Gefängnisse werden gemeinhin als einfache Sicherheitslösung gesehen. „Weil sie wahrgenommene Gefahren aus der Gesellschaft entfernen und wir uns dann nicht mehr mit ihnen beschäftigen müssen“, erklärt Corinna Perchtold-Stefan vom Institut für Psychologie der Karl-Franzens-Universität Graz. Sie forscht unter anderem auf dem Arbeitsgebiet der Neuropsychologie zu „Dark Behaviors“ und Emotionsregulation. „Ein komplexes Problem wird durch eine sehr einfache Maßnahme gelöst, und wir er-langen vergleichbar schnell unser Gefühl von Kontrolle, Recht und Ordnung zurück. Unser Gehirn arbeitet hier mit einfachen Heuristiken: Wer eingesperrt ist, kann zumindest für diese Zeit keine Straftaten mehr begehen.“
"Evolutionär bedingt sind wir auf unseren unmittelbaren Schutz und die Vermeidung von Verlusten fokussiert."
Zugängliche Informationen
Eine internationale Studie von Rose, Kuiper und weiteren Forschenden aus dem Jahr 2024 zeigt, wie stark Informationen unser Strafempfinden beeinflussen können. Für die Untersuchung wurden 330 Personen gebeten, für unterschiedliche Straftaten hypothetische Entscheidungen über mögliche Strafen zu treffen. Einige Teilnehmende erhielten zuvor eine kurze Zusammenfassung wissenschaftlicher Studien darüber, dass strengere Strafen keine abschreckende Wirkung haben. Das Ergebnis: Wer diese Informationen gelesen hatte, sprach sich deutlich seltener für härtere Strafen aus – unabhängig von der Schwere der Tat. Die Forschenden schließen daraus, dass wissenschaftliche Erkenntnisse durchaus Einfluss auf die öffentliche Meinung haben können, wenn sie verständlich vermittelt und zugänglich gemacht werden. Gerade deshalb kommt der Berichterstattung der Medien über Kriminalität eine zentrale Rolle zu: Sie prägt maßgeblich, welche Informationen Menschen erreichen – und damit auch, ob reflexhaft nach härteren Strafen gerufen wird oder Raum für differenziertere Lösungen entsteht
Law and Order
Die Tendenz, auf Kriminalität mit harten Strafen als Mittel zur Herstellung von Sicherheit, Gerechtigkeit und Ordnung zu reagieren, wird als Punitivität bezeichnet. Eine weitere Studie des Nationalen Zentrums für Kriminalprävention aus dem Jahr 2017 zeigt, dass der Wunsch nach harten Strafen stark mit dem individuellen Sicherheitsgefühl zusammenhängt. Menschen neigen besonders dann zu punitiven Einstellungen, wenn sie sich durch Kriminalität bedroht fühlen. Härtere Strafen wie Haft erscheinen dabei oft als das naheliegendste Mittel, um die Kontrolle über als unsicher oder schwer einschätzbar empfundene Situationen zurückzugewinnen. Das bestätigt auch Perchtold-Stefan: „Evolutionär bedingt sind wir wenig offen für Risiken oder langfristige Überlegungen, weil wir auf unseren unmittelbaren Schutz und die Vermeidung von Verlusten fokussiert sind. In diesem Zustand werden harte Sanktionen attraktiv: Es gibt einen klaren Schuldigen, eine klare Grenze und eine empfindliche Strafe.“ Der Ruf: „Hängt ihn höher!“, ist schnell formuliert. Doch Sicherheit entsteht selten durch vermeintlich einfache Lösungen – sondern dort, wo wir bereit sind, genauer hinzusehen. Genau hier setzen Sozialarbeit und Bewährungshilfe an.


