Kriminalität: Bauchgefühl und Wirklichkeit

Die Angst vor Gewalttaten zählt zu den größten Sorgen der Bevölkerung. Doch Fakt ist: Österreich verzeichnet einen Rückgang bei der Anzahl der Verurteilten.
(c)iStock Brendan Hunter

Am 27.11.2025 hat Günther Ogris vom dema!nstitut in einem Pressegespräch anhand der aktuellen Justizstatistik aufgezeigt, in welche Richtung sich die Kriminalität entwickelt – darauf basiert dieser Faktencheck.

„Österreich ist so sicher wie nie zuvor“

Tatsächlich ist Österreich eines der sichersten Länder der Welt. Die Justizstatistik zeigt rückläufige Trends bei den verurteilten Straftäter:innen, den Strafbeständen gegen Leib und Leben und eine insgesamt gesunkene Kriminalitätsrate pro Kopf. Während die Bevölkerungszahl seit 2001 um 1,13 Mio. angewachsen ist, ist die Zahl der Verurteilten um ca. 11.000 gesunken. In diesem Fall kann sich die Mehrheit der Österreicher:innen übrigens auf ihr Bauchgefühl verlassen: Laut der repräsentativen Studie „Vertrauen im Kopf, Angst im Bauch“ von marketagent halten 86 % Österreich für ein sicheres Land.

„Wenn ich diesen Ort in der Nacht meide, kann mir nix passieren“

Trotz der hervorragenden Sicherheitslage in Österreich gehört die Angst vor Kriminalität für viele zum Alltag. Sie führt dazu, dass sie ihr Verhalten ändern, bestimmte Orte meiden und sich einschränken. Das reduziert zwar tatsächlich die Gefahr, Opfer einer Straftat zu werden aber bedeutet gleichzeitig einen massiven Verlust an Lebensqualität, der in keinem Verhältnis zum geringen Risiko steht, hierzulande Opfer von Kriminalität zu werden. Umso wichtiger ist, dass die Medien eine verantwortungs- und maßvolle Kriminalitätsberichterstattung betreiben, die sich eher der Realität annähert als einer überzeichneten Dystopie, in der hinter jeder Ecke „das Böse“ lauert. Die Politik muss auf Prävention setzen, stadtplanerische Maßnahmen und Projekte entwickeln, um Angsträume zu entschärfen und die Ursachen von Kriminalität bekämpfen, statt sie zu Instrumentalisieren.

„Die Jugendkriminalität explodiert“

Das Gegenteil ist der Fall. Langfristig sinkt die Jugendkriminalität. 2024 wurden um 37 % weniger Jugendliche gerichtlich verurteilt als noch 2005. Der Diskurs über Jugendkriminalität ist geprägt von einzelnen aufmerksamkeitserregenden Straftaten. Nur sehr wenige jugendliche Straftäter:innen begehen öfter als ein- oder zweimal Straftaten. Diese kleine Gruppe fällt allerdings durch einen großen Teil der für die Altersgruppe bekanntgewordenen Delikte auf. Ihre Taten finden oft Eingang in die mediale und politische Debatte.

„Die Kriminalität durch Ausländer:innen steigt“

Trotz des starken Bevölkerungszuwachs ist auch die Ausländerkriminalität rückläufig – und zwar deutlich: Seit 2001 ist die Zahl ausländischer Staatsbürger:innen in Österreich um 1,1 Mio. gestiegen, während die Zahl der verurteilten Ausländer:innen seit 2005 von 14.000 auf 12.000 zurückgegangen ist.

„Die Kriminalitätswahrnehmung hat wenig mit der Realität zu tun“

Diffuses Unbehagen. Helmut Hirtenlehner leitet das Zentrum für Kriminologie der Johannes Kepler Universität Linz. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Abschreckungswirkung von Strafe, Kriminalitätsfurcht und Sicherheitsgefühle. Für den REPORT ordnet er ein, warum sich das Narrativ der steigenden Kriminalität so hartnäckig hält.

Über die Rolle von Medien und Politik

Medien prägen unser Bild von der Welt. Ist sie sicher oder unsicher? Berechenbar oder unberechenbar? Hirtenlehner verweist in diesem Zusammenhang auf den bekannten Grundsatz: „Nur schlechte Nachrichten, sind gute Nachrichten“. Medien inszenieren Kriminalität auf eine Art und Weise, die Aufmerksamkeit schafft und das Publikum bindet. Das schürt Ängste. Selbst wenn die Kriminalitätsstatistik insgesamt stagniert und die Zahlen sinken, fokussieren Medien einzelne Bereiche, damit ihre Schlagzeilen geklickt werden. Ähnlich verhält es sich mit rechtspopulistischen Akteur:innen: Hirtenlehner spricht von „Governing through Crime“, wenn er beschreibt, wie sich vorwiegend rechte Parteien des Themas Kriminalität bedienen, um Stimmengewinne zu erzielen. „Law and Order ist unwirksam, kommt aber bei der Bevölkerung gut an.“, so Hirtenlehner. Als viel wirksameren Schutzmechanismus erachtet er eine glaubhafte soziale Wohlfahrts- und Sozialpolitik, die Abstiegsängsten begegnet: „Das bringt viel mehr, als mehr Polizei auf der Straße.“ Er verweist aber auch auf Aspekte der Stadtplanung und -reinigung: „Das Erscheinungsbild und die Sauberkeit des öffentlichen Raums spielen eine große Rolle. An vernachlässigten, verwahrlosten Orten ist die Kriminalitätsfurcht höher.“

Unsicherheitsgefühl im öffentlichen Raum

Müll, Spritzbesteck, Grafittis: Solche Verstöße gegen die Ordnung und Verhaltensregeln liegen zwar unter der Kriminalisierungsschwelle, erzeugen aber dennoch ein diffuses Unbehagen. Als weitere Beispiele für diese sogenannten „Incivilities“ im öffentlichen Raum nennt Hirtenlehner Gruppen von jungen Menschen, Prostituierte, Bettler:innen oder Betrunkene. Ihre Existenz wird als Hinweisreiz für das Vorhandensein von Kriminalität und fehlende Kontrolle gedeutet, unabhängig davon, ob es an diesem Ort tatsächlich Kriminalität gibt. „Wir wissen, dass etwa Immigration mit mehr ,Incivility-Wahrnehmung‘ verbunden ist, das liegt an kulturellen Verhaltensunterschieden, anderen Praxen der Nutzung des öffentlichen Raumes und schlicht an einer anderen Wohnqualität, die mit sich bringt, dass sich das Leben mehr im Freien abspielt. Das führt bei Einheimischen zu Irritationen und wird als Hinweis und Frühwarnzeichen für Kriminalität wahrgenommen. Diese Wahrnehmung hat aber nichts mit den tatsächlichen Kriminalitätszahlen zu tun.“, so Hirtenlehner, der von Deutungsschwierigkeiten spricht: „Untersuchungen zeigen, dass das verbreitetste Proto- und Stereotyp des ,Verbrechers‘ ein junger Mann mit erkennbarem Migrationshintergrund ist. Die Tatsache, dass ich fremde Verhaltensweisen sehe, die nicht meinen Traditionen und Gepflogenheiten entsprechen, löst ein Gefühl der Unberechenbarkeit und Unsicherheit aus, hat aber nichts mit der Wirklichkeit zu tun.“

Ein klassisches Beispiel für die Angst vor Kriminalität im öffentlichen Raum sind Sexualdelikte. Es zirkulieren Vergewaltigungsmythen, in denen „der Fremde“ aus dem Busch hervorspringt und sein Opfer im öffentlichen Raum vergewaltigt, dabei passieren Vergewaltigungen in der Realität sehr oft zuhause und die Täter sind enge Vertraute und Bekannte.

Erwartung und tatsächliche Erfahrung

Dazu kommt, dass die Schwere von Kriminalität systematisch überschätzt wird und überzogene Kriminalitätsbilder vorherrschen: „Die meisten Menschen denken an schwere Gewalt, Raub, Einbruch oder Sexualdelikte, dabei dominieren in der Realität einfache Vermögensdelikte“, so Hirtenlehner. Er beschreibt, wie Opfer von Kriminalität oft sogar berichten, dass ihre tatsächliche Erfahrung mit Kriminalität weniger schlimm war als erwartet. Laut ihm zeigen Studien, dass sich Opfer von Straftaten hinsichtlich ihrer Kriminalitätsfurcht kaum von Nicht-Opfern unterscheiden: „Wir dürfen das nicht verharmlosen: Natürlich finden Opfer nicht toll, was ihnen passiert. Aber glücklicherweise ist es in der Realität oft so, dass Kriminalität weit weniger dramatisch daherkommt als sie medial porträtiert wird.“

Über die/den Autor:in
Laura Roth

Laura Roth ist seit 2019 Teil des Kommunikations-Teams des Vereins NEUSTART. Ihre Schwerpunkte sind die interne Kommunikation und unsere Newsletter. In unserer Serie #TeamNEUSTART holt sie regelmäßig Kolleg:innen aus ganz Österreich vor den Vorhang

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