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Blog und Diskussion

Tatausgleich - ein Fallbeispiel

Alfred Gschwendner - 1.4.2015 08:16

Das Ehepaar G. lebt seit 28 Jahren auf einem kleinen Bauernhof in Oberkärnten. Die drei gemeinsamen Kinder sind inzwischen erwachsen und gehen ihre eigenen Wege. Die Vermarktung der bäuerlichen Produkte bringt ein regelmäßiges Einkommen, verlangt aber harte Arbeit von Frau und Herrn G. Die Arbeitsroutine am Hof lässt wenig Zeit für Auseinandersetzung und Gespräch im Alltag. Auch im Beziehungsleben des Paares macht sich Sprachlosigkeit breit. Besonders fehlen die Wertschätzung und Anerkennung des gelungenen Lebens zu zweit. Drei tüchtige selbstständige Kinder und ein Bauernhof, der sich gut entwickelt hat und eine sichere Lebensbasis hergibt, sind eine stolze Lebensbilanz. Dass das nicht angesprochen und gewürdigt wird enttäuscht besonders Frau G. und lässt sie resignieren. Zur fehlenden Anerkennung kommt noch die ökonomische Abhängigkeit von ihrem Mann, der das gesamte Einkommen verwaltet.


Die Situation eskaliert, als die Schwiegermutter Frau G. zusätzlich zur Arbeit am Hof noch Pflegeleistung abverlangt. Frau G. lehnt das vehement ab und formuliert erstmals in der Beziehung ihren eigenen Standpunkt. Ihr Mann stellt sich in diesem Loyalitätskonflikt hinter seine Mutter. In Folge bricht ein lange bestehender Grundkonflikt in der Beziehung auf. Für Frau G. wird klar, dass eine Entscheidung über das weitere Zusammenleben ansteht. Herr G. hat mit dieser massiven Eskalation des Konflikts nicht gerechnet. Er findet nach der langen Zeit des Schweigens in der Beziehung keinen Ausdruck für seine Gefühle. Als er nach einem Gasthausbesuch nach Hause kommt, wird er zum ersten Mal gewalttätig und schlägt seine Frau, die sofort die Polizei verständigt. Es kommt zu einer Wegweisung. Frau G. flüchtet ins Frauenhaus.


Der Akt wird von der Staatsanwaltschaft zum Tatausgleich zugewiesen. In einem Einzelgespräch des Konfliktreglers mit Herrn G. zeigt sich bei diesem die Hilflosigkeit in dieser Konfliktsituation. Gewalt und Schuldzuweisungen sind die Verhaltensmuster, die ihm zur Verfügung stehen. Gleichzeitig sieht Herr G. die Ausweglosigkeit, die durch sein Verhalten entsteht. Die Konfliktreglerin führt das Erstgespräch mit Frau G. Diese kann dabei das Gefühl der Abhängigkeit ansprechen und gleichzeitig ihre Wünsche, Bedürfnisse und Ansprüche an die Beziehung formulieren.


Opfer und Täter wollen nach den Einzelgesprächen ein gemeinsames Ausgleichsgespräch führen, das von Konfliktreglerin und Konfliktregler begleitet wird. In diesem geschützten Rahmen wird gegenseitiges Zuhören möglich. Gefühle wie Trauer und Enttäuschung, aber auch Freude und Anerkennung werden beidseitig offen angesprochen und nicht, wie im Konfliktfall, durch Aggression und Hass überlagert. So entsteht eine ehrliche und offene Kommunikation, die besonders Frau G. die Entscheidung erleichtert, ob sie ihre Beziehung weiterführen möchte.


Frau G. braucht Sicherheit und ein eigenes Einkommen. Sie will ihre Arbeit am Hof wertgeschätzt und ihre Bedürfnisse und Gefühle respektiert sehen. Es werden klare Vereinbarungen getroffen, um die finanzielle Unabhängigkeit von Frau G. zu sichern. Regeln für ein wertschätzendes Zusammenleben werden schriftlich vereinbart. Der Konflikt ist nicht gelöst und aus der Welt geschafft. Es wurde jedoch die Basis gelegt, um die grundsätzliche Entscheidung über die Weiterführung der Beziehung zu ermöglichen.


Opfer brauchen Stärkung und Ermächtigung, indem sie Sicherheit bekommen und ihre Wünsche, Bedürfnisse, Hoffnungen und Befürchtungen äußern können. Tätern müssen Grenzen gesetzt werden; und sie erfahren positive Stärkung dadurch, dass sie Konfliktmodelle, die auf einer wertschätzenden Kommunikation aufbauen, praktizieren können. Unbedingte Geldstrafen oder die neue Möglichkeit eines Mandatsverfahrens nehmen Opfer in ihren Bedürfnissen nicht ernst und fordern die Täter nicht, sich zu verändern. Die Gesellschaft braucht den Tatausgleich – auch als Modell, wie Konflikte außerhalb repressiver Maßnahmen konstruktiv gelöst werden.


Alfred Gschwendner ist Leiter von NEUSTART Kärnten



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Zu diesem Beitrag gibt es |3 Kommentare|

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Kommentare zu diesem Beitrag:

Alfred Gschwendner schrieb am 08.04.2015 08:18


Liebe Frau Mag. Groinig,
österreichweit zahlen Täter circa 700.000,- Euro über ein NEUSTART Treuhandkonto an die Opfer. Zusätzlich zu diesen Wiedergutmachungszahlungen werden noch direkte Zahlungen an Opfer geleistet. Werden die Zahlungsvereinbarungen an die Opfer nicht eingehalten, wird von den Konfliktreglern beim Täter interveniert.
Über die materiellen Wiedergutmachungsleistungen hinaus werden vor allem Vereinbarungen getroffen, die eine zukünftige Gewalthandlung vermeiden sollen. Gewaltberatungen, Teilnahme an Anti-Gewalt-Gruppen und Alkoholtherapien sind die häufigsten Maßnahmen, die vereinbart werden. Vereinbarte Beobachtungszeiträume vor der Berichterstattung an die Staatsanwaltschaft geben eine gewisse Sicherheit, dass die Vereinbarungen auch umgesetzt werden.
Liebe Grüße, Alfred Gschwendner

Mag. Sonja Groinig schrieb am 02.04.2015 13:17

Hallo! Vielen Dank für diesen Beitrag!
Mich würde interessieren, ob der nach dem Tatausgleich folgende Prozess weiter begleitet wird? Wer evaluiert die weitere Umsetzung der Vereinbarung und gibt gegebenenfalls Hilfestellung und Anleitung?
Ich freue mich auf die Antwort.
Liebe Grüße, Sonja

Heimo Kometter schrieb am 02.04.2015 09:32

Dies ist für mich eine sehr interessante und wichtige Schilderung, wie Konflikte auch "anders", nämlich wie hier beschrieben durch einen Tatausgleich behandelt werden können. Der sonst so häufige Reflex, dass harte Strafen auch eine harte Gegenreaktion hervorrufen, bleibt aus und dadurch wird wie in diesem Fall den Beteiligten die Möglichkeit eines Neubeginns ermöglicht.

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