführen und Anfang September haben wir mit den Beratungen begonnen. Das in so kurzer Zeit auf die Beine zu stellen, war eine enorme Herausforderung. In den ersten sechs Monaten haben wir 5.000 Personen beraten. Da haben unsere Kolleg:innen Großartiges geleistet.

Alfred Kohlberger: NEUSTART ist noch nie in seiner Geschichte in so kurzer Zeit so stark gewachsen. Wir haben im Vorjahr aufgrund von Pensionsabgängen und der neuen Dienstleistung 120 neue Mitarbeiter:innen aufgenommen. Das hat sämtliche Strukturen von NEUSTART vor große Herausforderungen gestellt. Das war ein Kraftakt der ganzen Organisation, der mit einem hohen Arbeitsaufwand verbunden war. Jetzt sind wir dabei, die Strukturen nachzuziehen, damit wir wieder in ruhigere Fahrwasser kommen.

NEUSTART: Was waren denn die Knackpunkte bei diesem Veränderungsprozess?

Koss: Gut qualifiziertes Personal zu finden – das war ein Knackpunkt, ist uns aber gelungen. Außerdem war es für uns sehr aufregend, diese Chance zu bekommen, an der Bewältigung eines großen gesellschaftlichen Problems – nämlich häuslicher Gewalt – mitzuarbeiten. Das Thema bewegt jeden Menschen.

Kohlberger: NEUSTART leistet damit einen Beitrag für mehr Sicherheit. Dabei haben wir viel Erfahrung – aus der Bewährungshilfe und aus anderen Dienstleistungen. Dieses Bewusstsein, einen gesellschaftlich wichtigen Beitrag zu leisten, war Motor dafür, dass wir über uns hinausgewachsen sind. Das Arbeitsvolumen, das unsere Kolleg:innen dafür bewältigt haben, war enorm und das wissen wir sehr zu schätzen.

Koss: Uns geht es auch darum, einen Teil der Nachkriegsgeschichte Österreichs ein für alle Mal hinter uns zu lassen. Gewalt war lange Zeit ein Stück Normalität: Gewalt in Kinderheimen und anderen Institutionen, Gewalt in Wirtshäusern, auf dem Fußballplatz und bei Volksfesten. Besonders schlimm jedoch ist Gewalt in der Familie, denn wir alle wollen uns zu Hause sicher fühlen. Vor 25 Jahren hat mit der Verabschiedung des Gewaltschutzgesetzes eine sehr positive Entwicklung begonnen und die Gewaltpräventionsberatung ist ein weiterer Schritt.

NEUSTART: Die Gewaltpräventionsberatung setzt beim Täter an

Kohlberger: Sogar noch vor einer möglichen Verurteilung. Denn jemand, der von der Polizei ein Betretungs- und Annäherungsverbot ausgesprochen bekommt, ist – noch – nicht gerichtlich verurteilt. Er wird jedoch verpflichtet, diese Beratung in Anspruch zu nehmen. Die Sozialarbeiter:innen von NEUSTART haben viel Erfahrung bei der Arbeit mit Menschen, die unsere Unterstützung nicht freiwillig suchen – also mit Arbeit im Zwangskontext. Wir können daher sehr gut mit anfänglichen Widerständen umgehen. Wir unterstützen Gefährder dabei, Alternativen zu Gewalt zu finden. Gleichzeitig machen wir deutlich, dass Gewalt niemals toleriert werden kann.

Koss: Das oberste Ziel in der Beratung ist ein Stopp der Gewalt und dazu muss man sich auf die Gefährder einlassen. Mit der Brechstange erreicht man keine Veränderung.

NEUSTART: Die zweite große Herausforderung war die COVID-Pandemie.

Kohlberger: Absolut. Eine neue Dienstleistung in Zeiten einer Pandemie einzuführen: Daran merkt man, dass besondere Zeiten, Besonderes möglich machen.

NEUSTART: Was war die größte Herausforderung während der Pandemie?

Koss: Zwei Dinge: erstens für größtmöglichen gesundheitlichen Schutz unserer Mitarbeiter:innen zu sorgen und zweitens, gleichzeitig für unsere Klient:innen da zu sein. Das ist nämlich gerade in einer unsicheren Phase besonders wichtig. Wenn Arbeitslosigkeit droht, wenn man in beengten Wohnverhältnissen einen Lockdown verbringen muss, wenn man um seine Gesundheit besorgt ist – all das sind schwierige Situationen, in denen unsere Klient:innen unsere Unterstützung brauchen. In der Sozialarbeit, die wir leisten, ist der persönliche Kontakt das Um und Auf.

Kohlberger: Mich macht es sehr stolz, dass wir diesen Kontakt im ganzen Jahr 2021 aufrechterhalten konnten. Dafür brauchte es natürlich Sicherheitsmaßnahmen, die von unseren Mitarbeiter:innen sehr diszipliniert mitgetragen wurden.

NEUSTART: COVID ist ja nicht nur für das Gesundheitssystem und für Organisationen eine Riesenherausforderung. Die gesamte Gesellschaft spürt das. Man hat den Eindruck, es prallen unvereinbare Positionen aufeinander. Kann NEUSTART zu einem gelingenden Miteinander beitragen?

Koss: Konflikte sind Teil jeder Gesellschaft. Die entscheidende Frage ist, wie gehen wir mit Konflikten um? Besonders schwierig wird es dann, wenn Grenzen überschritten wurden – wenn es zu einer Körperverletzung oder zu einer Sachbeschädigung gekommen ist. Da können wir helfen, den sozialen Frieden wieder herzustellen, zum Beispiel bei einem Tatausgleich.

Kohlberger: Dass das beim Tatausgleich gut gelingt, zeigt eine aktuelle Studie, die wir in Auftrag gegeben haben. 77 Prozent der Opfer sagen, sie sind mit dem Ergebnis des Tatausgleichs zufrieden.

NEUSTART: Nun ist aber Tatausgleich nicht nach jedem Delikt möglich…

Kohlberger: Bleiben wir beim Beispiel der Pandemie. Da gibt es Menschen, die mit den COVID-Maßnahmen, oder generell mit staatlicher Autorität, ein Problem haben. Eine Gesellschaft braucht allerdings Spielregeln, Grenzen und rote Linien. Wir dürfen bloß nicht den Fehler machen, den Kontakt zu jenen zu verlieren, die diese Grenzen überschreiten. Es braucht ein Erklären, warum es diese Grenzen gibt und man muss gemeinsam mit eine:r Straftäter:in Wege suchen, die wieder innerhalb dieser Grenzen führen. Und dabei braucht es oft Unterstützung – sei es in der Bewährungshilfe, bei der Haftentlassenenhilfe oder durch andere Angebote.

Koss: Auch Menschen, die schwere Straftaten begangenen haben, sind Teil unserer Gesellschaft. Wenn wir diese Gruppe abwerten und ihr mit Gewalt begegnen, stellt sich die Frage, wo das endet. Gibt es eine andere Gruppe, gegen die wir auch so vorgehen würden? Wir haben den Anspruch auf ein Leben ohne Gewalt. Und diesen Anspruch erreichen wir nicht durch Ausgrenzung.

NEUSTART: Gewalt beginnt oft schon mit Worten – das merkt man gerade im Web. Dort geht es mitunter ruppig zu.

Koss: Auch im Netz gibt es Grenzen. Hass oder Äußerungen, die den Tatbestand der Verhetzung erfüllen, überschreiten diese Grenzen. Unsere Aufgabe ist es dann, deutlich zu machen, warum es diese Grenzen gibt. Mit unserem Angebot „Dialog statt Hass“ unterstützen wir Menschen, sich im Web anders zu verhalten. Kritik muss anders formuliert werden, als durch Worte, die verletzend oder sogar verhetzend sind. Damit muss eine Auseinandersetzung stattfinden. Die Strafe ist eines, die Auseinandersetzung mit einer solchen Tat ist nochmal etwas anderes.

NEUSTART: Digitale Kommunikation birgt das Risiko, dass Grenzen schnell verletzt werden. Andererseits eröffnet die Digitalisierung viele Chancen. Auch in der Sozialarbeit?

Kohlberger: Definitiv. Wir können damit unsere Kommunikationswege verbreitern und Hürden abbauen. Ein Beispiel dafür ist die Go NEUSTART App, mit der wir mit unseren Klient:innen kommunizieren können. Wenn Menschen im Zwangskontext betreut werden, hat man es häufig mit Widerstand zu tun. Und das drückt sich oft im Nicht-Einhalten von Terminen aus. Je mehr Kanäle ich anbieten kann, umso leichter gelingt es mit diesem Widerstand umzugehen.

Koss: Unsere Arbeit ist ohne Digitalisierung gar nicht mehr denkbar. Sie ermöglicht uns, Zeit für das Wesentliche zu haben. Für den persönlichen Kontakt mit unseren Klien:tinnen. Das ist und bleibt, bei aller Digitalisierung, das Herzstück unserer Sozialarbeit.

NEUSTART: Geld ist, ebenso wie Zeit, eine begrenzte Ressource. Befürchten Sie Einsparungen im Sozialbereich aufgrund der COVID-Maßnahmen?

Kohlberger: Die Politik wird sich überlegen müssen, ob Sie tatsächlich bei der Resozialisierung sparen kann. Ich finde nicht. Wir merken, dass sozial konstruktive Maßnahmen in der aktuellen Justizpolitik einen hohen Stellenwert haben. Das ist gut so, es ist aber auch mit gewissen Kosten verbunden. Ich sehe das aber stärker als Investitionen, die eine sehr hohe Rendite haben. Es lohnt sich, in Resozialisierung zu investieren und es kostet viel, es nicht zu tun – nämlich den sozialen Frieden.

Koss: Sparen wird wohl eine Notwendigkeit werden. Meine Sorge ist, dass man bei Menschen spart, die ohnehin schon stark unter Druck stehen und deren Situation sich dadurch noch verschärft. Wenn Menschen keine Perspektive haben, drohen sie in die Kriminalität abzurutschen.

NEUSTART: Dass die Justizpolitik offen für sozial konstruktive Maßnahmen ist, ist positiv. Wo hingegen gibt es den größten Handlungsbedarf?

Kohlberger: Beim Maßnahmenvollzug. Wir haben es mit psychisch kranken Menschen zu tun, die unter Eindruck ihrer Krankheiten Straftaten begehen. Die Gesundheitsverwaltung in diesem Bereich ist finanziell schlecht ausgestattet. Ein Abschieben der Verantwortung ins Justizsystem kann aber nicht die Lösung sein. Wir haben die menschenrechtliche Verpflichtung, mit Kranken menschenwürdig umzugehen.

Koss: Wer im Maßnahmenvollzug ist, muss vom ersten Tag an behandelt werden und darf nur so lange angehalten werden, wie es unbedingt notwendig ist, um die Sicherheit zu gewährleisten.

Kohlberger: Da braucht es eine Reform. Besser heute als morgen.