Wie arbeiten wir mit diesen Klient:innen?
Für Sozialarbeiter:innen, die im beruflichen Kontext mit stalkenden Klient:innen zu tun haben, stellt sich daher eine ganz konkrete Frage: Wie kann ein professioneller Umgang mit diesen Klient:innen gelingen? Um diese Frage beantworten zu können, ist es natürlich von Vorteil, Wissen über das Phänomen Stalking zu haben. Fragen, die dieses Wissen etwas erhellen können, sind z.B.: Welche Faktoren können zur Entwicklung von Stalkingverhalten beitragen? Welche Motivation steht dahinter und welche sonstigen psychologischen Mechanismen spielen dabei eine Rolle? Auf diese Fragen gehe ich in meinem Stalking-Seminar für NEUSTART Mitarbeiter:innen genauer ein.
Darüber reden wir im Stalking-Seminar:
- Was ist Stalking? Welche gesetzlichen Bestimmungen gibt es?
- Auswirkungen auf Betroffene, etwaige Traumatisierung, Psychotherapie von Betroffenen (Opfern), richtiges Verhalten als Betroffene:r
- Ätiologie, Täter:innentypologie, Persönlichkeitsstörungen, Bindungstheorie und Bindungsstörungen, Psychotherapie von Stalker:innen
- Sozialarbeiter:innen und Psychotherapeut:innen als beruflich Betroffene von Stalking
- Gefährdungsindikatoren, Umgang mit Stalker:innen in der Beratung, Gesprächsstrategien
Die beiden Teile – „SozialarbeiterInnen als Betroffene (von Klient:innen)“ sowie „Umgang mit Stalker:innen“ sind für die Praxis bei NEUSTART besonders relevant.
Sozialarbeiter:innen als beruflich Betroffene (von Klient:innen)
Laut Studien sind ca. 10-20 Prozent der Ärzt:innen, Psycholog:innen, Psychotherapeut:innen und Sozialarbeiter:innen in ihrem professionellen Umfeld selbst von Stalking betroffen. Dafür gibt es mehrere Gründe, z.B. das Sozialprestige von Ärzt:innen, Psychotherapeut:innen und Sozialarbeiter:innen, und die Wertschätzung, die Klient:innen diesen Berufsgruppen entgegenbringen. Wenn bereits im Vorfeld gewisse Dinge eingehalten werden bzw. je mehr Wissen bei diesen Berufsgruppen vorhanden ist, desto besser ist die Möglichkeit, sich gut und rechtzeitig zu schützen.
Neben anderen Studienergebnissen wird im Seminar eine österreichische Untersuchung von sieben Psychotherapeut:innen und Sozialarbeiter:innen vorgestellt, die von Stalking durch Klient:innen betroffen waren. Sie befasst sich mit den Auswirkungen auf die Betroffenen und deren Lerneffekte nach Beendigung der Stalkinghandlungen.
Umgang mit Stalker:innen in der Beratung
Der zweite Teil, der für die Praxis der NEUSTART Kolleg:innen relevant ist, ist der Umgang mit Stalker:innen in den Gesprächen der Bewährungshilfe und der Gewaltpräventionsberatung. Dazu werden Studienergebnisse präsentiert und eigene Erfahrungen erläutert, die die subjektive Sicht der Stalker:innen darstellen. Wie ging es eigentlich den Stalker:innen, während der Dauer der Belästigungen und Verfolgungshandlungen? Dies ist ein wenig beachteter Teilbereich der Stalkingforschung, der aber in der Arbeit mit diesen Menschen äußerst wichtig sein kann.
Man muss davon ausgehen, dass bei vielen Stalker:innen zunächst nur eine geringe Bereitschaft zur Einsicht in die Rechtswidrigkeit bzw. die Auswirkungen ihres Verhaltens vorhanden ist. Genauso wie bei Gewalttäter:innen gibt es bei ihnen psychologische Mechanismen, wie Normalisierung, Verleugnung, Verharmlosung oder Schuldzuweisung. Damit muss ein passender und wirkungsvoller Umgang gefunden werden. Im besten Fall gelingt es, eine handlungsfähige Beziehung herzustellen. Aufgrund der unterschiedlichen Zeitressourcen der Gewaltpräventionsarbeit und der Bewährungshilfe kann dies bei letzterer einfacher gelingen.
Klare Grenzen setzen
Ein zentraler Punkt sind klare Vereinbarungen von Anfang an, was etwa Grenzüberschreitungen in den Gesprächen betrifft. Die Einhaltung dieser Vereinbarungen sollte konsequent eingefordert werden. Gerade bei Stalker:innen sollten Grenzüberschreitungen in den Gesprächen deutlich thematisiert werden. Je früher klare Grenzen gesetzt werden, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit weiterer Überschreitungen. Die Herausforderung besteht darin, einerseits empathisch und verständnisvoll zu sein, andererseits aber bei Notwendigkeit deutlich machen, welches Verhalten nicht akzeptabel ist.
Ebenso wird im Seminar auf die eigene Rolle in der Gewaltpräventionsarbeit und die Sicht der Stalker:innen auf uns in unserer Rolle eingegangen. Die Bedeutung dieser Sichtweise ist nicht zu unterschätzen. Zusätzlich reden wir über den Zwangskontext, der mit Einschränkungen verbunden ist, aber auch gewisse Möglichkeiten bietet.
Ziel des Seminars
Ziel des Seminars ist es, den Teilnehmenden ein fundiertes Verständnis für die Dynamik von Stalking und die unterschiedlichen Motive und dahinterstehenden psychologischen Mechanismen zu vermitteln. Gleichzeitig wird deutlich, wie eine tragfähige Arbeitsbeziehung etabliert und aufrechterhalten werden kann. Dabei werden auch die eigenen Erfahrungen und Fragestellungen der Teilnehmer:innen einbezogen. Der Austausch über konkrete Fälle und unterschiedliche Zugänge ermöglicht es, das eigene professionelle Handeln zu erweitern.
Supervision
Einige Wochen nach dem Seminar besteht die Möglichkeit, eigene Fälle zu besprechen. Dabei gibt es die Gelegenheit, sich mit konkreten Fragestellungen auseinanderzusetzen sowie eigene positive und negative Erfahrungen einzubringen. Die Supervision stellte eine gute Möglichkeit dar, sein berufliches Handeln in diesem Kontext kompetent zu reflektieren.


