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Gewaltdelikte gehen stark zurück. Darüber spricht niemand.

Andreas Zembaty - 24.8.2017 07:15

Die gerichtliche Kriminalstatistik erfasst alle Verurteilungen, auch die wegen Delikten gegen Leib und Leben. Ein Blick auf die Zahlen zeigt einen enormen Unterschied zur landläufigen Meinung, dass die Gewalt immer mehr zunimmt. Im Jahr 2006 gab es 10.697 Verurteilungen wegen eines Deliktes gegen Leib und Leben. 2016 waren es im Vergleich dazu mit 5.835 Verurteilungen um 45 Prozent weniger. Rückläufig ist sowohl die schwere Körperverletzung mit minus 28 Prozent, als auch die einfache Körperverletzung mit ebenfalls minus 28 Prozent. Bei den Jugendlichen beträgt der Rückgang bei der schweren Körperverletzung minus 41 Prozent, bei der einfachen Körperverletzung minus 39 Prozent.

 

Noch drastischer ist der Rückgang seit Einführung des Strafgesetzbuches Mitte der 1970er-Jahre. Im Jahr 1976 betrugen die Verurteilungen wegen Delikten gegen Leib und Leben fast das Siebenfache gegenüber 2016. Die damals 40.059 Verurteilungen bedeuten 680 Prozent mehr Verurteilungen als 2016. Wegen einfacher Körperverletzung erfolgten 16.648 Verurteilungen im Jahr 1976 gegenüber 3.288 im Jahr 2016.

 

Dieser Rückgang geschah, obwohl heute die Aufklärung nicht zuletzt durch die Zunahme an technischen Überwachungsmöglichkeiten durch die Polizei gestiegen ist. Die Bevölkerung ist darüber hinaus sowohl gegenüber dem Jahr 2006 gewachsen (plus 420.000 Personen) als auch gegenüber 1976 (mit einem Plus von rund 1,2 Millionen). Die Einführung der Diversion im Jahr 2000 (Tatausgleich, gemeinnützige Leistungen statt Verurteilung) hat sicher Auswirkungen gehabt, aber bei weitem nicht in diesem Ausmaß und vor allem nicht zwischen 2006 und 2016.

 

Die Ursache für den Rückgang liegt zu einem beträchtlichen Teil in den zahlreichen Präventionsmaßnahmen, die zu einer Sensibilisierung in der Bevölkerung geführt haben. Heute werden Konflikte und Aggression bereits im Kindergarten altersadäquat thematisiert. In den Schulen gibt es Schulsozialarbeit oder Konfliktlotsen. Die Justiz hat ihren Beitrag durch den Ausbau des Tatausgleichs, der gemeinnützigen Leistungen, der Bewährungshilfe, des Anti-Gewalt-Trainings, der Sozialnetzkonferenzen und der Prozessbegleitung für Opfer geleistet. Nach dem Aufbau der Kinderschutzeinrichtungen und Frauenhäuser waren das Gewaltschutzgesetz und die Einrichtung der Gewaltschutzzentren ein großer Meilenstein.

 

Wir haben heute eine breite Nichtakzeptanz von Gewalt, die etwa in den 1960er-Jahren noch nicht gegeben war. Ein langjähriger ehemaliger Jugendrichter hat dazu einmal trocken gemeint, dass „Gewalt früher Teil der Normalität war". Angefangen von Schlägen in der Familie, Schlägereien beim Dorffest oder Wirtshausraufereien bis hin zu institutioneller Gewalt. Wie schrecklich letztere sein konnte, zeigt uns die Aufarbeitung der Heimunterbringungen in der Nachkriegszeit. Vieles von dem, was damals im Alltag passierte, wurde nicht angezeigt. Trotzdem hatten wir in den 60er- oder 70er-Jahren ein Vielfaches an Verurteilungen gegenüber heute.

 

Aus dieser Perspektive leben wir in Bezug auf Gewaltkriminalität in einer vergleichsweise sicheren Zeit. Das ist ein Fortschritt und ein Erfolg, der uns Ansporn sein sollte, diesen Weg weiterzugehen. Höhere Strafrahmen haben zu diesem Rückgang keinen Beitrag geleistet; schon deswegen nicht, weil sie bei Gewaltdelikten seit 1975 im Wesentlichen unverändert geblieben sind und erst 2016 durch die Strafgesetzreform zum Teil massiv erhöht wurden. Hingegen zeigen die Zahlen, dass die Aufklärung durch die Polizei, die gute Arbeit der Staatsanwaltschaften und Gerichte sowie Präventionsmaßnahmen wirken.

 

Andreas Zembaty ist Pressesprecher von NEUSTART

 

 

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Zu diesem Beitrag gibt es |1 Kommentar|

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Kommentare zu diesem Beitrag:

Franz Heschl schrieb am 13.11.2017 14:20

Kein Kommentar, eine Frage:
Wie haben sich die angezeigten Straftaten (nur die Gewaltdelikte) langfristig, also seit den 1960er Jahren
entwickelt? Im Internet konnte ich dazu nur Daten ab 2004
finden. LG Franz Heschl
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