Cookies akzeptieren
Wir verwenden Cookies für eine optimale Nutzererfahrung, Media Sharing und um Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Durch die Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. Mehr darüber erfahren

Tipps für heikle Situationen

Hier finden Sie viele Informationen und Antworten, wenn eine Angehörige oder ein Angehöriger von Ihnen einer kriminellen Handlung beschuldigt oder verurteilt wurde, wenn Sie gerade aus der Haft entlassen worden sind oder wenn Sie Opfer von Kriminalität geworden sind.

Online-Beratung

Sie können alle Ihre Fragen an die NEUSTART Online-Beratung stellen. Bitte erklären Sie kurz den Hintergrund Ihrer Frage und geben Sie den Wohnort und das Bundesland an. Es ist nicht notwendig, dass Sie Ihren Namen angeben – wir antworten auch gerne auf anonyme Anfragen.

Blog und Diskussion

Jenseits von Strafe Frieden wiederfinden

Andreas Zembaty - 2.12.2015 07:04

Die Hoffnung auf Sicherheit durch Bestrafung und der Glaube, dass die Bestrafung die effektivste Antwort auf die Tat ist, werden regelmäßig durch unsere Alltagserfahrungen enttäuscht. Zweifellos ist es ein großer zivilisatorischer Fortschritt gegenüber Blutrache und anderen Formen direkter Vergeltung, dass sich der Rechtsstaat als Monopolist um die Reaktion auf Straftaten kümmert. Das Strafgericht muss den Konflikt zum Schutz aller und zum Schutz vor Selbstjustiz rational unterbinden; aber das Gericht kann den Konflikt nur begrenzt bearbeiten. Es findet eine „Enteignung des Konflikts“ statt, wie es der norwegische Kriminologe Nils Christie bereits 1977 beschrieben hat. Der Konflikt wird von den Beteiligten weg in das staatliche Justizsystem verlagert. Dass es sich dabei regelmäßig um bloße Sanktionen handelt ist wenig befriedigend. Das schafft langfristig schwierige Voraussetzungen, um nach einem Gewaltverbrechen so etwas wie inneren Frieden wiederherzustellen. Vor allem für die Opfer aber auch für diejenigen, die sich von der staatlichen Reaktion eine verbesserte Sicherheitslage erwarten. Natürlich ist Strafe sinnvoll, um die Geltung einer Norm zu bekräftigen. Die Durchsetzung des Rechts muss staatlich anerkannt werden. Aber reicht uns das?


Das Opfer will nicht hassen. Es wird durch den Strafvollzug am Täter nicht aufgebaut oder zufriedengestellt. Die Gefühle der Opfer sind mit der Strafe nicht erledigt. Strafe entspannt und entlastet nicht, wiewohl ihr diese Funktion immer wieder irrtümlich von den nicht unmittelbar Betroffenen zugeschrieben wird. Das Opfer will vielmehr dabei unterstützt werden mit dem fertig zu werden, was ihm angetan wurde. Die Leidtragenden der Opferseite bleiben sonst emotional an die Vergangenheit gebunden, fühlen sich weiterhin als ohnmächtige Opfer der tragischen Ereignisse und von Staat und Gericht bisweilen furchtbar alleingelassen.


Auch die andere Seite stagniert. Im hermetischen System aus Strafverteidiger, Richter, Staatsanwalt, Justizwachebeamten wird den Beschuldigten häufig beigebracht, ihre Taten maximal herunterzuspielen und sich gleichzeitig „reumütig“ zu zeigen, um die Strafe möglichst gering zu halten. Die Gefühle der Täter sind mit der Strafe nicht erledigt. So sehr sie sich das oft auch wünschen und mit dem erlittenen Leid durch den Strafvollzug gerne auch die Erinnerung an die Tat, an das Opfer verdrängen würden.


Mit Verurteilung und Inhaftierung verschwinden die psychischen Folgelasten auf beiden Seiten nicht einmal im Ansatz. Schmerz oder Rachewünsche, Rechtfertigung oder Reue arbeiten in den betroffenen Personen weiter und prägen ihr Leben auf drastische Weise. Die Öffentlichkeit diskutiert abstrakt darüber, wie auf Kriminalität mit höheren Strafen zu reagieren sei. Je stärker das Strafbedürfnis, desto mehr Gewalt ist unbewältigt und desto gewalttätiger ist eine Gesellschaft. Diese öffentliche Verarbeitung hat nicht im Blick, dass der tiefe Schmerz, die unvernarbte Verzweiflung Quellen neuer Gewalt durch die Betroffenen oder deren Kinder sein können – und statistisch betrachtet ja auch regelmäßig sind.


Die atavistischen Begriffe Strafe und Vergebung helfen nicht weiter. Vergebung überfordert die Opfer, der Strafvollzug ist für die Reparatur der Täter nicht geeignet. Welche Weiterentwicklung des Denkens und Handelns ist möglich? Nicht die Angst vor Strafe ändert Einstellungen. Vielmehr ist es die Einsicht und Erfahrung, dass es andere Formen der Bewältigung von Lebenskrisen gibt als die scheinbar unabwendbare Eskalation. Die Unterstützung für die Betroffenen, mit ihrer Erfahrung, ihren Erlebnissen wieder klarzukommen, setzt ein Zuhören voraus, das nicht schon eine vermeintliche Lösung im Hinterkopf hat. Aus den erlittenen Erfahrungen eine Episode im Leben zu gestalten, die wie eine vernarbte Wunde präsent ist, aber das Leben nicht nachhaltig beeinträchtigt: Das muss das Ziel einer konstruktiven Reaktion sein. Nicht bloß das Ziel einer wiederherstellenden Justiz, sondern auch einer Gesellschaft, die bereit ist, aus den Erfahrungen der Menschen konstruktiv zu lernen.


Andreas Zembaty ist Pressesprecher von NEUSTART



Zurück zur Übersicht

Zu diesem Beitrag gibt es |5 Kommentare|

Ihre Meinung zählt

Wir freuen uns über Ihren Kommentar zu diesem Blogeintrag

Kommentare zu diesem Beitrag:

o schrieb am 17.12.2015 22:53

Ich bin Überrascht!
Sehr gut geschrieben Andreas Zembaty
Schöne feiertage
nfg

werner hofmann schrieb am 09.12.2015 16:32

gut gesagt und auf den Punkt gebracht; wie geht's jetzt weiter? wie sagt man´s dem Gericht, dass es so oft kontraproduktiv wirkt? wie sagt man´s den mächtigen Berufsgruppen der Richter und Anwälte? die ja schließlich oft von dieser Kontraproduktivität leben?
also: weitermachen!

Johanna Ciupek schrieb am 02.12.2015 09:57

Ein ausgezeichneter Artikel und in dieser verknappten Form sehr informativ! Und ich bin erfreut darüber, dass sowohl Opfer- als auch Täterperspektive in diesem Zusammenhang gemeinsam aufgezeigt werden.

Leopold Schilcher schrieb am 02.12.2015 08:43

Ein schöner Text zur Sache und zur (Advent) Zeit

DSA Wolfgang Pühringer schrieb am 02.12.2015 08:42

….und was braucht es alles, dass aus einer offenen, oftmals schmutzigen, blutenden Wunde eine gereinigte, geschlossene, vernarbte Wunde wird?
Wie angeführt Zuhören und damit offen sein für den individuell notwendigen Heilungsprozess.
Weiters das Bestreben nach einer fein säuberlichen Wundheilung beim Opfer. Also Offenlegung der Verletzungen und Kränkungen, Verluste und Einschränkungen auf allen Ebenen. Das Ansprechen der aufkommenden Ängste. Die bestmögliche Aufarbeitung des Erlebten und Erlittenen, sowohl emotional-persönlich, als auch materiell-rechtlich. Alle Informationen und Hilfestellungen, die das Umfeld, die Gesellschaft, der Rechtsstaat, aber auch die Medizin, die Psychologie, die Psychiatrie, die Rehabilitation und was immer nötig ist, dazu bieten kann, muss den Opfer zur Verfügung stehen. Denn es muss sichergestellt werden, dass das Opfer die bestmögliche Sicherheit und Lebensqualität im Weiterleben erlangt, die möglich ist.
Wenn es auf Grund der Tatumstände möglich ist, kann das auch mittels einer Konfrontation, einer Aufarbeitung, Regelung und Aussöhnung zwischen dem Opfer und dem/n Täter erfolgen.
Und der/die Täter? Auch er muss zu der Wunde, die er aufgerissen hat zurückgeführt werden. Nur in der genauen Auseinandersetzung mit den Ursachen, mit seinen eigenen Verantwortlichkeiten und dem Zustandekommen der Tat, erkennt der Täter seinen Anteil, wird ihm das zugefügte Leid und damit sein Fehlverhalten nachvollziehbar. Er muss als Mensch ernst genommen werden und auf die Kernpunkte des erzeugten Konfliktes und der daraus entstandenen Folgen punktgenau hingeführt werden. Dann erfolgt Einsicht und Bewusstheit und daraus entsteht Nachlernen und Reifung. Und auch der Täter muss nach dieser Aufarbeitung seiner Taten die Möglichkeit erhalten, ein stabiles Leben führen zu können, damit er zu einer dauerhaft positiven Lebensführung gelangen kann.
Die Gesellschaft kann vertrauen, dass es in der Forensik Ersthelfer gibt (PsychologInnen, PsychiaterInnen, SozialarbeiterInnen, BewährungshelferInnen, KonfliktreglerInnen), die die bestmögliche Wundheilung auf der Opfer- und Täter-Seite im Konkreten und im Detail beherrschen - genau und zielgerichtet, als zentraler Pfeiler zur bestmöglichen Wiederherstellung des Rechtsfriedens, den wir alle wünschen und brauchen.