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Blog und Diskussion

Recht statt Rache

Dr. Johannes Bernegger - 26.9.2012 09:46

Ein hohes Maß an menschlicher Größe und Fähigkeit, zu differenzieren, kann nicht von jedem Menschen, der Furchtbares erlebt und erlitten hat, erwartet werden. Das kommt deutlich zum Ausdruck, wenn der Protagonist im Fernsehkrimi „Tatort“ („Hochzeitsnacht"), ausgestrahlt am 16. September 2012 in ORF 2, auf den Vorwurf der Kommissarin „Sie wollen Rache, nicht Gerechtigkeit" antwortet: „Ist das nicht dasselbe?". Er, der zu Unrecht neun Jahre Strafhaft verbüßen musste, will Rache und begeht dabei schwere Verbrechen.

Wenn Opfer strafbarer Handlungen (egal welcher) undifferenziert darüber urteilen, was ihnen geschehen ist, wenn ihre Angst und Verunsicherung dem Zorn weicht und sie ihrem Übeltäter alles Erdenkliche wünschen, ist das menschlich nur allzu verständlich und nachvollziehbar. Sie brauchen in dieser Situation Unterstützung, um mit dem vom Zorn überschatteten Leid fertig zu werden; brauchen Prozessbegleitung, um das folgende Strafverfahren gestärkt zu bewältigen und ihre Rechte einzufordern. Sie brauchen Begleitung, um wieder zu einem normalen Leben zurückzufinden.

Die mediale Berichterstattung der letzten Wochen zum sogenannten "Salzburger Fall" zeigt, dass viele Medien (glücklicherweise gibt es Ausnahmen) und viele Politiker (auch hier gibt es Besonnene) nicht bereit sind, zu differenzieren. Es wird zwischen Recht und Rache nicht unterschieden. Strafgerichtsbarkeit und Strafvollzug werden heillos vermischt und Grundsätze der Strafbemessung und unserer gesamten Rechtsordnung ignoriert. Doch schlimmer noch: Sie instrumentalisieren Opfer für ihre ureigenen Interessen – seien dies Quoten, Auflagen oder Wählerstimmen. Opfer von Sexualstraftaten werden dadurch ein zweites Mal missbraucht – diesmal für die Interessen Dritter, getarnt als Empörung, Anklage und vermeintlicher Opferschutz.

Wenn wir uns einer konstruktiven, den Tätern (Schuld-)angemessenen und für die Opfer wirklich hilfreichen Weiterentwicklung des Strafvollzugs und des Strafrechts widmen wollen, brauchen wir Recht statt Rache. Vorschläge (nicht nur) von NEUSTART gibt es: von der Information und Anhörung des Opfers, dem richterlichen Ausspruch über die Vollzugsform bis zur zusätzlichen GPS-Überwachung. Es ist zu wünschen, dass die nach Sühne rufende Emotionalität sich zu verständiger Sachlichkeit entwickelt.

Johannes Bernegger ist Leiter von NEUSTART Salzburg

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Zu diesem Beitrag gibt es |10 Kommentare|

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Kommentare zu diesem Beitrag:

Stefan steffen schrieb am 20.11.2012 23:18

Anscheinend hat der von ihnen betreute täter weiterhin seit 2006(!!) das opfer gestalked und bedroht...
Ihre vereinsarbeit ist anscheinend dochnicht so gut.. Oder lückenhaft.
Aber kein problem.. Er verklagt das opfer auf verleumdung und trotz gefährlicher drohung bleibt der täter ja eh au freiem fuss..
Danke.

Andreas Zembaty schrieb am 06.11.2012 13:22

Danke für die Rückmeldungen und aufschlussreichen Meinungen!
Klar ist, dass NEUSTART nicht in der Rolle der „verurteilenden“ oder „entscheidenden“ Instanzen tätig wurde.
Unsere Aufgabe ist, der Anstaltsleitung über das Vorliegen der gesetzlich festgeschriebenen Voraussetzungen für den elektronisch überwachten Hausarrest zu berichten. Diese trifft dann die Entscheidung.
So ist Kritik am Strafurteil selbst bzw. an der Entscheidung, einen elektronischen Hausarrest anzuordnen, an NEUSTART falsch adressiert.
Unser Anliegen ist gerade aus unserer jahrelangen Erfahrung in der Arbeit mit Kriminalitätsopfern, den Rückfall von Straftätern und damit neuer Opfer zu verhindern. Die bloße Aburteilung und Inhaftierung von Straftätern ist eben nicht der erfolgversprechendste Weg, um Rückfälle zu vermeiden. Hier braucht es ein Mehr an Betreuung, Kontrolle und damit Nachhaltigkeit der Strafmaßnahme, um wirksam zu sein.
Weder Verständnis für die Delikte noch Missachtung der Opferschicksale ist aus unserer jahrzehntelangen Arbeit ableitbar. Auch im konkreten Fall haben wir den Kontakt zu der betroffenen Frau hergestellt und unsere Unterstützung für die nächste Zeit angeboten. Wer glaubt, mit der Inhaftierung der Täter wären die Probleme der Opfer gelöst, verkennt die Situation der Opfer. Es braucht hier Hilfe für ihre konkrete Lebenssituation.
Die Zufriedenheit der von uns betreuten Opfer mit unserer Arbeit und die vergleichsweise geringen Rückfallsquoten bestätigen uns, auch künftig so unseren Beitrag zum Opferschutz zu leisten.
Andreas Zembaty
NEUSTART

Ulrike Scheiber schrieb am 04.11.2012 11:52

Dies ist wirklich ein ausgesprochen dummer und lebensfremder Blogeintrag. Worum es hier wirklich geht ist Gerechtigkeit, und diese ist der vergewaltigten Frau nicht widerfahren. Sie wurde zweimal vergewaltigt, hat ein schlimmes psychisches Trauma erlitten. Und die Justiz, mithilfe Ihres wundervollen Vereines, hat ihr auch noch das Gefühl der Wertlosigkeit vermittelt. Das was ihr widerfahren ist, ist anscheinend eine Lappalie, für die man nicht mal einen Fuß ins Gefängnis setzen muss. Wie schlimm muss das für das Opfer sein. Es hat nichts mit Rache zu tun, wenn man will, dass derjenige der einem etwas Schlimmes angetan hat auch entsprechend bestraft wird. Außerdem frage ich mich, was das für eine Signalwirkung für vergewaltigte Frauen ist??? Wenn nicht mal mehr ein Vergewaltiger einer Minderjährigen eine Gefängnisstrafe bekommt, wozu sollte noch irgendjemand eine Vergewaltigung anzeigen? Wozu die peinlichen Befragungen und die psychisch belastende Verhandlung ertragen, wenn Täter ohnehin nicht mehr bestraft werden. Neustart sollte sich in Grund und Boden schämen, da es nun eine Mitschuld trägt, dass Frauen und Kindern in diesem Land keine Gerechtigkeit widerfährt.

Norbert schrieb am 31.10.2012 15:44

Dieses Urteil beweist wieder einmal, in welcher Bananenrepublik wir hier in Österreich leben! Einfach unfassbar, dass jemand, der eine Bank überfällt, für viele Jahre hinter Gittern landet und jemand, der das "Leben" eines Menschen dauerhaft zerstört, mit so einem lächerlichen Urteil davonkommt. Ein Verein wie Neustart, der derartige Subjekte (hier ist die Bezeichnung Mensch nicht mehr angebracht) für solche Urteile rehabilitiert, ist mehr als entbehrlich!
Man sollte sich wieder darüber bewusst werden, dass Vergewaltigung, Gewalt an Kindern und Pädophilie nicht automatisch im Inet-Zeitalter "zeitgemäß" sind und auch keine Krankheiten sind, sondern schwerste Verbrechen an Menschen, die dementsprechend hart zu verurteilen sind!

Michael MM schrieb am 31.10.2012 12:39

Die Überschrift "Recht statt Rache" ist ja sehr treffend, vorallem wenn man bedenkt das Recht, vorallem in Österreich, nichts mehr mit Gerechtigkeit zu tun hat.
Das sieht man auch am lächerlichen Urteil (2 Jahre / 6 Monate davon unbedingt).
Die Rache steht, in diesem Land, zurzeit näher an der Gerechtigkeit als es das Recht tut und das ist an sich schon sehr bedenklich.
Das Sie sich für einen Vergewaltiger einsetzen damit er keinen Tag im Gefängnis zubringen brauch finde ich einfach abscheulich.
Was wäre wenn das jemanden aus Ihrer Familie widerfahren wäre?

stefan stumm schrieb am 31.10.2012 11:57

würde Ihr verein auch marc dutroux rehabilitieren?

stefan stumm schrieb am 31.10.2012 11:08

mich würde, rein objektiv gesehen, mal interessieren, wie dem opfer aus dem "salzburger fall" geholfen wurde. ich an ihrer stelle würde mich ein zweites mal als opfer fühlen, wenn ich weiß, dass mein peiniger nicht ins gefängnis muss, sondern entspannt zu hause herumhängen darf.
die rechtslage in dem land ist doch etwas schief - bei einem banküberfall oder diebstahl wird man sofort eingesperrt, aber mißbrauch ist nicht mal halb so schlimm..
ohne emotion und nur sachlich gesprochen: jemand, der ein anderes leben vorsätzlich zerstört, hat dafür zu büßen. und das nicht nur bedingt oder teilbedingt. so jemand muß das ganzes leben bewußt gemacht werden, was er getan hat.
emotionalität macht menschen aus. pure sachlichkeit war die entschuldigung schlimmster verbrechen in der vergangenheit.

Sabine Karpf schrieb am 31.10.2012 10:59

Sehr geehrter Herr Dr. Bernegger,
ich finde es einfach unfassbar was das passiert. Nicht genug, dass der betreffende Täter nur 2 Jahre teilbedingt für seine Tat erhält, er muss auch nicht ins Gefängnis.
Dass er das Leben eines jungen Menschen zerstört hat, scheint keine Rolle zu spielen. Die Empfehlung Ihres Vereins war ausschlaggebend und die Argumentation verschlägt mir auch die Sprache. "Der Mann hat sich seit 6 Jahren nichts zu Schulden kommen lassen und wird auch die nächsten 6 Monate nichts verbrechen".
Wir nähern uns in unserer Gesetzgebung immer mehr dem amerikanischen System. Täterschutz wird weit über Opferschutz gestellt. Der, der die besseren Fürsprecher oder Anwälte hat, braucht eigentlich keine Strafe zu fürchten.
Was würden Sie tun, wenn es Ihre Tochter gewesen wäre?
Anscheinend gutiert die Gesellschaft das Verhalten von Menschen, die ihre Triebe nicht unter Kontrolle halten wollen. Man lebt im Glauben, man kann alle resozialisieren, der Täter braucht nur eine gute Therapie. Die Häufigkeit von Rückfällen von Täter zeigt wohl, das dem nicht so ist.
Es ist ein Gradmesser, wie weit diese Gesellschaft schon gesunken ist. Denken Sie an die junge Frau. Sie muss sich verhöhnt vorkommen und erneut gedemütigt.
Ich glaube, dass spätestens wenn Sie einmal selbst betroffen sind, egal ob jemand in Ihre Wohnung einbricht, ihr Auto stiehlt, oder etwas das schwerer wiegt passiert, werden Sie anders denken.

Johannes Bernegger schrieb am 08.10.2012 12:44

Danke für die positive Rückmeldung!
Die sehr emotionale Debatte zeigt wieder einmal, wie wichtig es ist einen Schritt zurück machen zu können um das Ganze zu sehen und nicht nur einen Ausschnitt.

Michael Pech schrieb am 28.09.2012 14:57

Danke, das ist ein sehr gute Beitrag! Ich fand diese Haltung auch sehr gut dargestellt und vertreten durch Andreas Zemabty und durch Klaus Priechenfried in den Fernsehbeiträgen. Ich bin mit der Öffentlichkeitsarbeit von Neustart zu diesem emotional hochgepeitschten Thema sehr zufrieden.

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