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Blog und Diskussion

Frieden stiften bei Gerichtsverfahren oder Haft

Mag. Klaus Priechenfried - 9.4.2014 08:32

Sozialer Friede nach einer Straftat braucht viel mehr als nur ein Gerichtsverfahren und ein Urteil. Strafe führt nicht automatisch zu sozialem Frieden, sie allein entschädigt das Opfer nicht. Wiedergutmachende Gerechtigkeit hingegen will den Rechtsfrieden wiederherstellen, der vor der Tat geherrscht hat. In Österreich gibt es ausgezeichnet eingeführte Maßnahmen zur Herstellung des Rechtsfriedens im Rahmen der Diversion. Opfer und Täter sitzen im optimalen Fall beim Tatausgleich und die persönlichen materiellen und immateriellen Folgen der Tat werden besprochen. Meist kommt es zur Einigung, das Opfer wird entschädigt und bekommt eine Entschuldigung. Der Täter wird nicht weiter stigmatisiert, muss aber seinen Teil leisten, um den Schaden gutzumachen.


Ist ein Delikt schwerer, sodass keine Diversion mehr ins Auge gefasst wird, bleibt in Österreich alles beim klassischen Verfahren: das Opfer als Zeuge im Prozess, für den Täter die Strafe, im Fall unbedingter Haftstrafe oft kaum weitere Auseinandersetzung mit der Tat und keine Entschädigung, da der Täter kein Einkommen hat. Hier könnte es auch besser gehen, wie das Beispiel Belgiens zeigt.


Katrien Lauwaert vom European Forum for Restorative Justice berichtete vergangene Woche vom belgischen Modell des Tatausgleichs auch neben oder nach dem Gerichtsverfahren. Auf Antrag des Opfers, des Täters oder sonstiger Personen, die ein berechtigtes Interesse haben, kann ein Täter-Opfer-Ausgleich auch in diesen Fällen umgesetzt werden. Auch die Haft ist kein Hindernis. Die Opfer beantragen dies oft, weil sie mehr wissen wollen, weil sie Antworten wollen auf die Frage: „Warum ist es passiert?“. Manche hoffen auf eine Entschuldigung des Täters, andere wollen direkt Wiedergutmachung erhalten. Täter beantragen diesen Ausgleich oft, weil sie sich erklären wollen, etwas gutmachen wollen, Bedauern ausdrücken wollen; oder aber auch, weil sie ein milderes Urteil in weiteren juristischen Fragen (zum Beispiel vorzeitige bedingte Entlassung) erreichen wollen. Opfer wie Täter empfanden die Gerichtsverhandlung in diesen Punkten als enttäuschend, da habe es keine Gelegenheit gegeben, auf die persönliche Seite des Geschehens einzugehen.


Die Ergebnisse sind bemerkenswert: Es finden häufig Einigungen statt, die Opfer erholen sich besser von der Tat, die Täter sind weniger rückfällig als die Vergleichsgruppe, die sich nicht diesem Verfahren unterzogen hat. Für die Täter war dieser Tatausgleich, wie spätere Interviews zutage brachten, ein wichtiger Grund für den Ausstieg aus ihrer kriminellen Karriere. Sie fühlten sich ernst genommen und bekamen, gerade weil sie ihre Tat auch wiedergutmachen konnten, das Gefühl, dass man in ihre „soziale“ Seite Vertrauen setzt. Das gab ihnen neue Kraft, ein Leben im legalen Rahmen aufzubauen. Die Erfahrungen sind so positiv, dass man nicht lange warten sollte, ähnliches in Österreich umzusetzen!


Mag. Klaus Priechenfried ist Leiter von NEUSTART Wien 2

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Zu diesem Beitrag gibt es |4 Kommentare|

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Kommentare zu diesem Beitrag:

Snow schrieb am 12.04.2014 20:09

Ich persönlich finde, dass in unserem Land sehr sehr oft gross gesprochen wird, dass man Straftäter bzw Haftentlassene wieder in die Gesellschaft intrigieren soll, jedoch wird überhaupt nichts dazu gemacht.
Wieso ist der Verein Neustart nicht in der Lage Straftäter zusammen mit dem AMS wieder eine Arbeit zuverschaffen geschweige den Überhaupt eine Jobbörse anzubieten

Klaus Priechenfried schrieb am 11.04.2014 09:49

Liebe Irmgard, lieber Manfred!
Danke für eure Kommentare, wir sind uns einig, dass das eine Chance wäre, für Täter und Opfer einen Fortschritt zu erzielen in ihrer jeweiligen Bewältigung des kriminellen Vorfalls. Ich habe meine Information aus einem Vortrag und einer Diskussion mit Katrien Lauwaert. Die Tatsache, dass Opfer weniger häufig psychische Langzeitfolgen durch die Tat haben, wenn sie durch diesen Mediationsprozess gegangen sind spricht jedenfalls sehr für die Einführung eines solchen Modells. Dazu kommt, dass sowohl Know - How im Umgang mit Opfer und Täter als auch Erfahrung mit Mediation bei uns vorhanden wäre. Der geringere Rückfall aber auch die mögliche vorzeitige Entlassung bringt natürlich sowohl weniger Leid als auch finanzielle Entlastung des Strafvollzugs, womit die Kosten kein Problem sein dürften in einer volkswirtschaftlichen Rechnung.

Irmgard Winkler schrieb am 10.04.2014 15:33

Ich war ja gerade in Belgien und habe mit den MediatorInnen des flämischen Teils Belgiens eine eintägige Veranstaltung (am 25.3.) gestaltet. Konkret wollten sie genaueres über unsere Arbeitsweise bzw. Methoden - im speziellen das Gemischte Doppel und das Tandem - erfahren. Ich habe dabei natürlich auch einiges über das System in Belgien erfahren (bzw. mir vorher schon angelesen). Die gesetzlichen Voraussetzungen und die Arbeitsbedingungen sind natürlich völlig andere - eine Vollzeit-Mediatorin hat ca. 30- 50 "Fälle" pro Jahr. Es gibt u.U. zahlreiche Vorgespräche bis es ein gemeinsames Gespräch gibt (und das nicht in allen Fällen). Ich habe einen ganz konkreten Fall sehr detailreich geschildert bekommen und habe dabei den Eindruck bekommen, dass diese Gespräche für beide Parteien sehr hilfreich sind.Auch mir erscheint es sehr spannend, ein Projekt zu initiieren, das ein Setting für Täter und Opfer anbietet. Ich habe - aufgrund dieser Erfahrungen und Informationen - danach mit einer befreundeten Kollegin, die im Opferschutzbereich arbeitet darüber geredet, ob Opfer Interesse an einem Gespräch mit dem Täter äußern und wie sie das handhaben würde, wenn so ein Wunsch geäußert.würde. Nicht so einfach - natürlich eine Ressourcenfrage (sowohl finanziell als auch, wo/wie könnte so ein Gespräch organisiert werden, wenn Täter z.B. noch in Haft). Jedenfalls würde Interesse bestehen.Und ich kann da Manfred nur zustimmen, dass es an der Zeit für Neustart und für Österreich wäre, wieder Innovationen, neue Angebote im RJ-Bereich zu entwickeln und zu initiieren.

Manfred Tauchner schrieb am 09.04.2014 08:49

Lieber Klaus !
"Endlich" wieder ein Beitrag mit dem Schwerpunkt RJ - hier sollte NEUSTART wieder einen innovativen Schritt nach vorne setzen und ähnliche Modell für Ö entwickeln. So z.B. gibt es auch schon aus meiner Abteilung die Überlegung, eine Art "Tatausgleich" an ein erfolgreiches AGT anzuschließen, da die Teilnehmer immer wieder das Ziel haben, mit dem Opfer und dem sozialen Umfeld "auf Augenhöhe" zu kommen. Dass dieser Schritt ein wesentlicher Beitrag zur Desistance sein kann, scheint mir folgerichtig, da hier den Tätern (im Rahmen sicherlich klar fachlich abzugrenzender und zu begleitender Schritte) neben dem materiell und/oder emotionalen Aspekt der Wiedergutmachung auch die Möglichkeit eröffnet wird, sich als aktiv und selbstwirksam in der Wiederherstellung des sozialen Friedens zu erleben, ihr Selbstbild zu verändern und so ihrem Narrativ eine positive Seite anzufügen.