Cookies akzeptieren
Wir verwenden Cookies für eine optimale Nutzererfahrung, Media Sharing und um Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Durch die Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. Mehr darüber erfahren

Tipps für heikle Situationen

Hier finden Sie viele Informationen und Antworten, wenn eine Angehörige oder ein Angehöriger von Ihnen einer kriminellen Handlung beschuldigt oder verurteilt wurde, wenn Sie gerade aus der Haft entlassen worden sind oder wenn Sie Opfer von Kriminalität geworden sind.

Online-Beratung

Sie können alle Ihre Fragen an die NEUSTART Online-Beratung stellen. Bitte erklären Sie kurz den Hintergrund Ihrer Frage und geben Sie den Wohnort und das Bundesland an. Es ist nicht notwendig, dass Sie Ihren Namen angeben – wir antworten auch gerne auf anonyme Anfragen.

Blog und Diskussion

Gefängnisse abschaffen?

Kurt Koblizek MSc - 21.9.2016 07:31

Im Kurier vom 14. September 2016 wurde anlässlich der Veröffentlichung seines empfehlenswerten Buches „Die Schwere der Schuld“ ein Interview mit Thomas Galli gebracht (er ist Anstaltsleiter eines bayrischen Gefängnisses). Mit der auffälligen Schlagzeile: „Der Gefängnisdirektor, der Gefängnisse abschaffen will“ – also quasi seinen eigenen Job loswerden will. Abgesehen davon, dass es Utopie sein muss, Anstaltsleiter, Justizwachebeamte, aber auch Sozialarbeiter nicht mehr zu brauchen, weil die Kriminalität verschwunden ist, haben die Aussagen von Thomas Galli einen realistischen Gehalt.

 

Die Kernaussage Gallis liegt für mich in folgenden Worten: „Wenn wir Kriminalität reduzieren wollen, dann müssen wir viel komplexer und langfristiger denken. Wir sollten als Gesellschaft viel früher reagieren und Ressourcen investieren, um zu verhindern, dass es überhaupt zu solchen Straftaten kommt. Wir müssen weg von der Fixierung auf das Strafen und von dem Denken, dass wir Kriminalität mit Strafen reduzieren können.“ Thomas Galli äußert sich damit rational und mutig in Zeiten, in denen in Strafen ein Allheilmittel gesehen wird und in denen Ressourcen von sinnvollen Projekten abgezogen werden. Angesichts politischer Verhärtungen bleibt es wohl ein Wunsch, dass das Interview bei Entscheidungsträgern auf fruchtbaren Boden fällt. Sogar das Kostenargument – mittel- bis langfristig gesehen rechnen sich Investitionen in die Kriminalitätsprävention – hat bis dato noch kaum gegriffen. Trotzdem ist es wichtig, immer wieder die Vernunft in die Kriminalitätsdiskussion einzubringen.

 

Nun ist nichts von dem, was Thomas Galli sagt, neu. Weder die Erkenntnis, dass schwierige Kindheitsverhältnisse zu Kriminalität beitragen können (nicht müssen), noch dass Haft für Kriminalitätsabbau kontraproduktiv ist. Weder die Tatsache, dass längst nicht alle sinnvollen Alternativen ausgeschöpft sind noch die Tatsache, dass es ganz ohne Formen der Exklusion nicht geht, um andere zu schützen. All das ist bekannt und wird auch von NEUSTART immer wieder angesprochen.

 

Überhaupt nicht einverstanden bin ich mit dem abschließenden Zitat von Thomas Galli: „So komisch das klingt: Die Sicherheit der Allgemeinheit wäre größer, würde man sie [die Gefangenen, Anm.] gleich entlassen.“ Menschen ohne Betreuung und Unterstützung aus der Haft zu entlassen ist nicht sinnvoll. Gerade dieser Übergang von der Haft zur Freiheit ist besonders kritisch. Darum wird die Haftentlassung in den österreichischen Justizanstalten in Kooperation mit NEUSTART sehr intensiv vorbereitet und das Betreuungsangebot nach der Haft weitergeführt. Betreuung senkt das Rückfallsrisiko. Möglicherweise hat das Thomas Galli mitgedacht, offenbar aber nicht gesagt.

 

Link zum Artikel: https://kurier.at/chronik/oesterreich/der-gefaengnisdirektor-der-gefaengnisse-abschaffen-will/221.018.848

 

Webtipp: www.thomas-galli.de

 

Kurt Koblizek MSc ist Leiter von NEUSTART Niederösterreich und Burgenland

 

 

Zurück zur Übersicht

Zu diesem Beitrag gibt es |1 Kommentar|

Ihre Meinung zählt

Wir freuen uns über Ihren Kommentar zu diesem Blogeintrag

Kommentare zu diesem Beitrag:

Bruno Philipp schrieb am 22.09.2016 19:00

Vor gut hundert Jahren urteilte Franz von Liszt so über die Strafrechtspflege in Deutschland: „Wenn ein Jugendlicher oder ein Erwachsener ein Verbrechen begeht, und wir lassen ihn laufen, so ist die Wahrscheinlichkeit, daß er ein Verbrechen begeht, geringer, als wenn wir ihn bestrafen“.
Anfang 1970 lernte ich Prof. Dr. Max Busch kennen, der damals Leiter der neuerbauten Jugendstrafanstalt in Wiesbaden war. Er formulierte: „Die Strafanstalt liefert der Gesellschaft jährlich qualifizierte Verbrecher, die als Amateure hineinkommen.“
Den von Liszt und Busch aufgezeigten Widerspruch erlebte ich dann unmittelbar, als ich Mitte der 70 er Jahre als Jugendgerichtshelfer zum ersten Mal mit einem jungen Menschen in einer Jugendstrafanstalt sprechen wollte. Die erstaunte Frage an der Pforte: „Was wollen sie denn hier?“ Anfänglich erfuhr ich Justizstrafanstalten als nach außen abgeschlossene Institutionen, die kaum Kontakte z.B. zur Bewährungshilfe oder Jugendhilfe hatten.
Anlässlich eines Schöffenseminars 2006 zum Thema „Erziehung in Unfreiheit“ wurde die Frage gestellt: „Stellt den Täter! Doch wer ist der Täter?“ Zu Beginn der damals jährlichen Schöffenseminare wurde eine Justizstrafanstalt besucht und die von Thomas Galli angesprochen Fragen standen mi Mittelpunkt der Diskussionen. Schöffinnen und Schöffen waren aufgrund des unmittelbaren Erlebens in einer solchen Einrichtung betroffen und erschrocken. Ihnen fiel es dann nicht mehr leicht, sich für eine Strafe im Vollzug auszusprechen. Einen solchen Urteilsspruch sahen sie dann als Ausnahme, als Ultima Ratio an.
Es muss ein lebendiges Miteinander zwischen allen Beteiligten in der Strafrechtspflege geben und dazu gehört selbstverständlich der Strafvollzug. Ich meine ein wirklich lebendiges Miteinander, kein organisiertes und verwaltungsmäßiges. Vielleicht gelingt es dann gemeinsam, neue Wege zu erschließen und mutig zu gehen. Dabei dem öffentlichen Getöse und den Rufen nach einer Strafverschärfung zu widerstehen.
Vor diesem Hintergrund teile ich aufgrund eigener Erfahrungen die Gedanken von Thomas Galli.