„Es ist schön, wenn man so ein Team führen darf“

Wir haben mit Steffen Felscher und Johannes Pircher-Sanou, den neuen Leitern von NEUSTART Kärnten und NEUSTART Vorarlberg, über diese große Aufgabe, ihren Führungsstil, aktuelle Herausforderungen und konkrete Vorhaben gesprochen…

Bitte stellt euch kurz vor – woher kommt ihr, was habt ihr beruflich gemacht, bevor ihr bei NEUSTART „gelandet“ seid?

Steffen Felscher: Ich bin 43 Jahre alt, komme ursprünglich aus Deutschland und lebe seit 2014 in Kärnten. Meine beruflichen Stationen waren – kurz skizziert – die stationäre Kinder- und Jugendhilfe, Schulsozialarbeit und Unternehmensberatung. Zuletzt war ich Fachbereichsleiter für Projekte und Entwicklung bei der Lebenshilfe Kärnten. Nebenberuflich bin ich seit 2015 Lektor an der Fachhochschule Kärnten und der Universität in Klagenfurt.

Johannes Pircher-Sanou: Ich bin 33 Jahre alt und komme aus dem Bregenzerwald. Ich habe an der FH Campus Wien Soziale Arbeit studiert, war danach vier Jahre in der Justizanstalt Wien Simmering in der Straffälligenarbeit und dann zwei Jahre in der Justizanstalt Feldkirch tätig. Meine letzten Stationen waren die klinische Sozialarbeit in der Psychiatrie und die Leitung der Familienhilfe Bregenz und Bodenseeregion. Außerdem war ich ehrenamtlich bei NEUSTART in Wien und Vorarlberg tätig.

Warum habt ihr euch für NEUSTART als Arbeitgeber entschieden?

Pircher-Sanou: Ich kenne NEUSTART schon lange durch meine Tätigkeit als Verbindungsperson für Haftentlassenenhilfe in Justizanstalten – und natürlich vom Ehrenamt. In meinem jetzigen Berufsfeld kann ich beides einbringen. Besonders freut mich, dass diese Aufgabe die Sozialarbeit und Kriminologie vereint. NEUSTART ist ein guter Arbeitgeber, wo tagtäglich sinnvolle Arbeit passiert, die etwas bewirkt.

Felscher: Ich bringe ebenfalls Erfahrung als ehrenamtlicher Bewährungshelfer mit. Für mich ist es wichtig, und das begleitet mich schon mein ganzes Berufsleben, eine sinnstiftende Tätigkeit auszuführen. NEUSTART hat in Kärnten eine sehr gute Reputation als Arbeitgeber. Das selbst zu erleben, hat mich in dieser Berufswahl bestätigt.

Wie würdet ihr euren Führungsstil beschreiben? Welche zwischenmenschlichen Qualitäten zeichnen euch aus?

Felscher: In klassischen Beschreibungsmerkmalen würde ich meinen Führungsstil als unterstützend, fördernd und „basisdemokratisch“ umreißen. Das ist mir wirklich wichtig. Ich bin niemand, der autokratisch „drüberbügelt“, sondern schaue darauf, dass die Rahmenbedingungen gemeinsam so gestaltet werden, dass es für alle erträglich bleibt.

Pircher-Sanou: Ich würde meinen Führungsstil auch als kooperativ beschreiben. Das heißt, gemeinsam an der Sache arbeiten. Jede:r bringt ihre:seine Fachkompetenzen ein. Ich lebe außerdem eine offene Kommunkation. Meine Büro-Türe ist immer offen. Als Signal an die Kolleg:innen, dass sie jederzeit kommen können.

Was schätzt ihr – umgekehrt – besonders an euren Mitarbeiter:innen?

Pircher-Sanou: Ich bin immer wieder von der Leidenschaft, die meine Mitarbeiter:innen tagtäglich zeigen, beeindruckt. Sie machen ihre Arbeit wirklich sehr gerne, engagieren sich und sind fachlich einfach top. Es ist schön, wenn man so ein Team führen darf.

Felscher: Was mich so beeindruckt, sind die Berufsbiographien. Ich erlebe meine Kolleg:innen als sehr fachlich, mit hohem Anspruch und das beruhigt mich in meiner Tätigkeit als Leiter der Einrichtung. Ich weiß, dass ich auf unheimlich viel Kompetenz und Erfahrung zurückgreifen kann. Und natürlich sind die Kärtner:innen auch ein besonders lebensfroher Menschenschlag – das macht es mir auch einfach.

Das heißt, ihr hattet schon die Gelegenheit, eure Einrichtungen und Mitarbeiter:innen richtig kennenzulernen?

Felscher: Ja, schon damals bei der Verabschiedung von Alfred Gschwendner (Anmerkung: ehemaliger Leiter der Einrichtung Kärnten). Im Moment ist es, aufgrund der Urlaubszeit, noch nicht so intensiv möglich, aber den Großteil konnte ich schon persönlich kennenlernen. Und Kärnten ist auch nicht so groß. Die:den eine:n oder andere:n Kolleg:in kannte ich auch schon im Vorfeld.

Pircher-Sanou: Genau, den Großteil kannte ich auch schon durch meine Rolle als Zuweiser in der Haftentlassenenhilfe und aus dem Ehrenamt. Die Kolleg:innen, die ich noch nicht kannte, habe ich inzwischen alle kennengelernt.

Was glaubt ihr, welche Besonderheiten machen eure Einrichtungen aus? Wie unterscheiden sie sich von den anderen Regionen?

Felscher: Dazu kann ich noch gar nicht so viel sagen, weil es gerade erst mein erster Monat im wirklichen „Tun“ ist. Ich glaube aber schon, dass es Besonderheiten gibt – wegen der Größe der Einrichtungen, aber auch im Leistungsprofil, wo es ja auch regionale Unterschiede gibt.

Pircher-Sanou: Wir sind ja die kleinste Einrichtung. Was in Vorarlberg sehr besonders ist, ist, dass die Soziallandschaft so dicht ist. Das heißt, es gibt sehr viele Kooperationspartner:innen. Was die Mitarbeiter:innen können müssen, ist, hier einen Überblick zu behalten. Wir pflegen sehr kurze und direkte Wege mit dem Gericht und mit den Staatsanwaltschaften. Dieser enge Austausch zeichnet Vorarlberg schon aus, weil es einfach so klein ist. Man kennt einander.

Worauf freut ihr euch in der neuen Funktion am meisten?

Pircher-Sanou: Darauf, dieses super Team führen zu dürfen, NEUSTART in Vorarlberg zu vertreten und noch ein wenig bekannter zu machen.

Felscher: Auf die Vielfalt und Abwechslung und darauf, an alte Kontakte aus der Kärntner Soziallandschaft anzuknüpfen. Auf die Zusammenarbeit mit den Kolleg:innen und auch auf die neuen Sachen, die in nächster Zeit anstehen. Auf die Erfahrungen, die ich noch sammeln kann und natürlich auch auf meine persönliche berufliche Weiterentwicklung.

Vor welchen Herausforderungen werdet ihr als Leiter stehen? Vor welchen Aufgaben habt ihr vielleicht sogar (noch) etwas „Respekt“?

Pircher-Sanou: Jetzt am Anfang ist eine wesentliche Herausforderung, einen guten Überblick über alle Leistungsbereiche zu bekommen, um diese nach außen hin gut vertreten zu können.

Felscher: Bei mir ist es so, dass ich von meinem Vorgänger etwas übernehme, was über mehrere Jahrzehnte entstanden und gewachsen ist. Da gibt es natürlich auch Ansprüche, nicht nur bei NEUSTART, sondern auch von extern. Das erlebe ich im Moment schon als neu, diesen Erwartungen gerecht werden zu müssen – die Fußstapfen füllen zu müssen, die Alfred Gschwendner 40 Jahre lang in Kärnten und darüber hinaus hinterlassen hat.

Welche gesamtgesellschaftlichen Herausforderungen seht ihr in unserem Tätigkeitsfeld derzeit?

Felscher: Es ist natürlich klar, dass durch die gesellschaftspolitischen Ereignisse der letzten zweieinhalb Jahren unheimliche Dynamiken und eine große Ungewissheit ausgelöst wurden. Ein Stück weit auch damit verbunden, dass sich dadurch Dinge ändern werden, aber wir noch nicht genau wissen, was. Das ist für mich schon ein Thema, das man auf alle Bereiche runterbrechen kann – darüber mache ich mir schon Gedanken…

Pircher-Sanou: Die Pandemie hat dazu beigetragen, dass es gesamtgesellschaftlich einfach angespannter ist. Mir kommt aber vor, es verändert sich auch, wie man mit der Delinquenz gesamtgesellschaftlich umgeht. Es ist spannend, wie darauf reagiert wird, wie sich das weiterentwickelt – es gibt ja schon gute Alternativen, die man weiter ausbauen könnte – da tut sich aber noch recht wenig.

Wie kann NEUSTART, wie kann eure Einrichtung, hier zu einer Lösung beitragen?

Pircher-Sanou: Wir bieten Lösungen für den Umgang mit Straffälligkeit an. Auch im präventiven Bereich. Das Entwickeln von Alternativen zum klassischen Sanktionssystem ist sicher die zentrale Stärke von NEUSTART.

Felscher: Ich denke auch, dass NEUSTART genau das macht. Wir sind ein stabiler und zuverlässiger Partner. Das trägt dazu bei, dass das eine oder andere gesamtgesellschaftlich brisante Thema gut begleitet wird.

Gibt es in eurer Region aktuell konkrete „Baustellen“, denen ihr euch gleich zu Beginn widmen möchtet? Was sind eure wichtigsten Vorhaben in den nächsten zwölf Monaten?

Pircher-Sanou: Bei mir steht die gute Kontaktpflege zu den Zuweiser:innern und Stakeholder:innen im Fokus. Dann haben wir in Vorarlberg noch die Besonderheit des JUBIS, wo es noch viel Aufklärungsarbeit braucht bei der Kinder- und Jugendhilfe, dass das eine sinnvolle Maßnahme ist. Das ist in den nächsten zwölf Monaten sicher besonders wichtig.

Felscher: Das ist ein langer Zeitraum. Auch bei mir hat mittel- und kurzfristig das Vernetzen oberste Priorität und das fachlich inhaltliche Einarbeiten, weil es natürlich auch Themen gibt, wo ich weiß, dass ich nachschärfen muss. Deshalb bin ich froh, nicht nur in Kärnten, sondern auch in Wien Unterstützung zu haben. Das beruhigt mich sehr. Und dann natürlich sukzessive thematische Dinge anzugehen. Da schwirren mir schon einige Ideen durch den Kopf. Wichtig ist mir jetzt aber erstmal das Ankommen und Verorten. Daraus ergibt sich dann die Richtung, in die es geht.

Zum Schluss noch etwas Persönliches: Wo findet ihr Ausgleich zur Arbeit? Wie verbringt ihr eure Freizeit?

Felscher: Also ich genieße die Vorzüge von Kärnten und nutze alles, was es an Sportmöglichkeiten gibt. Das ist für mich ein wichtiger Ausgleich. Und die Familie. Mein Sohn wird im September sechs – und der junge Mann sorgt schon dafür, dass es mich in Balance hält. Der gleicht mich aus (lacht).

Pircher-Sanou: Ich gehe auch gerne in die Natur. Im Sommer Laufen und Fahrradfahren, im Winter Schifahren und Snowboarden. Und ansonsten hält mich die Familie mit zwei Kindern auch auf Trab – da wird es nie langweilig (lacht).