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Blog und Diskussion

Vielfalt und Individualisierung im Maßnahmenvollzug

Mag. (FH) Mag. Lukas Schmid - 12.4.2017 09:27

Ein 26-Jähriger mit einer autistischen Störung schlägt in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung seinen Betreuer. Ein 49-Jähriger mit einer paranoiden Schizophrenie verhält sich in einem Park auffällig; gegen die herbeigerufenen Polizisten leistet er körperlichen Widerstand. Eine 16-Jährige mit einer intellektuellen Beeinträchtigung bedroht während eines Aufenthalts in einer psychiatrischen Anstalt das Pflegepersonal mit dem Umbringen. Ein 29-Jähriger mit einer schweren Persönlichkeitsstörung zündet ein Wohnhaus an.

 

So unterschiedlich die Lebensgeschichten, die vorhandenen sozialen Systeme, der Behandlungs- und Betreuungsbedarf und die Prognose dieser Menschen sein mögen – eines haben sie gemeinsam: Sie haben aufgrund ihrer Beeinträchtigung vor dem Gesetz „schuldlos" eine strafbare Handlung begangen und es droht ihnen die potenziell lebenslange Freiheitsentziehung im Maßnahmenvollzug nach § 21 Abs 1 StGB. Ein individualisierter Zugang gemäß dem zugrundeliegenden Krankheitsbild ist sowohl im Vollzug als auch in den Vollzugsalternativen geboten.

 

NEUSTART hat im Auftrag des Bundesministeriums für Justiz von April 2015 bis Juli 2016 das Projekt „Sozialnetz-Konferenz im Maßnahmenvollzug" erprobt. Eine Sozialnetz-Konferenz dient den Gerichten als Entscheidungshilfe für bedingte Nachsichten, Vollzugslockerungen oder bedingte Entlassungen.

 

Die Methode der Sozialnetz-Konferenz ist durch eine konsequente Orientierung auf die Lebenswelt der Klientinnen und Klienten gekennzeichnet. Die Bedingungen für eine mögliche Entlassung insbesondere hinsichtlich Wohnort und medizinischer Behandlung werden von familienfremden Personen (medizinisches Personal, Anstaltspersonal, Bewährungshilfe) formuliert. Wie die formulierten Bedingungen aber einzuhalten sind und wie das Leben in Freiheit ohne erneute strafbare Handlungen bewältigt und gestaltet werden kann obliegt in einer Sozialnetz-Konferenz vor allem der betroffenen Person und ihrem sozialen Umfeld. Manche Zuweisungen scheiterten daran, dass kein tragfähiges soziales System zur Verfügung stand. In anderen Fällen saßen in der Konferenz bis zu 15 Personen an einem Tisch. Neben der Kernfamilie auch Freunde, Bekannte, Nachbarn genauso wie professionelle Unterstützerinnen und Unterstützer. Darunter oft auch Menschen, die erst durch die Sozialnetz-Konferenz wieder als Unterstützerinnen und Unterstützer re-aktiviert werden konnten. Die gemeinsame, strukturierte Arbeit an einem Zukunftsplan hat in vielen Fällen ungeahnte Ressourcen im Unterstützungssystem aktiviert, Klarheit und Verantwortungen geschaffen und damit den Weg in ein straffreies Leben nach der Maßnahme unterstützt.

 

Die Ergebnisse der Begleitforschung durch das Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie attestieren dem Projekt einen qualitativen Gewinn beziehungsweise Fortschritt im Maßnahmenvollzug. Aus Sicht von NEUSTART wäre die dauerhafte Implementierung der Sozialnetz-Konferenz ein wichtiger Mosaikstein in einem modernen und individualisierten Maßnahmenvollzug.

 

Mag. (FH) Mag. Lukas Schmid ist Leiter von NEUSTART Oberösterreich

 

Webtipp: http://www.irks.at/assets/irks/Publikationen/Forschungsbericht/Endbericht_SONEKO.pdf

 

 

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Kommentare zu diesem Beitrag:

Mag. Elisabeth Wintersberger schrieb am 21.04.2017 02:46

Begrüßenswert ist dieses Projekt und seine regelhafte Verankerung in einer Reform zweifellos; auch ist verständlich, dass bei der Auswahl der (großteils eher jüngeren) Häftlinge auf größtmöglichen Erfolg gesetzt wurde - aus Sicht der Vereinssachwalterschaft, die insbesondere langjährige, zurechnungsunfähige Maßnahmenhäftlinge vertritt, fehlen aber auch und vor allem Konzepte und ernsthafte Gesetzesänderungen, die verhindern, dass dem 72-jährigen Rollstuhlfahrer, der wegen einer Drohung seit 28 Jahren inhaftiert ist, dem im Zuge einer Zwangsbehandlung die Schulter gebrochen und wegen Diabetes ein Bein amputiert wurde, zum 29sten Mal wegen "noch nicht hinreichend abgebauter Gefährlichkeit" die bedingte Entlassung verwehrt wird - eine unerträgliche Schande für den Rechts- und Sozialstaat Österreich.
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