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Im Dauerfeuer von Gefahrenmeldungen

Andreas Zembaty - 31.5.2017 06:56

Die Globalisierung von Strategien und Entscheidungsfindungen durch Wirtschaftsunternehmen jenseits nationaler politischer Verantwortlicher schafft in der Bevölkerung Unsicherheit und den Ruf nach nationalistischen, regionalen, monokausalen Erklärungen und Lösungen. Globale Migrationsbewegungen befördern nationale Abschottungstendenzen. Insgesamt entsteht ein Trend zu populistischer Politik.

 

Darüber hinaus haben wir als Individuen täglich mit steigendem Unbehagen fertig zu werden. Multitasking als Alltagsanforderung und die ständige Wachsamkeit gegenüber der Außenwelt führen zu Hypersensibilität. Das führt oft scheinbar ohne Anlass zu wiederkehrenden Angstgefühlen. Mangels realer Angsterfahrung entsteht in uns eine diffuse Angst, die, genährt durch kontinuierliche mediale Darstellung von Angstszenarien, eine reale Bedrohung in uns entstehen lässt. Wenn wir uns davor schützen wollen konsumieren wir noch mehr von diesen Medien in der Hoffnung, dann ja gut informiert und damit auch vorbereitet zu sein. Verstärkt wird dieser Effekt noch durch soziale Medien, in denen wir durch andere User quasi unmittelbare, unverfälschte Informationen von Schauplätzen/Tatorten aller Art erfahren. Ohne Zwischenschaltung von in die Kritik geratenen Medien, anscheinend authentisch, anscheinend echt. So entsteht das Gefühl, dass jederzeit jede und jeder von uns betroffen sein kann. Die Distanz zum Geschehen wird scheibchenweise aufgegeben, die emotionale Reaktion dominiert. Am Ende steht der Realitätsverlust. Die reale Risikowahrscheinlichkeit wird falsch eingeschätzt. Das subjektive Sicherheitsgefühl widerspricht der objektiven Sicherheitslage.

 

Boulevardmedien und politische Populisten profitieren von diesen Angstprozessen. Sie nähren die Unsicherheitsgefühle und wirken für die eigene Angst zunächst bestätigend. Sie geben gleichzeitig schnelle Lösungen als entlastende Ziele vor. Beiden Akteuren ist gemeinsam, dass sie nie entwarnen, nie deeskalieren, sondern gefangen in der eigenen Dynamik immer mehr vom Selben anbieten, um weiterhin bedeutend und vor allem wählbar zu bleiben.

 

Wie können wir als NGO dem entgegenwirken? Es gilt, uns gemäß unserer Leitbilder und realer Praxis öffentlich zu positionieren. Die anschauliche Darstellung unserer Leistungsangebote und nachvollziehbare Wirkungsnachweise schaffen eine Gegenwelt zu den herrschenden Kassandrarufen. Nicht nur die Konkurrenzsituation zwischen den Medien schafft Nachfrage für diese „Geschichten" der anderen Art. Auch der Trend zur Abwehr von Fake News schafft Platz für sauber recherchierte Berichte.

 

Sicherheit als zentrales Anliegen der Bevölkerung darf nicht auf eine boulevardesk dargestellte Kriminalität reduziert werden. Sicherheit ist primär ein sozialpolitisches Thema wo Arbeit, Gesundheit und Integration in die Gesellschaft zentrale Anliegen sind. Das erfordert von uns eine faktenorientierte Gegenöffentlichkeit, in der wir die Not der Menschen, aber auch ihre Fähigkeit zum Neubeginn darstellen. In einer postfaktischen Zeit, in der sachliche Informationen als Lüge dargestellt werden und Emotion prinzipiell als wahr betrachtet wird, braucht es von uns das Engagement, eine faktenorientierte Expertise mit einer gleichzeitig emotional nachvollziehbaren Verpackung (Darstellung menschlicher Schicksale) zu veröffentlichen.

 

Andreas Zembaty ist Pressesprecher von NEUSTART

 

 

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Zu diesem Beitrag gibt es |1 Kommentar|

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Kommentare zu diesem Beitrag:

Ulrich Scharner schrieb am 31.05.2017 12:34

Ein sehr informativer Beitrag, danke! Doch wie kann das in der Praxis konkret gelingen???
Anbei kurz meine allgemeine Sichtweise: Ich hatte bisher vor rund einem Jahr das Gefühl, dass der Sozialarbeit im allgemeinen von der Bevölkerung mehrheitlich ein hohes Vertrauen und eine hohe Kompetenz zugesprochen wurde. Seit der massiven populistischen Kritik an der gegenwärtigen Flüchtlings und Migrationspolitik scheint sich die Stimmung in der Bevölkerung teilweise enorm verändert zu haben. Davon scheint auch die Sozialarbeit und soziale Institutionen betroffen und der Rückhalt aus der breiten Bevölkerung teilweise nicht mehr ausreichend gegeben.
Deshalb scheint es mir nötig die fachliche Haltung so zu vertreten und zu argumentieren dass diese auch mehrheitlich verstanden und akzeptiert wird! Doch wie geht das???
Eine differenzierte fachliche Haltung und Argumentation die sowohl der Menschenwürde entspricht als auch gleichzeitig dem mehrheitlichen Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung genügt und somit die allgemeine fachliche Kompetenzzuschreibung und Akzeptanz für die Sozialarbeit und sozialen Institutionen aufrecht erhält. Dieser Spagat ist irgendwie zu meistern und eine gangbare fachliche Haltung, Argumentation und Aufklärung zu vermitteln.
Ein konkretes Beispiel: Wie positioniert man sich zu solch einem Beitrag?
http://derstandard.at/2000051377360/Fluechtlinge-40-Prozent-stellen-religioese-Gebote-ueber-Gesetze
Welche faktenorientierte, fachliche Haltung und Argumentation ist hier angebracht?
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