1.9 Verantwortung der Medien

Die Medien müssen in der Rezeption von Kriminalität ihrer Verantwortung gerecht werden, Ursachen und Zusammenhänge darstellen und die bloß boulevardeske Darstellung unterlassen.

Vorschläge
  • Die Medienkonsumierenden sollen in ihrer Sprache angesprochen werden. Die (Bild-) Sprache der Medien ist anzuwenden, um verständlich und interessant zu sein. Danach soll durch einzelfallübergreifende Informationen ein Zugang zur Komplexität der Problemlagen erzeugt werden und ihre Reduktion auf exotische, boulevardesk aufbereitete Einzelfälle vermieden werden.
  • Soziale Arbeit soll einzelfallübergreifende Recherchegrundlagen aus der Praxis bieten und damit Lösungsmöglichkeiten für gesellschaftliche Konfliktsituationen aufzeigen.

Massenmediale Kommunikation prägt in einer Informationsgesellschaft die Wahrnehmung der Bevölkerung von Phänomenen wie Kriminalität und Armut. Dank unterschiedlicher medialer Interpretationen und Sichtweisen entsteht ein Meinungsmarkt, der Pluralität und damit umfassendere Handlungsmodelle anbietet. Im schlechteren Fall dominieren unwidersprochen einzelne, simplifizierende Zustandsbeschreibungen eng verbunden mit (vor)schnellen Lösungen.

Gerade durch die breite Kommunikation in den sozialen Medien entstand eine fallweise nicht bloß verknappte sondern auch unverhohlen rassistische Positionierung. Unbedacht bleibt bei diesen Autorinnen und Autoren, dass damit menschliches Leid auf Seiten der attackierten Opfer entsteht. Hier ist eine Reaktionsform die strafrechtliche Ahndung auch mit den Mitteln geeigneter Interventionsformen in der Täterinnen- und Täterarbeit, wie zum Beispiel im Programm des Vereins NEUSTART „Dialog statt Hass“. Eine weitere Reaktion muss eine mediale Aufarbeitung durch journalistische Recherche, die fundierte Fakten in die Diskussion einbringt und so eine Art Gegenöffentlichkeit schafft, die deeskalierend wirkt, sein.

Der Journalismus ist in der Mediengesellschaft beim Bemühen der Sozialarbeit um Kommunikation mit der Öffentlichkeit ein unverzichtbarer Partner. Der Weg zu relevanten Zielgruppen ist erfahrungsgemäß nicht ohne das Know-how dieser Berufsgruppe zu gehen. Kritische, aber offene Auseinandersetzung mit den Journalisten ist die Grundlage für eine effiziente Kooperation.

Vom Journalismus ist dabei Respekt vor der Würde des Menschen zu verlangen. Respekt vor dem Objekt der Berichterstattung, nämlich dem menschlichen Schicksal, das sich in Chronik- oder Innenpolitikseiten immer wieder im Bereich der Sozialpolitik darbietet beziehungsweise inszeniert wird. Gerade die Inszenierung, also die Reduktion gesellschaftlicher Phänomene auf quotenträchtige „Geschichten“, gilt es zu vermeiden. Dazu ist es Aufgabe der Sozialarbeit, die einzelfallübergreifende sozialpolitische Dimension zu beschreiben und damit die gesellschaftspolitische Relevanz in Erinnerung zu rufen. Damit wird der Tendenz zur Stigmatisierung ganzer Bevölkerungsgruppen und Randgruppeninszenierung gegengesteuert und im besten Fall Agenda Setting für sonst gemiedene Themen betrieben.

Ein Ziel von NEUSTART ist die Organisation von sozial konstruktiven Alternativen zu herkömmlichen vorwiegend strafenden Reaktionsformen des Staates auf Kriminalität. Es gilt dabei, die Gesellschaft, die politisch Verantwortlichen und die staatliche Verwaltung für Maßnahmen zur Vermeidung von Straffälligkeit, für Alternativen zur Strafe und für die Straffälligenhilfe zu gewinnen. Ein weiteres Ziel ist die Beeinflussung der öffentlichen Rezeption von Kriminalität und Armut. Es wird damit ein Beitrag zum gesellschaftspolitischen Diskurs bezüglich des Umgangs mit Kriminalität und den Menschen- und Bürgerrechten der Klienten geleistet. Gesellschaftspolitisch relevante Sozialarbeit kommt nicht ohne Public Relations aus. Ein Instrument dabei ist eine aktive Medien- und Öffentlichkeitsarbeit, die gesellschaftliche Vorurteile gegenüber Randgruppen thematisiert und zum Abbau von Ängsten durch Informationsarbeit beiträgt. Soziale Arbeit zu leisten heißt, im Einzelfall Diskretion und Vertrauensschutz zu gewährleisten und insgesamt die soziale Immunität von gefährdeten Gruppen gegen Stigmatisierung zu stärken. Gleichzeitig sind soziale Sichtbarkeit und Gehör in der Öffentlichkeit für solche Gruppen herzustellen. Diese Ziele sind weder zu erreichen, wenn sich Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter mit ihren Klientinnen und Klienten in stille Winkel zurückzuziehen suchen, noch wenn sie sich in bedingungsloser Parteilichkeit vor diese hilfesuchenden Menschen stellen und ihr Sprachrohr sein wollen. Soziale Arbeit soll vielmehr Fairness gegenüber Randgruppen einfordern, also die Rechte ihrer Klientinnen und Klienten auf ein „normales“ Leben als öffentliches Anliegen vertreten.