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Blog und Diskussion

Aus Konflikten lernen

Dr. Kristin Henning - 23.10.2013 10:56

„Fehler passieren – es geht darum, wie man danach damit umgeht.“ Diesen Spruch werden wohl viele schon einmal gehört haben oder jemandem mit auf den Weg gegeben haben. Gerade in der Auseinandersetzung mit Tätern ist jedoch wichtig: Es ist nicht „passiert“, sondern derjenige „hat getan". Es macht einen Unterschied, ob mir etwas „passiert“ ist oder ob ich gehandelt habe. „Passieren“ erweckt den Eindruck, man habe nichts dazu beigetragen und es nicht beeinflussen können. Das ist meistens nicht der Fall. Zu verschiedenen Zeitpunkten einer Eskalation hat es Alternativen gegeben, die jemand aus mehr oder weniger verständlichen Gründen nicht ergriffen hat. Das Bewusstsein, gehandelt zu haben, gibt uns die Chance und das Potenzial, beim nächsten Mal anders zu reagieren!


Konflikte und Straftaten kommen vor. Idealerweise gibt es zumindest danach die Möglichkeit, den Konflikt auszuräumen und den Schaden soweit wie möglich wieder gut zu machen. Ein Tatausgleich wird zum Beispiel dann von der Staatsanwaltschaft angeregt, wenn es im Zuge eines Streits zu einer Körperverletzung gekommen ist. Die betroffenen Parteien können einander vorher gekannt haben (aus der Schule oder Nachbarschaft) oder einander völlig unbekannt sein, wie etwa bei Auseinandersetzungen in Diskotheken unter Alkoholeinfluss. Wichtig ist, dass der Tatausgleich ein freiwilliges Angebot ist und Täter und Opfer entscheiden können, ob sie an einer Konfliktregelung teilnehmen wollen. Der große Vorteil vom Tatausgleich besteht darin, dass der Täter für seine Handlung Verantwortung übernehmen muss und die Interessen und Bedürfnisse des Opfers berücksichtigt werden.


Die Erfahrungen zeigen uns, dass diese Reaktionsform auf strafrechtlich relevante Konflikte sinnvoll ist. Wir wissen aus Befragungen, dass Opfer mit den gefundenen Lösungen und Vereinbarungen sehr zufrieden sind und sie den Konflikt als bereinigt ansehen. Wir wissen auch, dass die Rückfallsquote (Verurteilung nach einer weiteren Straftat) im Vergleich sehr niedrig ist. In 84 Prozent der Fälle erfolgte in einem Beobachtungszeitraum von zweieinhalb bis dreieinhalb Jahren nach Abschluss eines erfolgreichen Tatausgleichs keine andere Verurteilung (Studie des Instituts für Rechts- und Kriminalsoziologie 2009, die in Auszügen aktuell wiederholt wurde und die Ergebnisse bestätigt). Es ist also äußerst sinnvoll und kriminalpolitisch ausreichend, bei Konflikten einen Tatausgleich durchzuführen und das Strafverfahren einzustellen – ohne zusätzliche Strafe.


Dr. Kristin Henning ist Leiterin von NEUSTART Tirol

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Zu diesem Beitrag gibt es |1 Kommentar|

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Kommentare zu diesem Beitrag:

Bruno Philipp schrieb am 28.10.2013 17:43

Der Beitrag von Dr. Kristin Henning spricht Grundfragen an, die in das Miteinander mit Probanden einfließen.
Im Sommer 1990 nahm ich an einer Tagung zur JGH teil, bei der Professor Steffensky in einem nachdenklich stimmenden Referat die Verknüpfung von Täter und Tat beschrieb. Es wurde im Nachrichtendienst (Heft 6/1991) des Deutschen Vereins veröffentlicht. Er berichtete über seinen Besuch in einem New Yorker Gefängnis. Es gab ein Gespräch mit einem schwarzen jungen Mann, der seine Mutter umgebracht hatte und der Gefängnisseelsorger schilderte dabei in entschuldigender Absicht dessen Situation. Daraufhin hätte ihn der junge Mann angeschrieen, das er seine Mutter umgebracht hätte und nicht die Verhältnisse. Dazu führte Professor Steffensky aus: " Dieser Mann bestand auf der Würde, sich nicht von seinen Taten abtrennen zu lassen, auf der Würde, Subjekt zu sein und nicht nur geschütteltes Objekt der gesellschaftlichen Verhältnisse. Kann man partnerschaftlich und nicht-partnerschaftlich helfen, wenn der Schuldbegriff völlig stirbt? Mit dieser Bemerkung will ich auf keinen Fall wieder den Sühnegedanken ins Strafrecht einführen. Aber das Verhältnis des Helfers zu seinem Klienten ist ja keine Urteilssituation. Er ist ja Anwalt des Klienten, er ist ja seine Partei. Gerade dann aber hat er auch nicht freisprechender Richter zu sein und im falschen Freispruch die Subjektivität dieses Menschen zu untergraben und ihm in falscher Gnade die Würde zu nehmen. Man kann auch in falscher Güte Menschen verachten." Und weiter fragte Professor Steffensky: "Gibt es nicht gerade unter denen, die die Problematik unseres Strafsystems erkennen und die eine Option getroffen haben für die, die ihm verfallen sind, die Tendenz, Schuld allein als Krankheit oder als Produkt gesellschaftlicher Systeme zu erkennen? Und heißt dies nicht, dem Menschen Subjektivität, Gewissen und Originalität abzuerkennen? Gibt es nicht eine Entschuldigung des Menschen, die diesen beleidigt?"
Für mich weist sich ein solches Verstehen aus in der Besonnenheit im Umgang mit kriminalpolitischen Fakten. Es geht nicht um Entrüstung und moralischem Abscheu, sondern um das kühl und beteiligt intensive Fragen nach dem Woher und Wohin.
Bruno Philipp
e.a. Bewährungshelfer

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