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Blog und Diskussion

Entwicklung von Konflikten nach einem Jahr COVID-19

Dr. Johannes Bernegger - 10.3.2021 10:35

Seit einem Jahr beherrscht das Thema Corona das politische, gesellschaftliche und mediale Geschehen. Aktuell rund um den 8. März, den Weltfrauentag, richtet sich der Blick darauf, wie es den Frauen in diesem Jahr ergangen ist. Vielfach wird darauf verwiesen, dass Frauen nicht nur der alltäglichen Doppelbelastung, sondern während der Pandemie einer Dreifach- bis Mehrfachbelastung ausgesetzt sind. Auch am Arbeitsmarkt zeigt sich eine Schlechterstellung der Frauen. Die Frauenarbeitslosigkeit ist um 40 Prozent, die der Männer „nur" um 24 Prozent gestiegen. Das wirkt sich auf die ohnehin schlechtere Einkommenssituation von Frauen aus und hat entsprechende Folgen für Abhängigkeiten. Dass diese Phase gesellschaftlichen Ausnahmezustands (Ausgangsbeschränkungen bringen das „Glück in den eigenen vier Wänden") mitunter als neues Biedermeier bezeichnet wird, ist auch angesichts der Kriminalitätsentwicklung unangebracht.

 

NEUSTART kann anhand der Entwicklung des Konfliktgeschehens im Tatausgleich ein Bild zeichnen, das nichts mit dem suggerierten Bild des Biedermeier zu tun hat. Mediation im Strafrecht ist nicht nur eine seit Jahrzehnten anerkannte Methode, sondern auch ein Seismograph für die Kriminalitätsentwicklung minder schwerer Delikte, weil die Zuweisungen durch Staatsanwaltschaft und Gericht sehr rasch nach dem Tatgeschehen zu uns kommen. Die auffälligste Beobachtung in diesem Konflikt- oder Tatgeschehen ist, dass die sogenannten situativen Konflikte deutlich abgenommen und die Beziehungskonflikte deutlich zugenommen haben. Situative Konflikte sind meist Körperverletzungen, Drohungen oder Nötigungen zwischen Menschen, die einander nicht kennen – wie zum Beispiel in Lokalen, im Straßenverkehr oder auch auf der Schipiste. Unter Beziehungskonflikten verstehen wir familiäre oder häusliche Gewalt sowie Gewalt in der engeren Nachbarschaft, aber auch Stalking.

 

Bei den Stalking-Delikten hat sich nichts verändert. In den anderen aufgezählten Bereichen gibt es deutliche Zuwächse. Insgesamt stiegen die Beziehungskonflikte von 2019 auf 2020 von einem Anteil von 38 Prozent auf 44 Prozent, während die situativen Konflikte von 35 Prozent auf 30 Prozent zurückgegangen sind. Wenn wir diese Zahlen mit denen der Gewaltschutzzentren, die nur mit Beziehungskonflikten zu tun haben, in Verbindung setzen, dann zeichnet sich hier auch alles andere als Biedermeier ab. In den Gewaltschutzzentren wird jährlich erhoben, dass rund 95 Prozent der Delikte in Familien gegen Frauen gerichtet sind. Das heißt, dass bis zu 95 Prozent der angestiegenen Beziehungsdelikte zu Lasten von Frauen gingen.

 

Im Tatausgleich bearbeiten wir viele dieser – steigenden – Fälle von Gewalt in Paarbeziehungen, meist in Kooperation mit den Gewaltschutzzentren. Mit einer sensiblen Herangehensweise wird hier der meist sehr belasteten Situation des Opfers begegnet. Das Risiko wird herabgesetzt, indem mit dem Täter ein sofortiger Stopp von Gewalt vereinbart wird und eine vertiefte Auseinandersetzung über den Vorfall stattfindet. Auf diese Weise wirkt der Tatausgleich nicht nur konfliktlösend, sondern auch präventiv.

 

Dr. Johannes Bernegger ist Leiter von NEUSTART Salzburg

 

 

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