#TeamNEUSTART: Maria Reimelt

Maria Reimelt hat ihr berufsbegleitendes Studium der Sozialen Arbeit zwar erst mit 40 Jahren abgeschlossen, die Arbeit mit Menschen war aber schon vorher eine Konstante in ihrem Leben …

Bitte stell dich kurz vor.
Mein Name ist Maria Reimelt, ich bin 48 Jahre alt und lebe und arbeite in Graz.

Seit wann bist du bei NEUSTART? Was hast du vorher gemacht?
Seit Oktober 2024, nachdem ich sieben Jahre lang in der Kinder- und Jugendhilfe tätig war. Ich muss dazu sagen, dass ich mein berufsbegleitendes Studium der Sozialen Arbeit erst im Alter von 40 Jahren abgeschlossen habe. Vorher war ich lange Ordinationsassistentin bei einem Neurologen und Psychiater und davor in der Behindertenhilfe tätig. Die Konstante ist, dass ich immer mit Menschen gearbeitet habe. Mir war von Anfang an klar, dass ich das machen will. Soziale Arbeit hat mich schon immer interessiert, allerdings wurde ich nach der Matura an der Sozialakademie nicht angenommen und ein Pädagogik Studium hat für mich nicht gepasst, deswegen habe ich das ad acta gelegt, dann kamen die Familienplanung und Co. Es hat mich aber nie losgelassen. Ich hatte viele Sozialarbeiter:innen im Freundeskreis und hatte zum Beispiel auch beim Psychiater, aufgrund einer Zusatzausbildung, die ich gemacht habe, viel mit Angehörigen von Demenzerkrankten zu tun und in den Gesprächen mit ihnen habe ich gemerkt: Davon will ich mehr! Rückblickend war das die richtige Entscheidung.

In welcher NEUSTART Einrichtung und welchem Bereich arbeitest Du?
Bei NEUSTART Graz in der Bewährungshilfe, im elektronisch überwachten Hausarrest und in der Gewaltpräventionsberatung.

Du hast mir vorab gesagt, dass du gerne über die Gewaltpräventionsberatung sprechen möchtest. Kannst du kurz zusammenfassen, wie die Betreuung in dieser Dienstleistung abläuft und worin sie sich von unseren anderen Angeboten unterscheidet? Was ist ihr Ziel?
Ja, also die Gewaltpräventionsberatung ist ein befristetes Beratungsangebot, das nach einem Betretungs- und Annäherungsverbot für insgesamt sechs Stunden oder nach einer einstweiligen Verfügung, in der Regel für zehn Stunden, vorgesehen ist. Die weggewiesene Person muss sich verpflichtend in diese Beratung begeben. Ziel ist ein Gewaltstopp. Im Unterschied zu den meisten unserer anderen Angeboten muss es dafür allerdings keine Verurteilung geben.

Was sind dabei die größten Herausforderungen?
Genau um darüber zu sprechen, habe ich mir dieses Thema für unser Gespräch ausgesucht. Für mich ist die Gewaltpräventionsberatung in dieser Form nämlich teilweise eine „Gießkannengeschichte“, wo ich noch Luft nach oben sehe. Man kann in diesem Rahmen nur mit der „Wahrheit“ des Klienten arbeiten und da kommt vor, dass die Gewalt negiert oder bagatellisiert wird. Es ist zwar möglich, sich mit den Gewaltschutzzentren auszutauschen, allerdings nur, wenn das vom Opfer freigegen wird und das ist relativ selten der Fall. Das ist insbesondere schwierig, wenn man in der Beratung merkt, dass die Beziehung fortgesetzt wird. Ohne die Eigenmotivation der Klient:innen, auch nach den sechs Stunden an ihren Themen weiterzuarbeiten, wird es schwierig, denn: Sechs Stunden sind zwar ein Türöffner aber sie sind auch schnell vorbei. In dieser kurzen Zeit und so wie es derzeit organisiert ist, ist es nicht möglich, systemisch zu arbeiten, was ich aber sehr wichtig fände. Ich kenne das noch aus der Kinder- und Jugendhilfe, wo es um die Abklärung der Gefährdung von Kindern ging und wo wir das von viel mehr Seiten angehen und betrachten konnten. Das fehlt mir jetzt ein bisschen. Die Gewaltpräventionsberatung ist total wichtig und richtig aber ich würde gerne – bei Bedarf und Notwendigkeit – systemisch arbeiten, besonders wenn die Beziehung bestehen bleibt. Das ist mir ein Anliegen.

Wer muss zur Gewaltpräventionsberatung und was passiert, wenn die:der Klient:in nicht zu einem Termin erscheint? Gibt es Konsequenzen?
Zur Gewaltpräventionsberatung muss jeder Mensch, dem in Österreich ein Betretungs- und Annäherungsverbot oder eine einstweilige Verfügung ausgesprochen wurde. Die Konsequenz, wenn jemand nicht kommt, sind eine Meldung bei der Sicherheitsbehörde und in der Folge eine Verwaltungsstrafe. Also wenn sich jemand nicht innerhalb von fünf Tagen bei uns meldet, melden wir das und dann werden diese Menschen von der Sicherheitsbehörde vorgeladen. Wir kommen ebenfalls hin und machen die Erstberatung vor Ort, erklären den gesetzlichen Rahmen und die Konsequenzen bei Nichteinhaltung. Wenn die Leute dann nicht greifbar sind, nicht erscheinen, dann gibt es für uns keinen Auftrag und dann liegt der Fall bei der Sicherheitsbehörde. Wenn jemand schon einmal bei uns war und zu einem Folgetermin nicht kommt, dann gehen wir dem schon nach aber wir sagen den Personen ganz klar, dass sie verpflichtet sind, ihre Termine einzuhalten und sich zu melden. Meiner Erfahrung nach gibt es da aber eine größere Verlässlichkeit und das funktioniert gut. Die, die es wirklich nicht hinbekommen, haben meist Multi-Problemlagen, die mitverursachen, dass sie ihre Termine nicht einhalten können. Besonders wenn man schon in Kontakt ist, funktioniert es aber erfahrungsgemäß wirklich sehr gut.

Woran merkst du konkret, dass schon diese sechs Stunden einen Unterschied machen können?
Für viele Personen ist es das erste Mal, dass sie dazu angeregt werden, über ihr Verhalten nachzudenken, über ihre Beziehung und ihre Muster. Sie erkennen ein Stück weit: „Ok, ich bin überfordert, mir geht es nicht gut, ich möchte das ändern.“ Mir kommt vor, dieser Anstoß passiert eigentlich bei jedem. Ich habe noch nicht erlebt, dass jemand aus den sechs Stunden überhaupt nichts mitgenommen hat. Es ist zwar schwierig, wenn jemand lange im Negieren ist aber selbst da finden wir dann immer andere Themen, wo man anknüpfen kann: das Verhalten in der Beziehung, andere Situationen, in den Gewalt ein Thema war, … irgendwas ist immer zu bearbeiten. Für manche ist das erst der Start und dann gibt es sogar solche, wo man wirklich sagen kann: „Ja, es konnte in diesen sechs Stunden alles gut erklärt und aufgearbeitet werden.“

Können die Klient:innen theoretisch freiwillig auch mehr als sechs Stunden bei uns in Anspruch nehmen?
Nein, diese Möglichkeit gibt es nicht.

Wie viele von ihnen entscheiden sich nach dem Abschluss der Gewaltpräventionsberatung für weiterführende Beratungs- und Unterstützungsangebote, etwa eine Psychotherapie?
Das ist für mich schwierig in Zahlen zu fassen. Es sind schon einige aber einige müssen das auch tun, weil zum Beispiel Kinder mitbetroffen sind und die Kinder- und Jugendhilfe involviert ist. Es sind aber tatsächlich viele, die zumindest in der Beratung angeben, dass sie weiter etwas machen werden und auch viele, wo wir noch bei der Anbindung unterstützen.

Also ist die Gewaltpräventionsberatung oft ein Ausgangspunkt dafür, sich endlich Hilfe zu suchen?
Ja, definitiv.

Gibt es, unabhängig davon, eigentlich so etwas wie einen typischen Arbeitstag für dich? Falls ja, wie sieht dieser aus?
Grundsätzlich teile ich mir Termine mit meinen Klient:innen gut ein und habe auch Fixtermine wie Besprechungen aber es kommt im Lauf des Tages immer zu Veränderungen, wenn etwa Termine nicht eingehalten werden und ich dem nachgehen muss. Daran muss man sich ein bisschen gewöhnen, an dieses Nachlaufen. Ich denke mir, es ist aber in fast jedem Beruf so, dass unvorhergesehene Dinge passieren können. Im Vergleich zur Kinder- und Jugendhilfe erscheint mir der durchschnittliche Arbeitstag bei NEUSTART viel geordneter, Kolleg:innen, die aus strukturierteren Arbeitsbereichen kommen, finden aber zum Beispiel, dass man für die Arbeit bei NEUSTART viel Flexibilität mitbringen muss. Ich habe nicht die Erwartung an meinen Arbeitstag, dass ich ins Büro komme und den ganzen Tag am Schreibtisch sitze. Ich habe auch einen Außendienstbezirk, Gerichtstermine, Gespräche in Justizanstalten, … Es ist total abwechslungsreich. Man bewegt sich viel (lacht). Wir haben auch die Möglichkeit zu Home Office, wenn zum Beispiel an einem Tag viele Telefonate anstehen oder die Dokumentation nachgearbeitet werden muss. Auch unsere flexiblen Arbeitszeiten finde ich total toll.

Was gefällt dir an deiner Arbeit am besten?
Arbeit mit Menschen liegt mir. Ich würde nichts anderes machen wollen. Weil wir schon immer den Zwangskontext haben, ist es immer wieder toll, wenn man mit Menschen so arbeiten kann, dass sie nicht das Gefühl haben, sie müssen, sondern auch erfahren, dass sich möchten, dass es was bringt. Mir gefällt, dass es auch immer wieder positive Entwicklungen gibt.

Wie findest du persönlich Ausgleich zu deinem Job?
Ich mache viel Sport: Schifahren, Radfahren, Schwimmen und Yoga. Außerdem bin ich kulturinteressiert, gehe gerne ins Theater, Kabarett oder auf Konzerte. Ich habe durch meine vielen Freund:innen, meine Kinder und meinen Partner recht viel Ausgleich im Leben und mich freut, dass sich das so gut mit der Arbeit bei NEUSTART vereinbaren lässt. Private Termine fallen nicht wegen der Arbeit aus und dank der flexiblen Arbeitszeiten kann ich mich auch dafür entscheiden, am Vormittag auf den Berg zu gehen und dafür erst Mittag zu beginnen und länger zu bleiben. Das ist super.

Gibt es sonst noch etwas, das du mit unseren Leser:innen teilen möchtest?
Soziale Arbeit ist super wichtig und super spannend. Gut, dass es so viele Menschen gibt, die sie machen. Menschen Chancen zu geben, ist wichtig. Manchmal denke ich mir: „Warum tue ich mir das eigentlich an? Warum lass ich mich anschreien?“ und dann ist der nächste Termin aber total super und ich bemerke wieder, was diese Arbeit bewirkt. In diesem Sinne: Auch wenn mal ein Tag schlecht läuft, nächstes Mal wird es besser.

Über die/den Autor:in

Laura Roth ist seit 2019 Teil des Kommunikations-Teams des Vereins NEUSTART. Ihre Schwerpunkte sind die interne Kommunikation und unsere Newsletter. In unserer Serie #TeamNEUSTART holt sie regelmäßig Kolleg:innen aus ganz Österreich vor den Vorhang

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