#TeamNEUSTART: Martin Wiederock

Schminktipps, Memes und Klassenchats: Martin Wiederock ist Spezialist für unser Programm „sicher.net § 207a“ und als Vater einer Tochter im Teenageralter auch privat mit der Onlinewelt Jugendlicher konfrontiert …

Bitte stell dich kurz vor.
Mein Name ist Martin Wiederock, ich bin fast 44 Jahre alt und wohne in St. Georgen bei Grieskirchen in Oberösterreich. Dort lebe ich mit meiner Lebensgefährtin und unserer gemeinsamen 13-jährigen Tochter im Haus unserer Katzen Winnie und Lilly.

In welcher NEUSTART Einrichtung und welchem Bereich arbeitest du?
Ich arbeite bei NEUSTART Oberösterreich am Standort Wels, hauptsächlich in den diversionellen Leistungen, also Tatausgleich und Vermittlung gemeinnütziger Leistungen, aber auch in der Gewaltpräventionsberatung und der Bewährungshilfe.

Seit wann bist du bei NEUSTART?
Meinen ersten Arbeitstag hatte ich am 16. September 2013, ich bin jetzt also seit knapp zwölf Jahren dabei. Begonnen habe ich am Standort Ried in der Bewährungs- und Haftentlassenenhilfe, sowie im elektronisch überwachten Hausarrest. Seit 1.1.2019 arbeite ich in Wels.

Warum hast du dich für NEUSTART als Arbeitgeber entschieden?
Ich hatte von NEUSTART immer schon den Eindruck, dass die Qualität der Konzepte und Dienstleistungen und auch der Eigenanspruch höher sind, als bei anderen Trägern. Das hat mich schon während meines berufsbegleitenden Studiums an der FH Linz angesprochen. Als dann eine Stelle für den Standort Ried im Innkreis ausgeschrieben war, habe ich mich beworben und wurde aufgenommen. Ich finde auch, dass unsere Arbeit hohe gesellschaftliche Relevanz hat und ich die Sinnhaftigkeit unserer Tätigkeit, unsere Werte und Ziele, auch Personen außerhalb der „Sozial-Szene“ erklären kann. Das ist keinesfalls selbstverständlich.

Gibt es so etwas wie einen typischen Arbeitstag für dich? Falls ja, wie sieht dieser aus?
Üblicherweise beginne ich meinen Dienst um 7:15 Uhr. Dann heißt es: PC und Diensthandy einschalten, Mails checken, kurzer Austausch mit Kolleg:innen, bevor die ersten Gespräche beginnen. Man muss immer auf Überraschungen gefasst sein, Terminausfälle, oder Klient:innen, die ohne Termin ins Büro kommen. Insofern ist jeder Tag auch irgendwie eine Wundertüte.

Was gefällt dir an deiner Arbeit am besten?
NEUSTART legt schon lange Wert auf Wirkungsorientierung und darauf, dass man Soziale Arbeit auch Nicht-Sozialarbeiter:innen erklären können muss. Dabei helfen uns Ziele und Konzepte. Teil einer solchen Organisation zu sein, gefällt mir außerordentlich gut. Darüber hinaus mag ich die Abwechslung und die Möglichkeit der Spezialisierung.

Du bist, unter anderem, Spezialist für unser Programm „sicher.net § 207a“. Was kann man sich darunter vorstellen? Was haben die Teilnehmer:innen „angestellt“?
Dieses Angebot gibt es seit Anfang 2024, damals war ich sogar Teil der Projektgruppe, die das Programm entwickelt hat. Es richtet sich an Jugendliche und junge Erwachsene, die nach dem § 207a StGB angezeigt wurden, also sexualbezogene Darstellungen minderjähriger Personen oder bildliches Kindesmissbrauchsmaterial besitzen oder weiterleiten. Dabei geht es nicht um Personen, die eine pädophile Störung haben, sondern, die solche Darstellungen aus Unwissenheit oder Sensationslust besitzen oder manchmal auch mit einem Rachegedanken weiterleiten. Teilweise spielt sich das auch in Klassengruppen ab. Für diese Personen haben wir, als Alternative zum herkömmlichen Strafverfahren, dieses Programm zur Bewusstseinsbildung ins Leben gerufen.

An welche Altersgruppe richtet sich das Angebot und wer weist uns die Teilnehmer:innen zu?
Primär an Jugendliche und junge Erwachsene, bevorzugt im Rahmen einer Diversion. Aber es geht auch nach einer Verurteilung mit bedingt nachgesehener Strafe. Die Klient:innen werden also primär von der Staatsanwaltschaft zugewiesen, in selteneren Fällen auch vom Gericht.

Ist diesen Kindern und Jugendlichen überhaupt bewusst, dass sie gegen ein Gesetz verstoßen haben?
Bewusst, im Sinne einer Gesetzesverletzung, meiner Erfahrung nach eher nicht, aber im Zuge der Auseinandersetzung im Rahmen der Deliktverarbeitung wird schon deutlich, dass die meisten doch damals schon das Gefühl hatten, dass der Besitz oder das Weiterleiten nicht in Ordnung waren, sich aber damit abgefunden und es dennoch getan haben. Im Zuge des Programms sollen die Jugendlichen ihr Wissen diesbezüglich aber erweitern, sodass sie in künftigen Situationen kompetenter damit umgehen können.

Wie lange dauert das Programm und wie ist es aufgebaut? Wie oft und in welchem Setting triffst du die Klient:innen? Was sind die Inhalte?
Das Programm dauert vier bis sechs Monate. Ich sehe die Klient:innen zumindest im Abstand von 14 Tagen, oft auch wöchentlich. Wenn es sich ergibt, können auch Teile in Kleingruppen absolviert werden. Das Programm ist modular aufgebaut – in den einzelnen Modulen beschäftigen wir uns mit relevanten Themen, unter anderem etwa mit der gesetzlichen Lage (Modul Normverdeutlichung), der Situation von Opfern (Modul Opferperspektive) oder dem Phänomen Pornografie (Modul Pornografiekompetenz).

Welche Chancen aber auch Herausforderungen ergeben sich aus der der Arbeit mit diesen Klient:innen?
Die große Chance ist, dass Jugendliche durch das Programm eine Verurteilung für ein Sexualdelikt vermeiden und dadurch nicht kriminalisiert werden. Gleichzeitig besteht die Möglichkeit, etwas für die Zukunft zu lernen. Im Idealfall fungieren unsere Klient:innen dann als Multiplikator:innen, die ihr Wissen in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis weitergeben. Dabei geht es nicht nur um sexualbezogene Darstellungen im Netz sondern auch um anderes strafbares Verhalten, wie dem Teilen von Memes, die nach dem Verbotsgesetz strafbar sein können. Herausfordernd finde ich die Haltung mancher Eltern, die ja zum Informationstermin und Erstgespräch auch eingeladen sind. Hier kommt es oft zu Bagatellisierung, bis hin zu Victim Blaming. Es macht mich schon nachdenklich, was man damit den eigenen Kindern vermittelt.

Welchen Rat würdest du deinen eigenen Kindern hinsichtlich Sexting, Cybermobbing und Co. mit auf den Weg geben?
Das Leben unserer Kinder findet zu einem wesentlichen Teil online statt, das ist eine Entwicklung, die man so erst mal akzeptieren muss. Das gilt auch für die Sexualität, die Teil des Lebens ist. Es ist wichtig, die geltenden Normen zu kennen, denn das Internet ist nun einmal kein rechtsfreier Raum. Gleichzeitig halte ich es für unerlässlich, Kinder und Jugendliche zu bestärken, ihre eigenen Grenzen wahrnehmen und behaupten zu dürfen, auch online. Das geht nur, wenn ich als Elternteil auch am Online-Leben meiner Kinder teilnehme, indem ich mich diesem Phänomen nicht verschließe, sondern mich dafür interessiere, es mir auch von meinen Kindern zeigen und erklären lasse. So kann man in Beziehung bleiben und verhindert vielleicht, dass Jugendliche in die dunklen Ecken des Netzes abdriften. Darüber hinaus besteht die Chance, dass die Jugendlichen ihren Eltern erzählen, wenn sie etwas Unangenehmes erlebt haben und man kann rechtzeitig intervenieren. Ich lasse mich gerne von meiner Tochter über neue Schminktrends im Netz informieren, erfahre so aber auch, was sich im Klassenchat tut. Entsprechende Online-Tools, die dem Internetkonsum einen zeitlichen und inhaltlichen Rahmen geben, halte ich bis zu einem bestimmten Alter ebenfalls für wichtig.

Wie findest du persönlich Ausgleich zu deinem Job?
Ich verbringe gerne Zeit mit meiner Familie, das ist der wichtigste Ausgleich. Daneben mache ich Sport (laufen, Tennis, wandern) und höre gerne Musik, am liebsten auf Vinyl. Das kann meine Tochter dann von mir lernen: dass man für gute Musik auch bezahlt und einen physischen Tonträger zu schätzen weiß 😊.

Gibt es sonst noch etwas, das du mit unseren Leser:innen und deinen Kolleg:innen teilen möchtest?
Ich möchte mich bei allen Kolleg:innen und Unterstüzter:innen von NEUSTART bedanken. Und weil der Bereich meiner Meinung nach ein wenig stiefmütterlich behandelt wird: NEUSTART bietet auch die Vermittlung gemeinnütziger Leistungen statt einem Strafverfahren oder statt einer Ersatzfreiheitsstrafe an. Gerade im Bezirk Wels-Land und im Innviertel benötigen wir dringend gemeinnützige Einrichtungen, die mit uns zusammenarbeiten möchten. Wenn also Entscheidungsträger:innen von sozialen Einrichtungen diesen Beitrag lesen: Wir würden uns über die Bereitschaft zur Zusammenarbeit sehr freuen!

Über die/den Autor:in

Laura Roth ist seit 2019 Teil des Kommunikations-Teams des Vereins NEUSTART. Ihre Schwerpunkte sind die interne Kommunikation und unsere Newsletter. In unserer Serie #TeamNEUSTART holt sie regelmäßig Kolleg:innen aus ganz Österreich vor den Vorhang

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