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Blog und Diskussion

Dialog statt Hass

Mag. Bernhard Glaeser - 16.11.2017 08:09

Die Schlagworte „Hasspostings" oder „Hass im Netz" sind in aller Munde. Gewalt beginnt bei der Sprache. Sprache und ihr schriftlicher Ausdruck sind somit die ersten Gradmesser beginnender Eskalation. Paragraf 283 des Strafgesetzbuchs lautet „Verhetzung" und beinhaltet den Sachverhalt, dass jemand öffentlich zu Gewalt oder Hass gegen Personen mit bestimmten Merkmalen (Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Religion ...) aufstachelt. Die Anzeigen zu diesem Paragrafen sprechen eine deutliche Sprache: 25 Anzeigen im Jahr 2006, 84 im Jahr 2011 und 380 im Jahr 2016. Die Entwicklung der Anzeigen zeigt, dass zumindest die Sensibilität gegenüber dem Thema gewachsen ist.

 

Der Reflex, sofort gerichtlich gegen diese Personen vorzugehen, ist spürbar. Besonders beeindruckend ist für mich jedoch das Beispiel, wie Florian Klenk vom Falter als Opfer von Hasspostings mit „seinem" Hassposter umgegangen ist: Er hat den Kontakt zu ihm gesucht und sich persönlich mit ihm auseinandergesetzt – den Dialog gesucht. Wir wissen nicht, was in den Köpfen einzelner Posterinnen und Poster vorgeht. Vor allem bin ich sicher, dass die Motivation, ein Hassposting abzusetzen, sehr vielfältig sein kann. NEUSTART will gesellschaftliche Polarisierung eindämmen, verhindern und präventiv wirken. Vor allem ist NEUSTART ständig auf der Suche nach vernünftigen, angemessenen Antworten auf gesellschaftliche Phänomene.

 

Ab 1. Jänner 2018 beginnt deshalb der NEUSTART Modellversuch „Dialog statt Hass". Beschuldigte wegen des Verhetzungs-Paragrafen müssen nicht sofort vor Gericht, sondern können in erster Linie diversionell zum sozial konstruktiven Programm „Dialog statt Hass" zugewiesen werden. Wir möchten ausprobieren, ob die Arbeit an der Einsicht des Beschuldigten präventiv wirksam ist. Die Beschuldigten sollen ihr Fehlverhalten verstehen, einsehen und erkennen, wie sie ihre Meinung äußern können, ohne andere abzuwerten. Sie setzen sich im Programm mit dem Thema Diskriminierung auf theoretischer und persönlicher Ebene auseinander und reflektieren ihr Verhalten. Auf diese Weise sollen sie Sensibilität für Art und Wirkung der Meinungsäußerung entwickeln. Das Programm ist auf den Einzelfall abgestimmt und enthält bestimmte Module, die innerhalb eines halben Jahres – im Einzel- oder Gruppensetting – zu absolvieren sind: Normverdeutlichung, Deliktverarbeitung zur Rückfallprävention, Diskriminierung und der Wirkfaktor Gruppe, Opferperspektive und Sensibilisierung für die Auswirkungen auf Opfer und Opfergruppen, Perspektivenwechsel (eigene Diskriminierungserfahrungen und Opferempathie), Medienkompetenz soziale Medien, schärfen der Wahrnehmung für negative Diskriminierung, äußern von Kritik ohne Abwertung.

 

Der Modellversuch soll ein Jahr lang an den Modellstandorten Wien, Linz, Graz und Innsbruck durchgeführt und ausgewertet werden. Wenn erkennbar ist, dass dieses Programm tatsächlich Einsicht und Verhaltensänderung bewirkt, soll es entsprechend der Ergebnisse optimiert, ausgebaut und als fester Bestandteil des NEUSTART Betreuungsangebots verankert werden – als rationale, sozial konstruktive Antwort auf gesellschaftliche Phänomene.

 

Mag. Bernhard Glaeser ist Leiter des Zentralbereichs Sozialarbeit von NEUSTART

 

 

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Zu diesem Beitrag gibt es |4 Kommentare|

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Kommentare zu diesem Beitrag:

Barbara Stehle schrieb am 17.11.2017 17:25

Ich finde den Versuch sehr begrüßenswert
Mir fällt auf, dass Menschen sich schnell beeinflussen lassen.
Im Dialog wird aber klar, was wirklich hinter der Haltung steht: Ich würde sagen 50% Fehlinformation und 50% Angst
Ich bin sehr gespannt auf die Ergebnisse und würde mich über eine positive Auswirkung freuen.

Reza NOURBAKHCH-SABET schrieb am 16.11.2017 12:50

Klingt sehr spannend. Bin auf die Ergebnisse gespannt!
Auch mit dem Thema "Hass im Netz" in Verbindung steht das Feld "Online-Streetwork" und das Projekt Jamal al-Khatib des Vereins "Turn", das ich Euch sehr ans Herz legen will.
http://wien.orf.at/news/stories/2867940/
https://www.facebook.com/jamalalkhatibmeinweg/
https://www.youtube.com/watch?v=Hay8UKHLywM

Markus Nachtwey schrieb am 16.11.2017 12:13

es ist ein interessantes Projekt was da gestartet wird.
Das Posting beinhaltet ja noch einmal eine andere Qualität, weil es darauf angelegt ist sich möglichst weit zu verbreiten- und in der Anonymität des Internets ist mal schnell etwas locker gesendet- hier Bewusstsein zu schaffen in unserer heutigen Welt ist ganz wichtig.
Bin gespannt von welchen Erfahrungen nach den ersten Klienten berichtet werden kann.
"Gedanken werden zu Worten, Worte werden zu Taten...."

Zotl Elisabeth schrieb am 16.11.2017 09:13

Ich betreue einen Klienten aus dem Kaukasus wegen eines Gewaltdeliktes. Zu diesem Delikt ist es gekommen weil er vom Opfer als "Hurensohn" und "Scheißasylant" beschimpft wurde. Es ist klar dass auch deswegen nicht dass Recht besteht jemanden zu schlagen. Es wird aber auch sehr deutlich wie Asylanten von vielen Österreichern bewertet werden. Trotzdem kann ich mir schwer vorstellen wie es möglich sein könnte sich gegen solche Bewertungen zu stellen. In der öffentlichen Meinung ist Österreich und sind die Österreicher schon "Opfer" weil sich Flüchtlinge und Asylanten bei uns aufhalten.