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Blog und Diskussion

Armut - Herausforderung auch für NEUSTART

Hans Jörg Schlechter - 6.9.2007 13:51

Die Faktenlage: 420.000 Menschen (fünf Prozent der Wohnbevölkerung) sind in Österreich arm. Eine Million Menschen (zwölf Prozent) gelten offiziell als armutsgefährdet. 35.048 Kinder und Jugendliche sind Österreich weit von Sozialhilfe betroffen. Das ist ein Anstieg um elf Prozent zum Vergleichsvorjahr. Nach einer Untersuchung des Europäischen Zentrums nehmen bundesweit 60 Prozent der Anspruchberechtigten Leistungen der Sozialhilfe nicht in Anspruch (Non Take up Rate).

Die Gründe für eine Zunahme der Armut liegen an der zunehmenden Zahl an "working poor", gestiegenen Lebenshaltungskosten bei Wohnen und Energie, nicht Existenz sichernden Arbeitslosen- und Notstandshilfeleistungen, nicht ausreichenden Pensionen, Arbeitslosigkeit und dem Anstieg an psychischen Erkrankungen. Weiters treffen die steigenden Lebenshaltungskosten bei Wohnen und Energie Menschen mit geringem Einkommen überproportional stark. Wohnen und Energie sind neben Ernährung die zentralen Ausgabenposten in Armutshaushalten.

Die hohe Non Take up Rate hängt vor allem davon ab, dass im ländlichen Raum die Leistungen der Sozialhilfe nicht in Anspruch genommen werden, weil Scham und Schande, bürokratische Hürden, mögliche Regressforderungen und Unkenntnis die Menschen abhalten, ihre Rechte in Anspruch zu nehmen.

Viele unserer Klienten gehören zu den Armen und sind Sozialhilfe- oder Notstandsbezieher. Wie viele es tatsächlich sind, wissen wir aber nicht. Leider. Es werden zwar viele Daten auch zur sozialen Lage erhoben, doch ausgewertet werden sie bisher nicht. Eine Sozialerhebung unter den Klienten von NEUSTART könnte den empirischen Beleg dafür bringen, dass es einen Zusammenhang zwischen Armut und Kriminalität gibt und auch Argumente dafür liefern, was es an sozialpolitischen Maßnahmen braucht, die Kriminalität reduzierend und Rückfall vermeidend wirken. Mit einem empirisch belegten und gesicherten Wissen könnte auch dem Zerrbild von Kriminalität in der Öffentlichkeit mit Argumenten entgegengetreten werden.

Dieses Wissen über die Armutslagen unserer Klienten, das auch regional ausgewertet und zur Verfügung gestellt werden sollte, könnte NEUSTART in die österreichische Armutskonferenz einbringen und diese Plattform der sozialen Organisationen auch dazu nutzen, eine Lobby für jene zu sein, die keine Lobby haben.

Im Herbst wird Sozialminister Buchinger seine Vorschläge zur Mindestsicherung und zur Reform der Sozialhilfe einbringen. Die Grundrichtung der Reform ist heute schon bekannt: bundesweite Vereinheitlichung und Anhebung der Richtsätze, Änderung der Regressregelung, One desk Prinzip und stärkere Rechtssicherheit.

Schon lange fordern die Sozialorganisationen die Vereinheitlichung der Sozialhilfe. Aber wie immer wird die Tücke im Detail liegen. Wie werden die regional sehr unterschiedlichen Wohnkosten in die Richtsätze eingerechnet, wie wird es mit dem Sonderbedarf sein, wird es auch „vorgelagerte“ Hilfen geben, die ein Abgleiten in die Armut präventiv verhindern? Fragen, die auch bei NEUSTART diskutiert werden sollten, damit sich NEUSTART in die Debatte mit konkreten Vorschlägen einbringen kann.

Hans Jörg Schlechter ist Mitarbeiter des NEUSTART Zentralbereichs Sozialarbeit

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