Lust am Strafen

Lust auf Eis? Auf Pizza, aufs Meer, auf Sex? Nachvollziehbar. Es gibt aber auch die Lust am Strafen. Vielleicht weniger verständlich. In der Kriminologie spricht man von Punitivität. Gemeint ist damit die „Neigung eines Staates oder einer Gesellschaft, auf Straftaten mit harten, strafenden Maßnahmen zu reagieren“.

Punitivität lässt sich aber nicht nur bei Staaten oder Gesellschaften beobachten, sondern auch bei Individuen. Wenig überraschend – schließlich setzen sich Staat und Gesellschaft aus Individuen zusammen.

Wie lässt sich Punitivität feststellen?

Der Kriminologe Christian Pfeiffer beschreibt eine Spirale aus Medien, Politik und öffentlicher Wahrnehmung. Schwere Gewaltverbrechen erhalten große mediale Aufmerksamkeit, wodurch viele Menschen das Ausmaß schwerer Kriminalität überschätzen. So schätzten Befragte in Deutschland für das Jahr 2003 rund 842 Morde, obwohl tatsächlich 394 registriert wurden. Diese verzerrte Wahrnehmung begünstigt Forderungen nach strengeren Strafen. Nach Pfeiffers Analyse reagieren Politiker:innen darauf häufig mit dem Ruf nach härteren Gesetzen. Gleichzeitig habe sich auch innerhalb der Justiz der Schwerpunkt zunehmend von der Resozialisierung hin zur Abschreckung verschoben. Pfeiffer bezeichnet diesen Prozess als „Dämonisierung des Bösen“.

Inhaftierungsquote

In der Kriminologie gibt es mehrere Ansätze, Punitivität zu messen. Klassisch ist es etwa, die Inhaftierungsquoten zu vergleichen. Um die Vergleichbarkeit tatsächlich zu gewährleisten, wird gezählt, wie viele Personen pro 100.000 Einwohner:innen inhaftiert sind. Dabei zeigen sich durchaus eklatante Unterschiede.

In internationalen Statistiken scheint Österreich mit einem Wert von 105 auf, die Schweiz mit 78, Deutschland mit 69.

Um die Vergleichbarkeit sicherzustellen, beziehen sich diese Daten jeweils auf einen bestimmten Stichtag. Wer die aktuelle Zahl der Inhaftierten in Österreich abfragen möchte, kann das hier tun: Verteilung des Insassinnen- bzw. Insassenstandes. Die Daten werden monatlich aktualisiert.

Medienanalyse

Ein weiterer Ansatz ist die Analyse von Medienbeiträgen. Dabei lässt sich beispielsweise nach Schlagworten suchen wie

  • „härtere Strafen“
  • „Null Toleranz“
  • „hart durchgreifen“
  • „Konsequenzen verschärfen“
  • „wegsperren“
  • „kein Pardon“

Beispiele dafür:

Trendwende?

Forschungsergebnisse zeigen allerdings, dass eine bloße Erhöhung des Strafmaßes kaum zusätzlich vor Kriminalität abschreckt. Entscheidend für die Abschreckung ist vielmehr die Wahrscheinlichkeit, entdeckt und bestraft zu werden, nicht die Höhe der angedrohten Strafe. Wer glaubt, nicht erwischt zu werden, lässt sich von einem höheren Strafmaß meist nicht von einer Tat abhalten. Forderungen nach Strafverschärfungen beruhen daher häufig eher auf emotionaler Wahrnehmung als auf wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Es ist also höchste Zeit für eine Trendwende hin zu einer rationalen, evidenzbasierten Kriminalpolitik.

Das Netzwerk Kriminalpolitik hat konkrete Vorschläge ausgearbeitet. Die Justizministerin hat Vertreter:innen zu einer Arbeitsgruppe eingeladen. Lust auf Veränderung?

Über die/den Autor:in

Dina Nachbaur ist seit 2026 NEUSTART Geschäftsführerin für "Sozialarbeit und Organisation der Einrichtungen". Davor hat die Juristin und Kriminalsoziologin den Zentralbereich Sozialarbeit bei NEUSTART geleitet. In dieser Rolle hat sie die Leitung der NEUSTART Beratungsstellen für Gewaltpräventionsberatung verantwortet und die Weiterentwicklung des Gewaltschutz in Österreich mitgeprägt. Für Dina Nachbaur ist die Entwicklung kluger, evidenzbasierter Alternativen zur Haft eine der großen Herausforderungen der kommenden Jahre – ebenso wie das Schritthalten der NEUSTART Angebote mit aktuellen Entwicklungen im Digitalbereich.

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