#TeamNEUSTART: Michel Lünenschloß

Michel Lünenschloß konnte in seiner erst kurzen Zeit bei NEUSTART bereits viele Stationen kennenlernen. Sein Weg hat ihn über ein Langzeitpraktikum und das Ehrenamt schließlich hauptberuflich zu NEUSTART in Graz geführt …

Bitte stell dich kurz vor.
Ja, also … Ich bin Michel Lünenschloß, 30 Jahre jung und komme ursprünglich aus Wuppertal. Ich bin nach Graz gezogen, um Soziale Arbeit zu studieren und bin derzeit der einzige Deutsche bei NEUSTART in Graz – glaube ich zumindest (lacht). Vor meinem Umzug habe ich in Wuppertal meinen Bachelor in Soziologie gemacht und mich danach in Richtung Soziale Arbeit umorientiert.

In welcher NEUSTART Einrichtung und welchem Bereich arbeitest Du?
Wie gesagt bei NEUSTART in Graz. Ich mache Bewährungshilfe und Gewaltpräventionsberatung. Seit Oktober 2025 begleite ich außerdem Sozialnetzkonferenzen.

Dein Werdegang ist besonders spannend, weil du schon verschiedene Stationen im Verein hinter dir hast. Welche waren das?
Genau, ich habe Ende 2023 ein dreimonatiges Praktikum hier in Graz gemacht, was schon spannend ist, weil ich zuerst eigentlich eine Absage bekommen habe, allerdings hat die Kommilitonin, die die ursprüngliche Zusage bekommen hat, abgesagt und so bin ich nachgerückt. Ich habe mich hier sofort wohl gefühlt und durfte nach meinem Praktikum sogar zur Weihnachtsfeier kommen. Weil ich unbedingt bleiben wollte, bin ich dann 2024 ins Ehrenamt eingestiegen und habe mich sofort beworben, als schließlich eine hauptberufliche Stelle frei wurde. Mein erster Arbeitstag war dann kurz vor meinem Abschluss im Herbst 2024.

Warum eigentlich genau NEUSTART? Kanntest du den Verein vor dem Studium bereits?
Nachdem ich frisch aus Deutschland gekommen war, kannte ich NEUSTART selbst noch nicht aber natürlich kannte ich die Bewährungshilfe. Ich habe mein Studium ja auch mit dem Ziel begonnen, in die Straffälligenhilfe zu gehen, bekam in Wuppertal aber keine Praktikumsstelle in der Bewährungshilfe. Im Studium war dann oft die Rede von NEUSTART und ich hatte sogar einmal die Gelegenheit, ein Interview mit einer Mitarbeiterin zu führen. Also ich habe wirklich ganz dringend auf dieses Praktikum gehofft!

Hast du dich schon während deines Langzeitpraktikums dafür entschieden, Ehrenamtlicher zu werden und später auch hauptberuflich Straffälligenhilfe zu machen oder standen noch andere Optionen im Raum?
Ich habe schon vorher mit dem Ehrenamt geliebäugelt, hatte aber noch keine genaue Vorstellung davon, was das bedeutet. Im Praktikum habe ich mich dann umgehört und Kontakte geknüpft. Dabei wurde mir dann angeraten, über das Ehrenamt einzusteigen, um bei Gelegenheit ins Hauptamt zu wechseln – das war also von Anfang an mein Ziel. Wäre das nichts geworden, hätte ich mich beim Verein für Männer- und Geschlechterthemen beworben, um dort auch Gewaltarbeit zu machen. Dort habe ich auch mein letztes Kurzzeitpraktikum gemacht.

Was machen Praktikant:innen bei NEUSTART eigentlich? Mit welchen Aufgaben warst du damals betraut und was hat dir daran so gut gefallen, dass du bleiben wolltest?
Also ehrlicherweise gibt es keine expliziten Aufgaben für Praktikant:innen, also man wird nicht mit einem Fall beauftragt oder ähnliches. Mein Anleiter hat mich jedenfalls wirklich überall hin mitgenommen und ich konnte in diverse Teams hineinschnuppern, unter anderem ins Verwaltungsteam, wo ich gemerkt habe, was für einen großen Anteil diese Kolleg:innen daran haben, dass „der Laden läuft“. Teilweise durfte ich die Doku (Anmerkung: internes Dokumentationssystem) schreiben und zu Letzt sogar eine Erhebung durchführen. Was mich hier gehalten hat und warum ich schlussendlich auch bleiben wollte, waren vor allem die Gespräche. Mich hat nämlich wirklich genervt, dass ich nach den drei Monaten nicht mehr mitbekommen habe, wie es für die Klient:innen weitergegangen ist. Sehr einprägsam waren auch die verschiedenen Mitarbeiter:innen und Abteilungsleiter:innen, die mir ausnahmslos auf Augenhöhe begegnet sind. Ich wurde nicht als Praktikant, sondern als Kollege in Ausbildung gesehen und war alles andere als ein „Kaffeebote“. Das hat mir imponiert. Auch an der Atmosphäre an sich habe ich schnell gemerkt, dass ich mich hier wohlfühlen kann.

Wie war dann später der Wechsel vom Ehrenamt ins Hauptamt für dich? Worin unterscheidet sich die ehrenamtliche von der hauptamtlichen Arbeit bei NEUSTART?
Im Ehrenamt darf man auch am Wochenende arbeiten (lacht). Aber ganz im Ernst: Das habe ich neben dem Studium tatsächlich gerne genutzt. Vom Hauptberuf unterscheidet es sich in der Vielzahl der Fälle, deren Komplexität und den verschiedenen Leistungsbereichen, die man im Ehrenamt nicht kennenlernt. Für mich bedeutete der Wechsel in den Hauptberuf auch, dass ich in ein professionelles Team eingebunden bin und meine Fragen jederzeit bei allen Mitarbeiter:innen anbringen kann – ich muss nicht darauf warten, bis meine Teamleitung Zeit hat. Außerdem habe ich jederzeit jemanden an meiner Seite, um ein Fallscreening zusammen zu machen. Auch Terminausfälle sind nicht mehr ganz so „schlimm“, wenn man auch noch andere Sachen am Schreibtisch hat, die bearbeitet gehören.

Was waren die größten Herausforderungen im Zusammenhang mit dieser Veränderung? Musstest du dich erst einmal neu orientieren oder konntest du im Hauptamt nahtlos an das Ehrenamt anknüpfen?
Hmmm… in gewisser Form beides. Mein Vorteil war, dass ich Abläufe und die Einrichtung bereits kannte. Andererseits war es quasi auch mein erster vollwertiger Job als Sozialarbeiter und diese Verantwortung habe ich schon gespürt. Ich konnte mich nicht mehr hinter meinem Praxisanleiter „verstecken“. Mein Abteilungsleiter hat sich zum Glück richtig viel Zeit für uns Neueinsteiger:innen genommen. An Anfang hatte ich nämlich schon das eine oder andere Mal ein Gefühl der Überforderung, was aber auch ein Ansporn war, schnell so hochprofessionell zu werden wie meine Kolleg:innen.

Hast du am Anfang im Hauptamt noch deine Klient:innen aus dem Ehrenamt weiterbegleitet?
Ja, einen Klienten habe ich weiterbetreut und zwei weitere kurz vor meinem Übergang von einer Kollegin übernommen, die in Pension gegangen ist. So hat es sich ergeben, dass ich gleich an meinem ersten Arbeitstag einen Klient:innentermin hatte, worauf mir meine Bürokollegin sagte, ich sei ein Streber (lacht).

Gibt es eigentlich so etwas wie einen typischen Arbeitstag für dich? Falls ja, wie sieht dieser aus?
Also typischerweise komme ich zwischen 9 und 10 Uhr und verschwinde zwischen 17 und 18 Uhr – alles dazwischen ist variabel. Es gibt Tage, wo ich kaum im Büro bin und solche, wo ich viel her bin. Manche Tage laufen genau wie geplant, an anderen werden alle Pläne umgeworfen und es muss schnell reagiert werden.

Was gefällt dir an deiner Arbeit am besten und hat sich das über die Jahre verändert?
Also am besten gefällt mir die Vielfalt an Leistungsbereichen, in denen wir uns ausprobieren können. Ich mag es außerdem sehr gerne, wenn Klient:innen in die Erstberatung kommen und noch sehr skeptisch sind, ich aber innerlich schon weiß: „Ach, wir beide werden eine gute Arbeitsbeziehung aufbauen können.“
Gerade in der Gewaltpräventionsberatung erlebe ich viele „Aha-Momente“ mit, zumeist, Männern, die das erste Mal über ihre Gefühle sprechen, das erste Mal überhaupt Gefühle zeigen, und Verantwortung übernehmen können. Das ist jedes Mal wieder ein schöner Moment, wenn das funktioniert – leider ist es nicht immer so.

Woran merkst du konkret, dass unsere Arbeit wirkt?
Eben genau an diesen „Aha-Momenten“, aber auch, wenn wir nach einem halben Jahr oder Jahr noch einmal zurückschauen und durchgehen, was erreicht wurde, wo man weitergekommen ist. Wenn ein:e Klient:in annehmen kann, dass sie:er sich gebessert und neue Strategien entwickelt hat. Ganz banal merke ich es auch daran, wenn Klient:innen einfach kommen und mit mir sprechen, was sie zuvor vielleicht noch nie mit jemandem gemacht haben. Und natürlich, wenn sie straffrei bleiben.

Wie findest du persönlich Ausgleich zu deinem Job?
Ich trainiere nebenbei noch zweieinhalb Mannschaften mit Menschen mit Behinderung – Basketball und Fußball, „einhalb“, weil ich eine davon als Springer begleite. Das ist eine ganz andere Klientel als ich es von NEUSTART gewöhnt bin und es braucht nicht viel, um diese Menschen glücklich zu machen. Von ihrem Spaß und ihrer Freude lasse ich mich gerne anstecken, danach ist mein Kopf jedes Mal richtig frei. Außerdem spiele ich auch selbst Handball in einem Verein und habe zweimal die Woche Training. Bei gutem Wetter findet man mich im Park beim Spikeball spielen oder einfach beim Zusammensein mit Freund:innen.

Gibt es sonst noch etwas, das du mit unseren Leser:innen teilen möchtest?
Trotz der Kritik, die manchmal berechtigt ist, finde ich, dass wir mit NEUSTART als Arbeitsgeber echt Glück haben. Wir haben viele Freiheiten und eine große Vielfalt – das ist im Sozialbereich nicht selbstverständlich. Ich habe das Gefühl, dass die Führungskräfte darauf bedacht sind, dass es den Mitarbeitenden gut geht. Trotz großer Verantwortung und z.T. stressigen Momenten herrscht bei uns ein gutes Arbeitsklima, eine gute Fehlerkultur und viel Vertrauen in unsere Arbeit. Das ist nicht überall der Fall, und darauf sollte man sich auch mal besinnen. Ich kann mich mit dem Unternehmen und unseren Werten gut identifizieren.

Über die/den Autor:in

Laura Roth ist seit 2019 Teil des Kommunikations-Teams des Vereins NEUSTART. Ihre Schwerpunkte sind die interne Kommunikation und unsere Newsletter. In unserer Serie #TeamNEUSTART holt sie regelmäßig Kolleg:innen aus ganz Österreich vor den Vorhang

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