Bitte stell dich kurz vor.
Mein Name ist Hansi Schuster, ich bin 37 Jahre alt und lebe seit fast 20 Jahren in Wien. Ursprünglich komme ich aus Innsbruck.
Seit wann bist du bei NEUSTART? Was hast du vorher gemacht?
Seit bald zwei Jahren. Ich war ein Spätberufener im Sozialbereich. Angefangen beim Leichenbestatter, über die Nacht-Gastro, das Chemielabor und die Selbstständigkeit, begann mein Weg im Sozialbereich in einer sozialtherapeutischen/-psychiatrischen Wohngemeinschaft für Kinder und Jugendliche und ging dann im Asylbereich weiter, bis ich die Chance bei NEUSTART erhielt.
In welcher NEUSTART Einrichtung und welchem Bereich arbeitest Du?
Ich arbeite bei NEUSTART Niederösterreich und Burgenland in den Bereichen Bewährungshilfe, Gewaltpräventionsberatung und elektronisch überwachter Hausarrest.
Du hast mir vorab gesagt, dass du gerne über die Gewaltpräventionsberatung sprechen möchtest. Kannst du kurz zusammenfassen, wie die Betreuung in dieser Dienstleistung abläuft und worin sie sich von unseren anderen Angeboten unterscheidet? Was ist ihr Ziel?
Die Gewaltpräventionsberatung ist in der Praxis ein absoluter Sonderfall. Sie besteht aus sechs Stunden mit einem sehr klaren Auftrag und dem Ziel, einen Gewaltstopp zu erreichen – ohne den Anspruch eines tiefergehenden Beziehungsaufbaus. Gewalt, so zumindest meine Perspektive, ist ein Mittel der Kommunikation, das angelernt wurde oder aus einer Emotion heraus, wenn „die Worte fehlen“, entsteht. Je häufiger, sprich „alltäglicher“, sie wird, desto weniger wird sie reflektiert. Diese Dynamik und häusliche Gewalt können in sechs Stunden zwar nicht aus der Welt geschafft werden, doch im besten Fall passiert ein Denkanstoß. Meiner Erfahrung nach sind die Emotionen in diesen Gesprächen sehr intensiv und oft stelle ich mir tatsächlich die Frage, ob dieser Leistungsbereich überhaupt etwas bringt. Was will man in diesen sechs Stunden erreichen? Die Gewaltpräventionsberatung stellt auf jeden Fall einen „Pausenknopf“ dar: Plötzlich sind die Klient:innen in einem neuen Umfeld, das unbekannt ist und werden mit Vorwürfen konfrontiert, die sie moralisch selbst nicht vertreten können. Im besten Fall initiieren wir damit die Weitervermittlung an eine Psychotherapie und dergleichen.
Was sind die größten Herausforderungen in der Arbeit mit Menschen, die Gewaltverbrechen begangen haben?
Ich glaube, zuerst die Abwehrhaltung zu durchbrechen und eine Grundlage für den Beziehungsaufbau zu schaffen. Im ersten Moment fühlen sich die Klient:innen oft auch von unserer Seite verurteilt beziehungsweise abgestempelt. Zeitgleich werden Sie mit einer Tat konfrontiert, für die sie sich eventuell schämen oder die sie verdrängen wollen. Hier gilt es zuerst zu vermitteln, dass die Menschen bei uns im Vordergrund stehen und nicht die Tat. Natürlich steht die Deliktverarbeitung im Zentrum, aber zunächst gilt es an einer Beziehung zu arbeiten.
Wer muss zur Gewaltpräventionsberatung und was passiert, wenn die:der Klient:in nicht zu einem Termin erscheint? Gibt es Konsequenzen?
Jede Person, die ein Betretungs- und Annäherungsverbot erhält, muss die Gewaltpräventionsberatung wahrnehmen. Sollten sich die Gefährder nicht binnen fünf Tagen bei uns melden, dann werden sie auf die Bezirkshauptmannschaft geladen, eventuell auch mit der Polizei vorgeführt. Ein verpasster, unentschuldigter Ersttermin kann zu einer Geldstrafe von bis zu 2.500 Euro führen, bei den Folgeterminen bis zu 5.000 Euro. Als Entschuldigung gelten nur gesundheitliche Verhinderungen, die ärztlich bestätigt werden.
Woran merkst du konkret, dass schon diese sechs Stunden einen Unterschied machen können?
Viele Gefährder versuchen Emotionen zu verstecken oder geben vor, keine zu haben. Mitunter gerät das Gespräch auf eine Metaebene und wenn man es dann wieder auf den Vorfall zurückführt, dann brechen doch die Emotionen hervor und mit diesen kann man dann arbeiten. Damit das gelingt, bedarf es unterschiedlicher Gesprächsführungsstile und einem gewissen zwischenmenschlichem Gefühl, das sich mit der Zeit entwickelt. Das Studium der Sozialen Arbeit aber auch die spezifischen Fortbildungen von NEUSTART bereiten gut darauf vor.
Können die Klient:innen theoretisch freiwillig auch mehr als sechs Stunden bei uns in Anspruch nehmen?
Nein. Das lässt der Alltag nicht zu und oft geht es um Problemstellungen, die eine andere Perspektive, beziehungsweise Profession, benötigen. Weitervermittlung ist deshalb ein integraler Bestandteil der Gewaltpräventionsberatung. Oft ist sie die erste Möglichkeit für Gefährder, sich mit der Problemstellung auseinanderzusetzen ohne verurteilt zu werden.
Wie viele von ihnen entscheiden sich nach dem Anschluss für weiterführende Beratungs- und Unterstützungsangebote, etwa eine Psychotherapie?
Wahrscheinlich weniger, als es zunächst sagen, aber ich gehe von ungefähr 20 Prozent aus, die eine weiterführende Beratungsstelle in Anspruch nehmen
Also ist die Gewaltpräventionsberatung oft ein Ausgangspunkt dafür, sich endlich Hilfe zu suchen?
Absolut. Und oft ist es auch der Punkt, an dem erkannt wird, dass es ein Problem gibt und dass man Hilfe braucht.
Gibt es, unabhängig davon, eigentlich so etwas wie einen typischen Arbeitstag für dich? Falls ja, wie sieht dieser aus?
Wenn man mit verschiedenen Menschen arbeitet, dann ist jeder Tag anders. Natürlich organisiert man den Großteil selbst und ist strukturiert, aber man weiß nie, was die Menschen mitbringen. Im Regelfall beginnt der Tag um 8 Uhr und endet nach vier bis acht Terminen gegen 16 oder 17 Uhr. Zwei Tage die Woche gestalte ich sehr strukturiert, da ich hier meine Klient:innen im elektronisch überwachten Hausarrest betreue.
Was gefällt dir an deiner Arbeit am besten?
Ich mag die unterschiedliche Klientel, die Professionalität meiner Kolleg:innen und dass ich Verantwortung für meine Akten und meinen Arbeitsalltag habe.
Wie findest du persönlich Ausgleich zu deinem Job?
Jeder Morgen beginnt mit zwei Stunden Sport, außerdem studiere ich zeitgleich – ich habe mein Doktorat in Angriff genommen – und verliere mich gerne in Büchern und Musik. Ich gehe jeden Morgen gerne in die Arbeit, weshalb ich eigentlich nicht wirklich einen Ausgleich brauche.
Gibt es sonst noch etwas, das du mit unseren Leser:innen teilen möchtest?
Im Gegensatz zu vielen anderen Feldern im Sozialbereich, ist NEUSTART definitiv etwas anderes. Ich wollte von Anfang an hierher und kann mir auch nicht vorstellen, woanders hinzugehen. Und egal wie hoch die Arbeitslast sein mag, es liegt an uns, dass es soziale Arbeit bleibt. Unsere Haltung baut Beziehung auf und hilft Menschen, ohne Kriminalität zu leben und neue Wege zu erproben.


