Bitte stell dich kurz vor.
Mein Name ist Robert Wieser, ich bin 63 Jahre alt. Mein Weg zur Straffälligenhilfe begann 1986 – also vor 40 Jahren – als ehrenamtlicher Bewährungshelfer. Seit 1988 bin ich beim Verein angestellt und parallel dazu noch selbständig tätig. Ich lebe in Golling an der Salzach, in der Nähe der Stadt Salzburg.
In welcher NEUSTART Einrichtung und welchem Bereich arbeitest Du?
Ich arbeite derzeit in Altersteilzeit bei NEUSTART Salzburg, seit Ende der 90er Jahre in der Außenstelle St. Johann im Pongau. Meine Wurzeln liegen in der Haftentlassenenhilfe, in der ich in den ersten Jahren tätig war. Erst später kamen die Bewährungshilfe, die Leitung eines Teams Ehrenamtlicher, der elektronisch überwachte Hausarrest und zuletzt die Schulsozialarbeit dazu.
Warum hast du dich für NEUSTART als Arbeitgeber entschieden?
Über Umwege, ich war in der Spitzengastronomie tätig. Nach dem frühen Tod meines Vaters übernahm ich die Frühstückspension in Golling und studierte auf der Sozialakademie in Salzburg und Pädagogik in Innsbruck. Über den Zivildienst beim Roten Kreuz lernte ich einen Bewährungshelfer kennen und über ein Praktikum während meines Studiums landete ich schließlich bei der Haftentlassenenhilfe Salzburg.
Du hast mir vorab gesagt, dass dir das Thema „Gesund bleiben“ nach so vielen Jahren bei NEUSTART ein Anliegen ist. Warum ist das so?
Dass ich nach so vielen Jahren sagen kann, ich bin noch nicht ausgebrannt, sondern nach wie vor motiviert, interessiert und offen für Neues, ist keine Selbstverständlichkeit. Die Arbeit mit unseren Klient:innen, vor allem aber auch die verschiedenen Leistungsbereiche, sind fordernd. Ich glaube auch, dass die Konfrontation mit den Schicksalen unserer Klient:innen auf Dauer die Energie entzieht. Umso wichtiger ist es, bewusst Erlebnisse zu schaffen, die Kraft, Freude und positive Erinnerungen bringen. Frei nach der Definition der WHO: Gesund bleiben wollen, ist das Streben nach einem besseren Zustand, jedenfalls nicht das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen.
Was rätst du jüngeren Kolleg:innen in diesem Zusammenhang?
Ein ganz wesentlicher Schritt ist die Reflexion des eigenen Handelns. Als ich in der Haftentlassenenhilfe begonnen habe, war es mehr oder weniger Pflicht, in der Supervision etwas von sich Preis zu geben, seine eigenen Anteile in der Betreuungsarbeit zu erkennen; auch berufsbegleitende Psychotherapie wurde gefördert. Das hat natürlich viel mit der Geschichte der Bewährungshilfe, speziell auch in Salzburg zu tun. Daneben braucht es, abgestimmt auf die jeweiligen Bedürfnisse, auch ein anderes, ein „zweites Lebensprogramm“. Das kann die Familie sein, ein Hobby, das Reisen oder die Natur. Für mich waren es auch das Segeln, Tauchen und die Berge. 2005 habe ich mir einen Traum erfüllt und bin mit Freunden über den Atlantik gesegelt. Auch meine Nebentätigkeiten, wie die 35-jährige Obmannschaft in einem Kulturverein oder zehn Jahre in der Gemeindevertretung, haben mir geholfen, unterschiedliche Lebenserfahrungen zu sammeln. Ein zweiter Aspekt, der dich beschäftigt, ist der Umgang mit „dem Scheitern“.
Was meinst du damit konkret? Rückfälle von Klient:innen oder das Scheitern an eigenen beruflichen Ansprüchen und Herausforderungen?
Wir sprechen heute oft von Resilienz, meist im Zusammenhang mit unseren Klient:innen. Wir fördern ihre Widerstands- und Anpassungsfähigkeit. Unser wichtigstes Werkzeug dabei ist unsere eigene Persönlichkeit – die Fähigkeit, eine tragfähige Beziehung aufzubauen. Es ist aber auch für uns selbst wichtig zu erkennen, dass Scheitern immer eine Chance ist, zu lernen und gestärkt hervorzugehen. Dafür braucht es eine wohlwollende Fehlerkultur. Nur dann macht das Lernen aus Fehlern Freude. Und apropos Freude: Der Humor sollte dabei nie zu kurz kommen.
Was gefällt dir ganz allgemein an deiner Arbeit am besten?
Es ist immer wieder spannend, in die Lebenswelten unserer Klient:innen einzutauchen – sei es bei einem Anamnesegespräch, einem Hausbesuch oder einem Treffen in ihrem gewohnten Umfeld. Es ist das stetige Bemühen, einen anderen Weg, eine neue Sichtweise zu vermitteln. Ich habe da gerade ein Bild im Kopf: Ein junger Mann, der mich lachend und stolz in der Arbeitskluft vor einem Supermarkt begrüßte. Aus dem einst destruktiven, unmotivierten Menschen sprühte, nach langer Arbeitslosigkeit und einigen Rückschlägen, plötzlich so viel Lebensenergie. Diese Momente muss man sich bewahren.
Gibt es sonst noch etwas, das du mit unseren Leser:innen teilen möchtest?
Der Mut zur „Lücke“ ist der ehrlichste Protest gegen eine Welt, die uns zwingt, immer perfekt funktionieren zu müssen.


