Erfolgsmodell Tatausgleich

Seit 1985 hat NEUSTART Erfahrung mit Tatausgleichsfällen, an denen mehr als 300.000 Menschen, ob als Beschuldigte oder Opfer, beteiligt waren. Trotz allgemein sinkender Zahlen in der Diversion konnte der Tatausgleich bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Wien gesteigert werden. Ein Fallbeispiel.

Der Tatausgleich (TA) ist ein Erfolgsmodell für den Täter-Opfer Ausgleich und eine wichtige Alternative zu einem Strafverfahren. Obwohl Begleitforschungen dem Modell TA ein sehr gutes Zeugnis ausstellen, sanken seit einigen Jahren die Zuweisungszahlen in Wien; insbesondere bei Jugendlichen. Deshalb hat sich NEUSTART um verbesserte Lösungen bemüht.

Unser Ziel ist es, mit den Beteiligten in einen differenzierteren Austausch zu kommen, was den Vorfall, die Umstände und die Handlungsalternativen betrifft. Was der Tatausgleich kann, zeigt ein Fallbeispiel unserer Kolleginnen Karin Leitner und Judith Stummer-Kolonovits.

Gegen die Polarisierung

Ausgangspunkt war eine Beleidigung eines Burschen über Soziale Medien, die mit einer „Klarstellung“ beendet werden sollte. Eine Gruppe von 20 Jugendlichen fuhr daher in eine Kleinstadt nach Niederösterreich, um die „Ehre“ wiederherzustellen. Die Situation eskalierte.

Die herbeigerufene Polizei fand eine unübersichtliche Situation vor. Als der Sachverhalt geklärt war, hat die Staatsanwaltschaft Wien NEUSTART mit dem Tatausgleich beauftragt. Uns wurden zehn Jugendliche als Beschuldigte und ein Opfer zugewiesen. Das Opfer gab sein Einverständnis für einen Tatausgleich, wollte aber die Beschuldigten nicht treffen.

Die Wende zum Guten

Zu den Terminen bei NEUSTART Wien kamen zehn Jugendliche. Mit ihnen führten wir Workshops zur Verantwortungsübernahme und nachhaltigen Bereinigung durch. Das Ergebnis war eine intensive Auseinandersetzung und die Entschuldigung gegenüber dem Opfer.

Zusätzlich gab jeder Beschuldigte eine Erklärung an die Staatsanwaltschaft ab, warum von einem Strafverfahren abgesehen werden kann und warum nicht mit neuerlicher Straffälligkeit gerechnet werden muss. Diese schriftlichen Erklärungen haben wir gemeinsam mit unserem Abschlussbericht an die Staatsanwaltschaft übermittelt. Danach wurde das Verfahren eingestellt.

Der Fall zeigt auf, wie nachhaltig und wie kreativ auf individuelle Situationen im TA eingegangen werden kann. Entgegen allgemein sinkender Zahlen in der Diversion konnte der Tatausgleich bei Jugendlichen in Wien – trotz Pandemie – gesteigert werden. Diese Entwicklung stimmt uns positiv. Denn je intensiver wir uns mit abweichenden Verhalten im Jugendalter auseinandersetzen, desto sicherer wird unsere Gesellschaft.

„Bei Jugendlichen hat sich der Tatausgleich als besonders erfolgreich herausgestellt: Eine Einigung zwischen Beschuldigten und Opfern gelingt bei mehr als 85 Prozent, und annährend 90 Prozent davon werden nicht wieder straffällig.“

Über die/den Autor:in
Nikolaus Tsekas