Über die „Cornell 7“ und Schweigen als Währung für Zugehörigkeit

Was passiert, wenn Männer von klein auf darauf konditioniert werden, stillzuschweigen, um sich selbst einen „sicheren“ Platz in der Gruppe zu sichern? Es kostet Frauen und Mädchen ihre eigene Sicherheit.
Illustration von einer Gruppe junger Männer die sich im Kreis gegenüberstehen.

Sieben Männer, die mittlerweile unter der Bezeichnung „Cornell 7“ bekannt geworden sind, werden beschuldigt, eine junge Frau an der amerikanischen Eliteuniversität Cornell über mehrere Stunden hinweg vergewaltigt zu haben. Laut der im September 2026 eingereichten Zivilklage soll einer der Männer die Studentin währenddessen in einem Snapchat-Gruppenchat seiner Studentenverbindung anderen Mitgliedern zum sexuellen Missbrauch angeboten haben. Mehrere Männer sollen daraufhin das Zimmer betreten haben.1 Kein Mitglied des Gruppenchats rief die Polizei. Keiner sagte etwas.

Was in jener Nacht passiert sein soll

Es ist eine erschreckende Tat. Die Studentin besucht nach einem Baraufenthalt einen jungen Mann, von dem sie glaubt, er sei ihr Freund. In der Unterkunft des Mannes sollen er und ein weiterer Mann sie dazu gedrängt haben, Ketamin zu konsumieren, obwohl sie bereits schwer alkoholisiert gewesen sein soll.1

Später soll einer der Männer in der Snapchat-Gruppe „Chi Phi Actives“, einem Gruppenchat für Mitglieder des Xi Chapters der Fraternity Chi Phi, gepostet haben, oben gebe es „free pussy“. Laut Klage betraten anschließend mehrere weitere Mitglieder der Studentenverbindung das Zimmer.1

Mehrere Männer sahen den Aufruf oder reagierten darauf. Warum sagt keiner etwas?

Schweigen als Währung für Zugehörigkeit

Stillschweigen aus Angst vor Scham ist ein Werkzeug, über das Gruppenzugehörigkeit unter Männern hergestellt werden kann. Das Schweigen, um andere Männer zu schützen, ist einer der mächtigsten Wege, über die sich patriarchale Strukturen selbst erhalten.2

Wie wird dieses Schweigen erzeugt? Durch Scham.

bell hooks beschreibt in The Will to Change, wie Jungen lernen, Teile ihres emotionalen Selbst zu unterdrücken, um den Anforderungen patriarchaler Männlichkeit zu entsprechen. Scham spielt in dieser Sozialisation eine zentrale Rolle.2 Fehlt es Buben an vielfältigen männlichen Vorbildern und Vorstellungen davon, wie Männlichkeit aussehen kann, und hören sie stattdessen vor allem: „Sei kein Mädchen. Sei nicht emotional. Sei keine Pussy. Sei nicht schwul“, dann wird ihr Verhalten durch die Androhung von Scham geprägt. Und diese Kultur der Beschämung führt zum Schweigen.

Hältst du dicht, passt du dich an, wirst du mit Zugehörigkeit und Anerkennung belohnt. Der eigene Platz in der Gruppe ist gesichert. Der Schutz möglicher Opfer nicht.

Wie stark Männer bereit sind, in Situationen sexualisierter Aggression einzugreifen, hängt dabei auch von den Normen ihrer männlichen Peer-Gruppe ab. In einem Experiment mit jungen Männern verringerte eine misogyne Gruppennorm sowohl die Wahrscheinlichkeit als auch die Geschwindigkeit, mit der Männer eingriffen. Besonders ausgeprägt war dieser Effekt bei Männern, für die männlicher sozialer Status eine große Rolle spielte.3

So entsteht ein Umfeld, in dem gefährliches Verhalten von Männern geschützt werden kann.

Andere Personen im Gruppenchat mögen dem Aufruf selbst nicht gefolgt sein. Mit ihrem Schweigen können sie jedoch dazu beitragen, ein Umfeld aufrechtzuerhalten, in dem eine solche Tat möglich wird. Forschung zu Bystander-Intervention zeigt, dass dabei nicht nur die persönliche Haltung eines Mannes relevant ist, sondern auch seine Wahrnehmung dessen, was andere Männer in seinem Umfeld akzeptieren und ob diese selbst eingreifen würden.3,4

Gerade im Umfeld von Studentenverbindungen ist dieser Ansatz relevant. Fraternities stehen immer wieder wegen ihrer stark ausgeprägten Gruppenkultur, hierarchischer Strukturen und traditioneller Vorstellungen von Männlichkeit in der Kritik. Forschung weist darauf hin, dass in manchen Fraternity-Kulturen männlicher Zusammenhalt und Loyalität gegenüber der eigenen Gruppe mit Normen einhergehen können, die sexistisches Verhalten tolerieren oder das Eingreifen gegen andere Männer erschweren.

Was das Patriarchat Männern nimmt

Die meisten Männer üben keine sexualisierte Gewalt gegen Frauen aus. Doch das kann nicht der Anspruch an Jungen und Männer sein.

Der Anspruch muss sein, eine Welt zu gestalten, in der Männer frei genug von patriarchalen Zwängen leben können, um andere Menschen schützen zu wollen. Und sich selbst.

Denn die patriarchalen Normen, die Männer davon abhalten können, andere Männer zur Rechenschaft zu ziehen, können auch dazu beitragen, dass sie über ihre eigenen Gefühle schweigen, sich keine Hilfe holen und in emotionaler Isolation verharren.2,6,7

Eine systematische Auswertung von 37 Studien zur Hilfesuche von Männern mit Depressionen kommt zu dem Ergebnis, dass die Orientierung an traditionellen Männlichkeitsnormen beeinflussen kann, wie Männer ihre Symptome wahrnehmen und ausdrücken, wie sie über Hilfesuche denken und ob sie tatsächlich Hilfe in Anspruch nehmen.6

Das Schweigen schützt also nicht nur eine Ordnung, in der das Verhalten anderer Männer unangetastet bleiben kann. Es isoliert auch Männer voneinander und von sich selbst.

Quellen
  1. hooks, bell (2004): The Will to Change: Men, Masculinity, and Love. Washington Square Press.
  2. Leone, R. M. & Parrott, D. J. (2019): “Misogynistic Peers, Masculinity, and Bystander Intervention for Sexual Aggression.” Aggressive Behavior, 45(1), 42–51. PubMed
  3. Gidycz, C. A., Orchowski, L. M. & Berkowitz, A. D. (2011): “Preventing Sexual Aggression Among College Men.” Violence Against Women, 17(6). Sage Journals
  4. Seidler, Z. E. et al. (2016): “The Role of Masculinity in Men’s Help-Seeking for Depression.” Clinical Psychology Review, 49, 106–118. PubMed
  5. Addis, M. E. & Mahalik, J. R. (2003): “Men, Masculinity, and the Contexts of Help Seeking.” American Psychologist, 58(1), 5–14.

 

Über die/den Autor:in

Lina Meredith ist seit 2023 Teil des Kommunikations-Teams des Vereins NEUSTART. Ihr Schwerpunkt ist die digitale Kommunikation.

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