Wer in den 90er-Jahren „Bravo“ oder – besonders als Mädchen – „Bravo Girl“ gelesen hat, kam an ihm nicht vorbei: Gil Ofarim. Gil Ofa-Wer?, fragen sich vielleicht manche. Na, dieser langhaarige Junge mit der Gitarre um den Hals, der in jeder zweiten Foto-Lovestory den soften Nachwuchs-Rocker gab, aber eigentlich keine nennenswerten Hits hatte. Ach der!
Genau der wurde am Sonntag von einem erstaunlich großen Zuschauer:innen-Publikum per Televoting zum Dschungelkönig der Reality-Show „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ gewählt. Dass ehemalige Kinder- oder Jugendstars später in Reality-Formaten auftreten, ist nichts Ungewöhnliches. Im Fall von Gil Ofarim steht jedoch mehr im Raum als ein Karriereknick. 2021 sorgte er für einen Skandal, indem er in einem Video auf Instagram behauptete, ein Hotelmitarbeiter hätte ihn aufgrund seiner Davidstern-Kette antisemitisch beleidigt. Später stellte sich heraus, dass sich der Vorfall so nicht ereignet hatte.
Diversion ist kein „Freikaufen“ von Schuld. Diversion entfaltet ihre Wirkung nur, wenn sie mit Einsicht und echter Veränderungsbereitschaft verbunden ist.
Verantwortungsübernahme und so
Im Gerichtsverfahren, das der Hotelmitarbeiter gegen ihn anstrengte, bekannte sich Ofarim zu seiner Lüge und entschuldigte sich. Das Verfahren wurde eingestellt, mit der Auflage, Spendengelder in der Höhe von 10.000 Euro zu leisten. Hier hätte diese – zugegeben wirklich peinliche – Geschichte ein Ende nehmen können. Man suchte PR, entschied sich für den falschen Weg, nahm aber vor Gericht alle Schuld auf sich und entschuldigte sich. Genau hier zeigt sich, wie sinnvoll Diversion sein kann: Sie ermöglicht es, Verantwortung zu übernehmen, Schaden wiedergutzumachen und ein Verfahren ohne Urteil zu beenden. Entscheidend ist dabei jedoch nicht nur die formale Erledigung – sondern die tatsächliche Auseinandersetzung mit dem eigenen Verhalten.
Aber Gil kann es einfach nicht lassen und behauptet auch noch Jahre später, er hätte die Schuld nur auf sich genommen, um das Verfahren zu beenden. Das klingt gar nicht nach Reue, Selbstreflexion oder Verantwortungsübernahme. Noch schlimmer wurde es dann heuer im Dschungelcamp. Als Teilnehmer der Reality-TV-Show behauptete er vor laufender Kamera, er dürfe sich aufgrund einer Verschwiegenheitserklärung nicht zu den Hintergründen seiner Tat oder dem Gerichtsverfahren äußern, das Überwachungsvideo des Hotels von damals sei manipuliert gewesen, alle Medien hätten sich gegen ihn verschworen und ach ja, er habe die Schuld eigentlich nur eingestanden, um seine Kinder weiterhin sehen zu können. Solche Äußerungen lassen ehrliche Zweifel daran aufkommen, ob tatsächlich eine nachhaltige persönliche Aufarbeitung stattgefunden hat. Echte Verantwortungsübernahme und Arbeit am eigenen Verhalten sehen nämlich anders aus.
Die Zuschauer:innen vom Dschungelcamp sahen das offenbar anders und wählten ihn zum Dschungelkönig. „Er hat sich doch längst entschuldigt“, tönt es in den Kommentaren von Gil-Fans und zeigt ein verbreitetes Missverständnis: Diversion ist kein „Freikaufen“ von Schuld. Diversion entfaltet ihre Wirkung nur, wenn sie mit Einsicht und echter Veränderungsbereitschaft verbunden ist. Diese lassen sich leider nicht kaufen – auch nicht mit 100.000 Euro Preisgeld. Übrigens genauso wenig wie ein Gewissen.
Fotocredit: RTL dpa


