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Blog und Diskussion

Soziales Netz einschalten

Mag. Bernhard Glaeser - 19.11.2014 09:37

Was bringt junge Menschen nachhaltig auf den rechten Weg? Nicht strafen und unterdrücken, sondern ein Problem zu erkennen und gemeinsam an dessen Überwindung zu arbeiten; und an Zukunftsperspektiven, die positiv sind und bewältigt werden können.


NEUSTART steht für sinnvolle und wirkungsvolle Alternativen zum herkömmlichen Sanktionen- und Reaktionssystem der Strafgerichte. Herkömmliche Sanktionen haben oft den ungewollten Nebeneffekt einer Zusatzstrafe durch soziale Auswirkungen. Ein Eintrag im Vorstrafenregister vermindert Chancen am Arbeitsmarkt; Haft kann zu Verlust des Arbeitsplatzes, der Wohnung und der positiven sozialen Bezüge führen; und letztendlich lernt man in Haft oft nicht die Freunde kennen, die nach der Entlassung zu einer soliden Basis für einen Neustart beitragen können. Bis hin zu Fällen, in denen die Haftzeit sogar mit schrecklichen Erlebnissen wie brutalen Misshandlungen durch Mithäftlinge verbunden ist.


Vergessen wir nicht: Der Fall eines 14-jährigen Burschen, der in der Untersuchungshaft vergewaltigt wurde, setzte den Impuls für die Arbeit an neuen Konzepten im Jugendstrafvollzug. Es wurde eine multidisziplinäre Task Force zu Verbesserungsvorschlägen im Jugendstrafvollzug eingesetzt. Viele gute Vorschläge wurden erarbeitet. Als konkretes Ergebnis wurde empfohlen, dass sich Jugendliche nur in U-Haft befinden sollen, wenn es wirklich unvermeidbar ist. Konstruktive Alternativen zur U-Haft sollen für jugendliche Beschuldigte der Regelfall sein.


Bereits als die Task Force zum Jugendstrafvollzug arbeitete, wurde von NEUSTART das Modell Sozialnetz-Konferenz in der Praxis erprobt. Für mehr straffällige Jugendliche als erwartet fand sich ein positives soziales Netz, das auch bereit ist, gemeinsam Lösungen und Vorsorge für ein Leben ohne weitere Straffälligkeit zu erarbeiten. Vor allem: ein soziales Netz, das auch bereit ist, längerfristig Mitverantwortung für den Jugendlichen zu übernehmen und gemeinsam zu gewährleisten, dass die erarbeiteten Pläne auch umgesetzt werden. Verwandte, Freundinnen und Freunde, Lehrerinnen und Lehrer, Nachbarinnen und Nachbarn, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter entwickeln gemeinsam mit den Jugendlichen konkrete Maßnahmen, die sie stärken und von Rückfällen abhalten.


Diese positiven Signale an Jugendliche bestärken und machen Mut: „Du wirst nicht allein dabei sein, Deine Zukunft gut aufzubauen. Wir helfen Dir dabei.“ Die bisherigen Erfahrungen mit der Entlassung von Jugendlichen aus der U-Haft nach einer Sozialnetz-Konferenz stützen diese Zuversicht: Von knapp 70 Untersuchungshaft-Konferenzen seit August 2013 konnte es bis dato in zwei Dritteln zu Entlassungen aus der U-Haft kommen. Fünf davon mussten wieder in U-Haft genommen werden.


Die Justiz reagierte schnell: Mit 1. November 2014 konnte die Sozialnetz-Konferenz für Jugendliche in den Regelbetrieb aufgenommen werden. Für den Maßnahmenvollzug wurde bereits ein Modellprojekt Sozialnetz-Konferenz in Auftrag gegeben. Ein schönes Signal! Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob so ein Modell aufhört, wirksam zu sein, wenn der Straftäter das 18. Lebensjahr erreicht hat – derzeit ist die Sozialnetz-Konferenz als Alternative zur U-Haft nur bei Jugendstraftaten möglich. Warum soll man dieses Erfolgsmodell nicht auch bei jungen Erwachsenen, also 18- bis 21-jährigen, anwenden?


Mag. Bernhard Glaeser ist Leiter des Zentralbereichs Sozialarbeit bei NEUSTART



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Zu diesem Beitrag gibt es |1 Kommentar|

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Kommentare zu diesem Beitrag:

Werner Hofmann schrieb am 10.12.2014 14:47

Die Zeit scheint tatsächlich günstig. Darum sollte das Fenster zum Zivilen noch weiter geöffnet werden. Ich wünsche mir, auch noch nach Weihnachten, ein zivilrechtlich ausgestaltetes Modul, das allen strafrechtlichen Entscheidungsfindungen vorgelagert ist im Sinne der zuletzt erfolgversprechend etablierten Sozialnetzkonferenz.
Aufbauend auf den Vorgaben staatsanwaltschaftlicher Erkenntnis sollen die relevant Beteiligten einer Straftat/eines Schadensfalles im Rahmen einer mediativen Klärungshilfe Fragen nach Verantwortung, dem entstandenen Schaden und seiner Wiedergutmachung einvernämlich regeln.
Gelingt das, soll das zivile Modul strafmindernde oder auch strafbefreiende Wirkung entfalten. Dadurch würde das Verfahren abgekürzt, würden Kosten gespart, würde entpolarisiert, soziale Akzeptanz und Nachhaltigkeit gestärkt und - der Vertraulichkeit des Moduls wegen - vor medialer Geilheit geschützt werden können. Sozialer Friede und günstigenfalls sogar Versöhnung und Heilung wären möglich.
Die Gerichtsverhandlung mit ihrem Primat strittiger Wahrheitsfindung - die „letzte, große Show von Obrigkeitsstaat“ - ist nämlich oft kontraproduktiv. Meist beschädigt sie die Betroffenen, Täter wie Opfer. Nur für die stellvertretend Beteiligten, Richter, Rechts-und Staatsanwalt und Medien ist sie noch ein „gutes Geschäft“.

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