Christoph Koss: Liebe Dina, wir beide sind an einem Wendepunkt in unseren Karrieren angekommen. Du startest in der Geschäftsführung und ich gehe in den Ruhestand. Als ich 60 war, dachte ich noch, dass ich mich ganz konkret auf die Pension vorbereiten werde. Das habe ich nicht getan, sondern mich bis zuletzt voll auf die Arbeit konzentriert. Wie ist es dir gegangen, seit du erfahren hast, dass du die nächste Geschäftsführerin wirst?
Dina Nachbaur: Die Freude war riesengroß. Zuerst fühlte es sich an, als hätte ich die Zielgerade erreicht, dann kam ich drauf: Das ist ja erst die Startlinie. Damit ist zu der Freude auch das Gefühl der großen Verantwortung gekommen. Aber ich muss diese Verantwortung nicht alleine tragen. Mit Alfred Kohlberger bleibt ja ein sehr erfahrener Kollege in der Geschäftsführung.
CK: Ihr werdet das bestimmt hervorragend meistern. Du bringst auch zusätzliche Expertise mit in die Funktion hinein, mit all deiner Erfahrung im Bereich Gewaltschutz.
DN: Und gleichzeitig gibt es Kontinuität. Die Menschenrechte sind – wie bei dir – eine Leitschnur in meinem Handeln. Ich bin überzeugt, dass es – gerade im Zwangskontext – diese Rückkoppelung braucht. Menschen haben Respekt und Chancen verdient – allein aufgrund ihres Menschseins.
CK: Diese Haltung prägt die gesamte Organisation. Deshalb ist NEUSTART auch zu meiner beruflichen Heimat geworden. Abgesehen vom Rechtlichen ist es mir ein Anliegen, Menschen ganzheitlich zu betrachten. Durch die Fokussierung auf die Tat sieht man nur einen Punkt und nicht den Menschen.
Ich übergebe eine Organisation, die tolle Menschen und hohe Qualität hat.
Christoph Koss
DN: Positive Anteile, die ja jeder Mensch hat, werden dann ausgeblendet. Das führt zu Missverständnissen – zum Beispiel zum Glauben, dass durch eine Strafe das zugrunde liegende Problem gelöst wäre. Wichtig ist, wie gut eine Person in der Gesellschaft integriert ist. Und dann kommen wir ins Spiel.
CK: Die Annahme, dass eine Gefängnisstrafe alleine einen Menschen bessert, ist falsch. Wir können Alternativen aufzeigen, die erfolgreicher sind, bei denen es weniger Rückfälle gibt, weniger Opfer und schlussendlich mehr Sicherheit in der Gesellschaft.
DN: Im Gefängnis werden einem die kleinsten Entscheidungen abgenommen. Unser Ziel ist es, die Klient:innen zu unterstützen, wieder gute Entscheidungen zu treffen.
CK: Zusätzlich zu diesem inhaltlichen Grund, Alternativen zu Haftstrafen zu entwickeln, spricht der Überbelag in den Gefängnissen ebenfalls dafür.
DN: Da sind auch wir als NEUSTART gefordert, mitzudenken und kluge, evidenzbasierte Alternativen zu entwickeln. Ich sehe das als eine der großen Herausforderungen der nächsten Jahre. Genauso wie Entwicklungen im Digitalbereich – da müssen wir mit unseren Angeboten Schritt halten.
CK: Als ich bei NEUSTART begonnen habe, hat das Phänomen Hass im Netz noch nicht existiert. Mich beschäftigt die Frage, was diese Aufgeregtheit für unsere Demokratie bedeutet. Ich befürchte, sie führt derzeit zu Spaltung und wir brauchen ein Mehr an Miteinander …
DN: … und eine grundsätzlich optimistische Einstellung. Du, Christoph, hast das Glas auch immer halb voll gesehen – zum Beispiel bei der Diskussion über Jugendkriminalität. Du hast immer darauf hingewiesen, dass die Verurteilungen bei Jugendlichen stark rückläufig sind, aber ein ganz anderes Bild gezeichnet wird.
Ich übernehme eine Organisation, die stark, innovativ und widerstandsfähig ist.
Dina Nachbaur
CK: Unsere Jugend ist viel besser, als sie dargestellt wird. Ich hoffe, dass das in unserer Gesellschaft anerkannt wird, denn die Jugend ist unsere Hoffnung und Zukunft.
DN: Und gleichzeitig müssen wir uns überlegen, wie gehen wir mit Kindern und Jugendlichen um, die sich strafbar machen. Welche zusätzlichen Möglichkeiten können wir anbieten. Gleiches gilt für Menschen mit psychischen Erkrankungen, die heute viel zu oft im Maßnahmenvollzug landen, weil es zu wenige Angebote im Gesundheitsbereich gibt. Es warten viele Herausforderungen.
CK: Du, Dina, wirst die Zukunft von NEUSTART maßgeblich gestalten mit all diesen Herausforderungen und das ist gut so. Ich bin überzeugt, dass du mit deiner Expertise gemeinsam mit Alfred, dem Teamgeist der Führungskräfte und der Qualität, die die Kolleg:innen in der Sozialarbeit erbringen, viel Erfolg dabei haben wirst.
DN: NEUSTART ist ja bereits eine erfolgreiche Organisation, die auf eine lange Geschichte zurückblicken kann, in der viele Herausforderungen bewältigt wurden – eine lernende, innovative Organisation. Das ist unsere Stärke und das kann uns die Sicherheit geben, der Zukunft optimistisch entgegenzusehen.


