#TeamNEUSTART: Jürgen Bamberger

Jürgen Bamberger arbeitet in unserer Einrichtung in Graz – und zwar bereits zum zweiten Mal. Zwischendurch war er drei Jahre lang im Bereich Kinder- und Jugendhilfe selbstständig und erkannte dadurch, wie sehr er die facettenreiche Arbeit bei NEUSTART schätzt…

Bitte stell dich kurz vor
Hallo, ich heiße Jürgen Bamberger, bin 45 Jahre alt und wohne in Graz.

In welcher NEUSTART Einrichtung und welchem Bereich arbeitest Du?
Ich arbeite bei NEUSTART Graz in verschiedenen Bereichen – nämlich in der Bewährungshilfe und Gewaltpräventionsberatung, als Koordinator für Sozialnetzkonferenzen und mit Klient:innen, die nach § 278 StGB verurteilt wurden (Anm.: terroristische Vereinigung). Außerdem leite ich ein Team ehrenamtlicher Kolleg:innen und mache Anti-Gewalt-Trainings… ich brauche also ganz schön viel Platz in meiner E-Mail-Signatur (lacht). 

Seit wann bist du bei NEUSTART?
Ich war bereits zwischen 2016 und 2018 bei NEUSTART tätig und habe die Straffälligenhilfe kennen und schätzen gelernt. Danach habe ich mich, mit einem ehemaligen Studienkollegen und Freund aus Klagenfurt, im Bereich Kinder- und Jugendhilfe selbstständig gemacht. Diese knapp drei Jahre waren sehr bereichernd für mich. Dank dieser Zeit habe ich aber auch gemerkt, wie sehr ich die Straffälligenhilfe, NEUSTART als Institution und unsere vielseitigen Klient:innen schätze. Das hat mir einfach gefehlt und deshalb bin ich 2020 zu NEUSTART zurückgekehrt.

Gibt es so etwas wie einen typischen Arbeitstag für dich? Falls ja, wie sieht dieser aus?
Gerade dass es bei uns keinen „klassischen“ Arbeitstag gibt, finde ich so spannend. Ich plane zwar immer sehr strukturiert, weil wir ja auch einige Fixtermine haben, aber unsere Arbeit erfordert einfach ein hohes Maß an Flexibilität und Anpassungsfähigkeit. Normalerweise komme ich zwischen 8 und 9 Uhr im Büro an, organisiere meinen Tag, checke E-Mails und habe dann die ersten Klient:innenkontakte. Dazu kommen immer wieder Teamsitzungen und zwischendurch muss ich auch noch in die Justizanstalt, um Erhebungsgespräche für Sozialnetzkonferenzen zu führen, mich mit den Familien der Jugendlichen auszutauschen und diese für eine mögliche Sozialnetzkonferenz vorzubereiten. Gerade durch die Sozialnetzkonferenzen wird mein strukturierter Plan oft durcheinandergewürfelt, weil sie vorgezogen und priorisiert werden müssen. Da komme ich schon manchmal ins „Jonglieren“. Sehr spannend finde ich auch die Hausbesuche bei unseren Klient:innen. Es ist für unsere Arbeit essentiell auch einmal in deren Lebenswelten einzutauchen. So kann man noch stärker an der Lebensrealität orientierte Arbeitshypothesen generieren. Im Unterschied zur Selbstständigkeit merke ich aber schon, dass die Arbeit am Abend „vorbei“ ist und ich mich – im Sinne einer guten Work-Life-Balance – besser abgrenzen kann.

Warum hast du dich für NEUSTART als Arbeitgeber entschieden?
Ich habe ursprünglich eine Lehre zum Werkzeugmaschineur absolviert und unter anderem bei Magna in der Qualitätssicherung gearbeitet. Ich wollte aber schon immer etwas im psychosozialen Bereich machen und habe deshalb in Klagenfurt Psychologie studiert. Danach habe ich lange mit Jugendlichen gearbeitet. Zuerst in einer Notschlafstelle, dann mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen. Mit der Zeit habe ich aber gemerkt, dass ich auch noch etwas anderes kennenlernen möchte. Im Gespräch mit einer Bekannten, die damals schon bei NEUSTART gearbeitet hat, habe ich dann recht schnell gemerkt, wie spannend ich diesen Bereich finde. Es hat mich einfach total interessiert und fasziniert, was sie mir aus ihrer Arbeit geschildert hat. Kurz darauf habe ich mich beworben. 

Was gefällt dir an deiner Arbeit am besten?
Dass sie so facettenreich und bereichernd ist. Die Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und ihren Familien war für mich weniger abwechslungsreich. Jetzt betreue ich „die ganze Palette“ – querbeet. Meine Klient:innen sind zwischen 15 und 70 Jahren alt und kommen aus allen sozialen Schichten. Das Eintauchen in verschiedene Lebenswelten ist einfach spannend. Darauf muss man sich aber auch einlassen können – auch wenn die Urteile und Lebensgeschichten mitunter irritierend, verstörend oder sogar abstoßend sind. 

Was sind die größten Herausforderungen in deinem Job?
Gewisse Delikte sind nur schwer zu verdauen. Die Arbeit mit Sexualstraftätern ist für mich zum Beispiel schon eine große Herausforderung. Aber gerade für solche Menschen braucht es einfach eine gute, wertschätzende Betreuung. Man darf nicht nur das Urteil, sondern muss auch den Menschen dahinter sehen. Eine gelungene Täterarbeit ist der beste Opferschutz. Was es für mich leichter macht, ist, dass unser Team so erfahren ist und ein guter Austausch stattfindet. Durch die regelmäßigen Intervisionen habe ich nie das Gefühl, dass ich mit einem Fall alleine dastehe.

Wo hast du gesehen, dass deine Arbeit etwas bewirkt?
Gerade bei Sozialnetzkonferenzen kommt es immer wieder zu Schlüsselerlebnissen. Ich mag dieses Konzept des „Conferencing“ generell sehr gerne. Ich hatte zum Beispiel einmal einen jungen Klienten, wo ich vor der Erhebung eher skeptisch war. Es hat sich dann aber gezeigt, dass er ein sehr konstruktives Umfeld hat, darunter zwei großartige Nachbarn. Gemeinsam waren sie in der Lage, einen super Plan für sein weiteres Leben zu erarbeiten und er hat sich anschließend sogar psychotherapeutisch beraten lassen, um das Trauma zu bearbeiten, das zu seiner Tat geführt hat. 

Wie findest du persönlich Ausgleich zu deinem Job?
Ich bin ein sehr naturbezogener Mensch, gehe gerne wandern und liebe es zu reisen und verschiedene Menschen und Kulturen kennenzulernen. Rausgehen und etwas unternehmen, das brauche ich einfach. Außerdem mag ich Musik, Filme und Literatur. Beim Sport gelingt mir der schnelle Fokuswechsel weg von der Arbeit. Das ist meine Copingstrategie zur Abgrenzung und zum Abschalten. 

Gibt es sonst noch etwas, das du mit deinen Kolleg:innen teilen möchtest?
Was wir machen ist gesamtgesellschaftlich wichtig. Auch gefühlt kleine Interventionen können oft große Auswirkungen haben – selbst wenn es im ersten Moment nicht immer so scheint.

Über die/den Autor:in
Laura Roth