Bitte stell dich kurz vor
Ich heiße Robin Lang, bin 35 Jahre alt und lebe im Bezirk Mattersburg – alles Weitere verstehe ich weniger als Beschreibung, sondern als Prozess.
In welcher NEUSTART Einrichtung und welchem Bereich arbeitest Du?
Ich arbeite in Wiener Neustadt. Mein Schwerpunkt liegt in der Bewährungshilfe, der Gewaltpräventionsberatung sowie im Anti-Gewalt-Training. Längere Zeit war ich auch im Bereich des elektronisch überwachten Hausarrests tätig, aktuell führe ich hier vor allem Erhebungsgespräche durch. Darüber hinaus darf ich seit rund zwei Jahren, gemeinsam mit einer Kollegin, die Fortbildung zur Deliktverarbeitung für ehrenamtliche Mitarbeiter:innen gestalten, moderieren und anleiten.
Seit wann bist du bei NEUSTART? Und warum hast du dich für NEUSTART als Arbeitgeber entschieden?
Ich bin seit gut sechs Jahren hauptamtlich bei NEUSTART tätig. Warum NEUSTART? Um diese Frage ehrlich zu beantworten, müsste ich biografisch weiter ausholen. Verkürzt lässt sich sagen: Ich weiß, was es bedeutet, das eigene Narrativ neu zu schreiben – und wie entscheidend Menschen sind, die in einem mehr sehen, als man selbst gerade sehen kann. Diese Erfahrung prägt meine Arbeit bis heute und ist zugleich etwas, das ich bei NEUSTART an unsere Klient:innen weitergebe. Nach unterschiedlichen Stationen im sozialwirtschaftlichen Feld habe ich hier einen Rahmen gefunden, der Entwicklung nicht nur erlaubt, sondern einfordert – fachlich wie persönlich. Einen Rahmen, in dem man nicht „fertig“ sein muss, um arbeiten zu dürfen, sondern bereit, sich zu bewegen.
Du Leitest, unter anderem, ein Team ehrenamtlicher Bewährungshelfer:innen. Was darf man sich darunter vorstellen, was genau machst du in dieser Funktion?
Man darf sich darunter vor allem eines vorstellen: Beziehung und Entwicklung. Beziehungsarbeit, getragen von Verantwortung, Reflexion und dem Mut, nicht vorschnell Antworten zu geben, sondern Fragen auszuhalten. Konkret bedeutet das für mich: Ehrenamtliche fachlich begleiten, sie in ihrer Rolle stärken, Fallverläufe gemeinsam reflektieren und einen Rahmen schaffen, in dem Unsicherheiten, Ambivalenzen und auch Grenzen Platz haben dürfen. Diese Aufgabe ist sehr bereichernd, weil sie mich zwingt, mein eigenes Tun immer wieder zu erklären, zu übersetzen und zu hinterfragen. Genau darin liegt für mich ein wesentlicher Teil professioneller Qualität – dort, wo Handeln verständlich wird und sich zugleich überprüfen lässt.
Wie viele Ehrenamtliche sind in deinem Team und wie oft trefft ihr euch?
Aktuell begleite ich ein Team von zehn ehrenamtlichen Kolleg:innen. Wir treffen uns einmal im Monat in der Einrichtung in Wiener Neustadt – zu Austausch, Fallbesprechung und gemeinsamer Reflexion.
Welche Beweggründe haben Menschen, in ihrer – oft ohnehin knappen – Freizeit, auch noch straffällig gewordene Menschen zu begleiten? Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede nimmst du bei ihnen wahr?
Das ist eine jener Fragen, bei denen einfache Antworten nicht ausreichen. Viele Ehrenamtliche suchen Sinn, Wirksamkeit oder persönliche Entwicklung. Manche bringen eigene Lebenserfahrungen mit, andere ein starkes Gerechtigkeitsempfinden oder auch Neugier für Hintergründe und Ursachen von Straffälligkeit. Was sie verbindet, ist die Bereitschaft, sich auf Ambivalenz einzulassen – darauf, dass Menschen nie nur Täter oder Opfer sind, sondern immer beides und mehr.
Worin unterscheidet sich die ehrenamtliche Bewährungshilfe überhaupt vom Hauptamt?
Formal unterscheiden sie sich kaum – bezogen auf Aufgaben, Rolle und Verantwortung. Der wesentliche Unterschied liegt für mich in den Zugängen: Ehrenamtliche bringen andere berufliche Hintergründe, Denkweisen und Lebenserfahrungen ein. Diese interdisziplinäre Verschränkung erweitert den Blick auf den Menschen und eröffnet oft neue Möglichkeiten der Anbindung und Integration. Davon profitieren letztlich vor allem unsere Klient:innen.
Wie stellt NEUSTART sicher, dass die Qualität der Betreuung auch im Ehrenamt gewährleistet ist?
Durch eine Grundschulung und klare Dokumentationsstandards. Vor allem aber durch kontinuierliche Begleitung und Reflexion. Qualität entsteht nicht allein durch Kontrolle, sondern durch Beziehung – und durch die gemeinsame Arbeit an Haltung.
Kann jede:r Ehrenamtliche:r bei NEUSTART werden oder muss man spezielle Voraussetzungen erfüllen?
Nicht jede:r eignet sich für diese Aufgabe – und das ist kein Ausschluss, sondern ein Schutz. Neben formalen Kriterien braucht es vor allem Selbstreflexionsfähigkeit, Belastbarkeit und die Bereitschaft, eigene Bilder von Schuld, Verantwortung und Veränderung infrage zu stellen.
Lernen nur die Ehrenamtlichen von den Hauptamtlichen oder profitierst umgekehrt auch du selbst von der Expertise und Lebenserfahrung dieser Menschen?
Sehr viel. Gerade Perspektiven außerhalb der institutionellen Logik empfinde ich als besonders wertvoll. Sie helfen mir, nicht in Routinen zu erstarren und den Blick für das Wesentliche nicht zu verlieren.
Fällt dir spontan ein Beispiel für eine:n Ehrenamtliche:n ein, das dich besonders beeindruckt?
Mich beeindrucken Menschen, die leise wirken. Ehrenamtliche, die nicht verändern wollen, sondern begleiten. Die nicht erklären, sondern zuhören. Die verstanden haben, dass Veränderung nicht gemacht werden kann – weder durch das System noch durch Einzelne, sondern nur entstehen darf, wenn jemand bereit ist, Verantwortung zu übernehmen. Hilfe besteht dann nicht darin, den Weg zu zeigen, sondern darin, jemanden auf diesem Weg nicht allein zu lassen. Solche Momente zeigen mir, dass Veränderung zwar gesellschaftlich gewollt ist, aber immer beim Menschen selbst beginnt.
Was gefällt dir an deiner Arbeit mit Ehrenamtlichen am besten?
Die Irritation im besten Sinn. Wenn neue Fragen auftauchen, wo man selbst schon glaubte, Antworten zu haben. Diese Frische empfinde ich als sehr belebend.
Was sind die größten Herausforderungen bei der Unterstützung ehrenamtlicher Kolleg:innen?
Die Balance zwischen Anspruch und Zumutbarkeit. Ich habe hohe professionelle Ansprüche an mein eigenes Tun. Diese lassen sich nicht eins zu eins ins Ehrenamt übertragen. Die Kunst besteht darin, Qualität zu sichern, ohne zu überfordern.
Wo hast du gesehen, dass deine Arbeit etwas bewirkt?
Sowohl in der direkten Arbeit mit Klient:innen als auch in der Begleitung Ehrenamtlicher. Wirksamkeit zeigt sich für mich dort, wo Menschen beginnen, Verantwortung nicht nur formal, sondern innerlich zu übernehmen. Diese Momente sind selten spektakulär – aber nachhaltig.
Wie findest du persönlich Ausgleich zu deinem Job?
Mein Ausgleich ist Vielfalt: Handwerk, Sport, Kunst, Meditation, Reisen sowie Aus-, Fort- und Weiterbildungen. Am stärksten erdet mich inzwischen jedoch das Miterleben, wie sich meine Tochter entwickelt. Das relativiert vieles.
Gibt es sonst noch etwas, das du mit deinen Kolleg:innen teilen möchtest?
Wir arbeiten in einem hochkomplexen Feld. Widersprüche, Konflikte und Spannungen sind keine Störung, sondern Teil der Logik solcher Systeme – und oft Voraussetzung für Entwicklung. Entscheidend ist nicht, ob sie entstehen, sondern wie wir mit ihnen umgehen. Für mich bedeutet das auch, den Blick immer wieder bewusst auf das Wesentliche zu richten: auf Beziehung, auf Verantwortung und auf die Menschen, mit denen wir arbeiten. Nicht alles, was möglich oder geregelt ist, muss im Alltag im Vordergrund stehen. Manchmal entsteht Qualität gerade dort, wo wir Dinge vereinfachen und Raum lassen für das, was sich im Prozess zeigt.


