Laut Wissenschaft spart ein System, das Gefängnisstrafen als letztes Mittel einsetzt, Geld und senkt die Inhaftierungsrate. Warum ist es dann immer noch die Ausnahme?
Marendaz: Dafür gibt es verschiedene Gründe, aber es hängt mit Strafpopulismus zusammen. Laut Didier Fassin ist der Wille zu strafen ein zutiefst politisches und gesellschaftlich geformtes Gefühl. Es spiegelt eine „moralische Ökonomie“ wider, in der bestimmte Bevölkerungsgruppen als gefährlich gelten und ausgeschlossen werden sollen.
Sie meinen allgemein?
Marendaz: In der Schweiz etwa landen Ausländer:innen sehr schnell wegen kleinerer Vergehen im Gefängnis. Sie bleiben viel länger in Untersuchungshaft, weil der Staat das Gesetz zur Fluchtgefahr automatisch ohne Unterscheidung anwendet. Vor allem Arme oder Obdachlose sind davon betroffen, dass unbezahlte Geldstrafen in Gefängnisstrafen umgewandelt werden. Der alte Strafansatz hilft nicht dabei, soziale Probleme zu lösen. Im Gegenteil.
Aber ist eine Gesellschaft ohne Gefängnisse eine Option?
Marendaz: Ich glaube, eine Welt ohne Gefängnisse ist möglich. Aber es geht darum, ein anderes System aufzubauen. Das bedeutet, soziale Probleme an der Wurzel zu packen und nach Lösungen zu suchen. Die nordischen Abolitionist:innen sagen, dass eine reduktionistische Politik ein Weg zum Abolitionismus ist – weil sie zeigt, dass Gefängnisse Kriminalität nicht reduzieren, den Opfern nicht helfen und die Gesellschaft nicht vor Gefahren schützen. Es gibt wirksamere und günstigere Lösungen, wie Finnland gezeigt hat.
Weil man das dort für sinnvoller hielt?
Marendaz: Finnland wollte nach 1945 einen skandinavischen Wohlfahrtsstaat aufbauen. Man verglich das eigene Strafsystem mit dem der Nachbarländer und stellte fest, dass es deutlich härter war. Dann gelang es, dem Strafpopulismus zu entkommen, weil Fachleute sich für eine Strafjustiz einsetzten, die wissenschaftlich fundiert, rational und menschlich ist. Geringere Kosten spielten auch eine Rolle. Danach war Finnland sehr aktiv darin, andere Länder zu beeinflussen.
Mit Erfolg?
Marendaz: Es gibt Staaten wie Spanien, die ihre Gefangenenzahlen gesenkt haben. Auch Estland ist dem finnischen Beispiel gefolgt. Das sind Lichtblicke. Aber Schweden und Dänemark haben seit 2022 einen radikalen Kurswechsel in ihrer Kriminalpolitik vollzogen, indem sie den Strafpopulismus in Bezug auf organisierte Kriminalität übernommen haben – obwohl diese nur einen winzigen Bruchteil der Kriminalstatistik ausmacht. Diese Politik hat Auswirkungen auf Finnland, wo jetzt eine populistische rechte Partei für Kriminalpolitik zuständig ist. Ein Experte hat mir gesagt, er schätzt, dass die Gefängnisbevölkerung in den kommenden Jahren auf bis zu 70 pro 100.000 Einwohner steigen wird.
Das klingt nicht sehr vielversprechend.
Marendaz: Ich hoffe, es ist nur ein reaktionärer Moment, und dass daraus etwas anderes entsteht. Ein gerechteres Gesellschaftsprojekt, mehr Verteilung von Wohlstand, mehr Umweltschutz. Vielleicht wachen die Menschen auf, wenn sie den Aufstieg der extremen Rechten sehen. Wir müssen das Völkerrecht und die Menschenrechte verteidigen. Und vielleicht werden in diesem möglichen Moment auch die Themen rund um Gefängnisse in Europa anders gedacht.
Zur Person
Mathilde Marendaz beobachtet in der Schweiz Haftbedingungen und beteiligt sich an Debatten über die Überbelegung von Gefängnissen. Sie hat einen Masterabschluss in Humangeografie und arbeitet an der Universität Genf an einer Doktorarbeit über das finnische Modell des Gefängnisrückbaus. 2025 forschte sie am Institut für Kriminologie und Rechtspolitik in Helsinki.


