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Blog und Diskussion

Integrieren statt polarisieren - zum Selbstverständnis zur Arbeit mit Opfern und Tätern

Dr. Christoph Koss - 20.6.2007 13:55

NEUSTART orientiert sich seit 50 Jahren im Umgang mit dem Thema Kriminalität an den Grundrechten als Fundament einer demokratischen Gesellschaft. NEUSTART schlägt in der politischen Debatte kontinuierlich differenzierte statt populistische Lösungen vor. Wir sind eine gemeinnützige Organisation, die professionelle Sozialarbeit für alle Menschen - ob Täter oder Opfer -, die von Kriminalität betroffen sind, anbietet. Hier liegen unsere Erfahrungen und unser Wissen. Erfahrung und Wissen, das in allen unseren Arbeitsbereichen kontinuierlich erworben wurde: In der Bewährungshilfe, im Außergerichtlichen Tatausgleich, in der Haftentlassenenhilfe, im Wohnbereich, in der gemeinnützigen Arbeit, der Drogenprävention, der Schulsozialarbeit, der Jugendhilfe, der Verbrechensopferhilfe und in der Prozessbegleitung für Opfer.

Welcher Bewährungshelfer kennt nicht die vielen verschiedenen Persönlichkeiten und Rollen mit denen er in der Arbeit mit seinen Klientinnen und Klienten konfrontiert wird? Jene 17-jährigen, die wegen Drogen- und/oder Gewaltdelikten Bewährungshilfe erhalten haben? Noch vor wenigen Jahren war dieselbe Person wegen Missbrauchs als Opfer in stationärer psychiatrischer Behandlung gewesen. Jetzt pendelt sie/er zwischen Straftaten und Selbstbeschädigungen. Neben diesen Klienten haben wir es aber auch mit Tätern zu tun, die beispielsweise nach Verhängung einer lebenslangen Freiheitsstrafe bedingt entlassen werden. Bewährungshelfer sind aufgrund dieser Vielfalt gewohnt zu differenzieren. Sie müssen in der Betreuungsarbeit immer wieder mit wechselnden Rollen ihrer Klienten zwischen Täter und Opfer umgehen. Deswegen hatten wir ja auch etliche Bewährungshilfeklienten als Gewaltopfer in der Prozessbetreuung. Überdies hat Bewährungshilfearbeit immer auch die Vermeidung von Rückfallen zum Ziel und ist daher Prävention im Sinne von Opferschutz.

Unsere Erfahrungen mit Opfern haben wir aber auch in den 21 Jahren Außergerichtlicher Tatausgleich (ATA) gesammelt. Dabei wurden mehr als 100.000 Opfer unterstützt, falls sie mit dem Tatverdächtigen zu einer Wiedergutmachung zu gelangen wollten. Wie sich gezeigt hat, gibt es dieses Anliegen bei einem Großteil der Opfer.

Für NEUSTART ist es daher fachlich selbstverständlich, dass wir unsere Verbrechensopferhilfe und Prozessbegleitung in der Organisation haben. Das ist vom Selbstverständnis her ebenfalls konsequent, weil es genau das zum Ausdruck bringt, was wir in unserer tagtäglichen Arbeit tun müssen, nämlich aufgrund der Vielfalt zu differenzieren und nicht zu polarisieren.

Der schmerzliche Punkt der Entscheidung des Ministeriums, unsere Opferarbeit nicht länger finanzieren zu wollen, ist für uns, dass damit die Polarisierung Täter gegen Opfer weiter vorangetrieben wird. Diese Tendenz, die in den USA weit vorangeschritten ist und in Europa ebenfalls mehr Raum gewinnt, ist seit einiger Zeit zu beobachten. Dem entgegengesetzt, gibt es seit den 80er Jahren mit der Entwicklung der Restorative Justice als dritter Spur im Strafrecht (die Wiedergutmachung, neben Strafe und Behandlung) noch eine andere starke Strömung in Europa. Beispielsweise haben die Mitgliedsstaaten seit der Council framework Decision der EU on the standing of victims in criminal proceedings Jahr 2001 (2001/220/JHA) Mediation zu fördern und damit Opfern und Tätern die Möglichkeit der Wiedergutmachung einzuräumen.

Die Vorstellungen von NEUSTART sehen kein Polarisieren zwischen Opfern und Tätern vor. Für NEUSTART geht es deshalb um eine Grundausrichtung in der Justiz und nicht darum, dass wir in unserer finanziellen Existenz gefährdet wären. Deswegen sehen wir bei aller Wertschätzung für unseren langjährigen Kooperationspartner Bundesministerium für Justiz diesen Punkt gänzlich anderes. Wir glauben, dass es differenzierte Stimmen in der künftigen kriminalpolitischen Debatte unbedingt braucht. Angesichts der technischen Entwicklungen wird es hier zu höchst sensiblen Fragen in der Zukunft kommen.

Unsere Rolle in der kriminalpolitischen Debatte sehen wir als die einer Expertenorganisation, die weder undifferenziert gegenüber Tätern noch gegenüber Opfern Wissen beziehungsweise Erfahrungen einbringt und über alle Parteigrenzen hinweg Vorschläge macht. Die ministerielle Aussage, „Täter- und Opferhilfe gehörten getrennt“, entspricht nicht unseren Erfahrungen und dem Selbstverständnis von NEUSTART. Sowohl für die Täter- wie für die Opferarbeit ist es notwendig, eine umfassende Problemwahrnehmung zu bewahren, und nicht in einseitiges, kontraproduktives Lobbying für Täter wie für Opfer zu verfallen. Es ist uns daher ein großes Anliegen, unsere Sozialarbeit im Interesse von Opfer, Täter und der Gesellschaft auch in Zukunft durchführen zu können.

Dr. Christoph Koss ist Assistent der Geschäftsführerin für Sozialarbeit bei NEUSTART und war langjähriger Leiter des Fachbereichs Außergerichtlicher Tatausgleich in Österreich

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