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Blog und Diskussion

Geschichte eines Haftentlassenen

Roland - 14.1.2015 10:50

Man stelle sich vor: Ein Mann wird aus dem Gefängnis entlassen, nach 18 Jahren Haft. Vielleicht war es der Zorn, vielleicht auch nur sein Stolz, der in daran hinderte, irgendeine Hilfe anzunehmen. „Das schaffe ich alles alleine, ich brauche niemanden“, so seine Gedanken. „Ich fange ein neues Leben an (ach, mein Freund, wie euphorisch Dein Denken war) und das schaffe ich alleine.“ Das waren seine ersten Gedanken in Freiheit.


Mann, dieser ganze Lärm, diese Hektik und so viele Menschen, ich will hier weg. Endlich eine Wohnung, nach sechs Wochen beim Vater eine echte Wohltat. Mit diesen ganzen Kosten, sicher, es ist nicht leicht für ihn, mit nur einem Bein, noch dazu ist es erst zwei Monate her, wo Dir das Bein genommen wurde; doch ich habe nichts, das Dir helfen könnte. Mir fehlt die emotionelle Bindung zu Dir. Nicht nur zu Dir – zu allen Menschen, die ich kannte. Die Jahre, es waren so viele nutzlose Jahre.


Meine erste Nacht in meiner Wohnung. Ja, meine Wohnung. Ich kann schon stolz sein auf mich. Das habe ich alleine geschafft, ich brauche niemanden. Das hat schon was: „Mein Heim ist meine Burg". So, die erste Miete, das wird schon sehr knapp. So viele Kosten. Egal, jetzt habe ich bald Arbeit und das geht sich locker aus. Ha, ich brauche niemanden. Wie sich doch alles geändert hat in diesen Jahren. Ich fühle mich fremd in diesem Land.


Mann, die sieht süß aus. Fahr rechts ran, dort steht sie. Hei, Roland – hallo, bin die Conni. Scheint mir einen recht netten Eindruck zu machen. Ich fühl mich, als wären meine ganzen Gefühle auf Null gerutscht. So leer, als müsste ich erst lernen, was Gefühle sind.


So, der wievielte Bewerbungsversuch war das? Egal, ich schaff’ das alleine. Diese Frau liebt mich wirklich. Mittlerweile kennt sie schon meine ganzen Eigenheiten, und viele davon sind nicht gerade angenehm. Sie hat schon viel mit mir mitgemacht.


Ich hasse diese Schübe der Resignation. Sie dauern immer länger. Nun ja, ich verstehe euch. Wenn ich eine Firma haben würde, ich würde auch keinen 46-Jährigen anstellen, der außerdem auch noch im Gefängnis war. Ich verstehe es.


Diese Frau ist das Beste, was mir passieren konnte. Gott sei Dank habe ich das bemerkt, solange sie meine Spinnereien noch mitgemacht hat. Ich werde mit ihr einen Neuanfang machen und zusammenziehen. Ob ich diese Frau liebe? Ich weiß es nicht. Ich weiß auch nicht, ob ich dieses Gefühl jemals kannte. Ich weiß nur, dass ich mich bei ihr wohlfühle, sie mir auch Kraft gibt. Aber ob das Liebe ist – keine Ahnung.


Ich will keine Bewerbungen mehr schreiben. Ich habe immer weniger Kraft, wieder Resignation, ich stehe das durch, es wird wieder besser. Jetzt ist es also soweit, unsere erste gemeinsame Wohnung. Mein Onkel, ohne ihn wäre das nicht möglich gewesen, borgt mir einfach so das Geld für den Wohnbauzuschuss. Na ja, etwas Hilfe braucht man schon. Jetzt, da wir zusammenwohnen, können wir auch mehr an Schulden abzahlen. Das hat was, so ein Familienleben – hätte ich nicht gedacht. Ich tue mir zwar noch schwer mit meinen Gefühlen der Familie gegenüber, doch ich arbeite daran.


Schau mal, Schatz, das Arbeitsmarktservice hat mich runtergesetzt – von 19,- Euro täglich auf elf Euro. Dieser Ausdruck in ihrem Gesicht – es tut mir leid. In Evidenz gehalten, was heißt das? Na, mal googeln. Aha.


Okay, ist nicht viel, was ich habe, doch ich kann die halbe Miete bezahlen. Ich finde Arbeit. Es wird bald besser.


Was? Nicht einmal mehr fünf Euro pro Tag… Jetzt will man mir auch noch meinen Stolz nehmen. Nein, das kann niemand. Wenigstens habe ich ein Gefühl wieder gelernt: Trauer. Ich merke es daran, wie ich mich fühle, wenn ich daran denke, dass ich meine Familie verlassen muss. Wie die wenigen Träume, die wir noch hatten, verschwinden. Ich weiß nicht, ob ich noch den Willen habe, wieder aus diesem dunklen Loch rauszukommen; denn die Hände, die mir immer halfen, sind nicht mehr da.


Die wahre Strafe war für mich nicht die Haft, sondern das Leben danach.




Roland hat von sich aus einmal die NEUSTART Haftentlassenenhilfe Klagenfurt aufgesucht, die auf Freiwilligkeit basiert. Diese hat ihn nun ihrerseits nach Übermittlung seines Blogs kontaktiert und neuerlich Unterstützung angeboten, falls er das wünscht.



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Zu diesem Beitrag gibt es |2 Kommentare|

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Kommentare zu diesem Beitrag:

Sonja schrieb am 16.01.2015 10:41

Ich sehe die lange Haft (eigener Diskussionspunkt) und das Delikt dahinter. Ich denke die "Freiheit" soll gut vorbereitet sein. Er dachte er schafft es alleine. Mir zeigt der Beitrag dass Hilfe holen, Hilfe annehmen seine Geschichte gut begleiten hätte können. Rechtzeitig über Erlebtes reden, Gefühle ansprechen und hören dass all das sein darf, hätte vielleicht nicht nur gut getan, sondern das eine oder andere verhindert.

Andreas Braunsteiner schrieb am 14.01.2015 14:30

Ich denke, dass dieser Text einem wirklich vor Augen halten kann, wie schlimm "Freiheit" sein kann. Wer ist heute wirklich noch frei? Nur weil jemand der noch nie inhaftiert war, einen Job hat und eventuell Kinder ist er noch lange nicht "frei", er oder sie ist an seinen/ihren Job gebunden und hat eine Verpflichtung gegenüber seinen Kindern. Bei einer ehemals inhaftierten Person ist der Effekt ein ähnlicher, nur krasser. Diese Person hat 18 Jahre in relativer Isolation verbracht (genaue Umstände wurden nicht beschrieben) und kannte vielleicht niemanden mehr außer den Aufsehern, den Mitinhaftierten oder Besuchern. Diese Person ist wie ein Kind, welches erstmals ein Einkaufszentrum besucht: "Soviele Menschen... Mama?" Diese Person findet sich einfach nicht zurecht, hat vergessen wie die Welt funktioniert. Mich hat der Text sehr bewegt, weil sie einem wirklich zeigt, wie es solchen Menschen geht.

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