„Dann musst du sie halt domestizieren!“

Bei einem Vernetzungstreffen meinte eine geschätzte Kollegin vom Gewaltschutzzentrum: „Wir haben in Österreich eines der besten Gesetze gegen Gewalt an Frauen, aber trotzdem scheint die Gewalt nicht weniger zu werden.“ Es folgte eine Diskussion und Austausch über die möglichen Hintergründe.

Szenenwechsel. 

Einen Tag später stehe ich in der Umkleide meines Fitnessstudios und bekomme folgende Unterhaltung zwischen zwei Männern Mitte 20 mit:

A:„Bist eh schon so lange Single, wäre die Kathi nicht was für dich?“
B: „Na, die ist nicht so mein Fall.“
A: „Wieso? Ist ja eh fesch“
B: „Ja eh, aber die ist mir zu … emanzipiert.“
A: „Was meinst du damit?“
B: „Na die redet wahrscheinlich zurück, wenn ich ihr was anschaffe und will diskutieren.“
A: „Dann musst du sie halt domestizieren.“
B: „Stimmt eh, aber ich glaub ah beim Sex würde es nicht passen … die will wahrscheinlich auch noch selbst auf ihre Kosten kommen.“
A: „Na geh, dann musst du halt ein bisschen Gewalt einsetzen, damit du besser zum Zug kommst“

Ein scheinbares Alltagsgespräch zwischen zwei befreundeten Männern Mitte Zwanzig.

Meine Reaktion?

In diesem Fall emotional (in der Grenzsetzung), nicht immer kann auch im privaten die fachliche Professionalität die Überhand behalten, vor allem bei so herabwürdigenden Worten.

Wieso erzähle ich dies nun?

Weil mir im Anschluss die Grundfrage vom gestrigen Tag von der Kollegin durch den Kopf ging und mir auch die Aussage eines auf häusliche Gewalt spezialisierten Polizisten einfiel.

Dieser meinte, dass eine vergangene Annahme war, dass aufgrund der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Thematik häusliche Gewalt, diese ein „Auslaufmodell“ sei, da die jüngere, nachkommende Generation einen anderen Zugang habe. Allerdings habe er festgestellt, dass in den letzten Jahren die Zahl der Gefährder in der Altersgruppe 20-30 am steigen sei und nicht rückgängig.

Im positiven Fall könnte dies daran liegen, dass die Generation der Frauen in diesem Alter bei Gewalt durch den Partner schneller mit einer Anzeige reagiert. Im negativen Fall könnte es auch so sein, dass – vor allem in Kombination mit den multiplen Krisen der letzten Jahre – in Bezug auf Männlichkeitsbild und Beziehungsmustern ein Backlash eingesetzt hat.

Daher ist es aus meiner Sicht sehr wichtig, Gewalt gegen Frauen nicht als alleiniges oder Hauptproblem der älteren Generation(en) zu sehen, sondern eben auch aktiv bei der jüngeren Generation anzusetzen und dran zu bleiben.

Gewalt gegen Frauen ist in Österreich (leider) ein gesamtgesellschaftliches Problem, wo wir uns keine blinden Flecken leisten können!

Über die/den Autor:in
Alexander Grohs

Leiter von NEUSTART Niederösterreich und Burgenland seit 2017. Zuvor Abteilungsleiter und Sozialarbeiter, im Schwerpunkt tätig in der Bewährungshilfe, Haftentlassenenhilfe und Anti-Gewalt-Training.
Nebenberuflicher Lektor an der der FH St. Pölten für „Devianz und Strafrecht“. Referent für Gewaltarbeit und (De-)Radikalisierung.
Vor NEUSTART als Flüchtlingsberater, Outplacer und Schulsozialarbeiter beschäftigt.