Cookies akzeptieren
Wir verwenden Cookies für eine optimale Nutzererfahrung, Media Sharing und um Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Durch die Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. Mehr darüber erfahren

Tipps für heikle Situationen

Hier finden Sie viele Informationen und Antworten, wenn eine Angehörige oder ein Angehöriger von Ihnen einer kriminellen Handlung beschuldigt oder verurteilt wurde, wenn Sie gerade aus der Haft entlassen worden sind oder wenn Sie Opfer von Kriminalität geworden sind.

Online-Beratung

Sie können alle Ihre Fragen an die NEUSTART Online-Beratung stellen. Bitte erklären Sie kurz den Hintergrund Ihrer Frage und geben Sie den Wohnort und das Bundesland an. Es ist nicht notwendig, dass Sie Ihren Namen angeben – wir antworten auch gerne auf anonyme Anfragen.

Blog und Diskussion

Der "Leumund" - demokratiepolitisch überholt?

Mag. Klaus Priechenfried - 27.11.2007 11:04

Wenn ein Unternehmen neue Mitarbeiter sucht ist es bemüht, durch Anwendung bestimmter Verfahren die richtigen Bewerber für die offene Stelle auszuwählen. Zu den „harten“ Kriterien, mit denen die Bewerber „gesiebt“ werden, gehört die „Strafregisterbescheinigung“, häufig immer noch Leumundszeugnis genannt.

Diese Vorgangsweise ist gesetzlich gedeckt und kulturell akzeptiert. In Zeiten höherer Sensibilität für den Schutz persönlicher Daten sollten wir das neu überlegen, da es sich um eine sehr sensible Auskunft handelt, die für die Integrationschancen der Betroffenen negative Folgen haben kann. Natürlich ist alles so konstruiert, dass nicht der Unternehmer von der Polizei die Auskunft erhält, sondern der Bewerber selbst; aber da der Unternehmer diese Auskunft fordern darf, ist die Information ebenfalls für ihn verfügbar.

Erkennt ein Unternehmer hier wirklich etwas für die Stelle Relevantes? Ist ein 18-jähriger, der in einer Krise mit dem Türsteher einer Diskothek einen Raufhandel hinter sich hat, tatsächlich wenig geeignet für den Job in einem Handwerk oder einem Büro? Der Unternehmer erhält ja auch – mit gutem Grund – keine sensiblen Daten aus dem Gesundheitswesen. Sie könnten genauso gut Zweifel aufkommen lassen über die Eignung.

Es ist verständlich, dass Personalisten von Unternehmen gerne so viel wie möglich wissen möchten über zukünftige Mitarbeiter, sie wollen ja die Besten finden. Doch es muss dem Staat, in dem wir leben, auch wichtig sein, seine Bürger vor dem Zugriff auf persönliche Daten zu schützen. So wie es etwa nicht erlaubt ist, ein psychiatrisches Gutachten zum Vorstellungsgespräch zu verlangen, so sollte es auch nicht erlaubt sein, Daten über Vorstrafen verfügbar zu machen. Ausnahmen für sehr sensible Bereiche wären mir verständlich: etwa dass ehemalige Kindesmissbraucher nicht in einen Kinderbetreuungsberuf tätig werden sollen - aber das ist ein Problem, das nur sehr wenige betrifft und ließe sich auch auf anderem Weg gut organisieren.

Derzeit ist der „Leumund“ ein Hindernis für die soziale und berufliche Integration von sehr vielen Menschen, die überwiegend kleinere Delikte begangen haben. Sie werden dadurch in ihren Bemühungen, in der Welt wieder Fuß zu fassen, behindert - und das schadet nicht nur ihnen selbst. Sollten sie durch diese Ausgrenzung weiterhin am Rand der Gesellschaft bleiben, erhöht sich das Rückfallsrisiko. Ein Mensch, der seine Strafe hinter sich hat, sollte durch die Aufdeckung von sensiblen Informationen bei der Arbeitssuche nicht neuerlich bestraft werden.

Unternehmen sollen ihr Personal nach Fähigkeiten auswählen und keine Zusatzinformationen vom Staat erhalten für diese Entscheidung. Daher glaube ich, dass in modernen Demokratien keine solche Auskunft mehr zur Verfügung gestellt werden sollte. Ein Berufsverbot für ganz bestimmte (das sind sehr wenige) Rückfallsgefährdete in bestimmten Berufen wäre die einzig legitime Ausnahme. Frankreich geht diesen Weg und ich glaube, auch wir sollten das versuchen.

Mag. Klaus Priechenfried ist Leiter von NEUSTART Wien 5

Zurück zur Übersicht

Zu diesem Beitrag gibt es |2 Kommentare|

Ihre Meinung zählt

Wir freuen uns über Ihren Kommentar zu diesem Blogeintrag

Kommentare zu diesem Beitrag:

Zeilinger schrieb am 07.12.2007 23:05

Wie hält es denn der Verein NEUSTART selbst mit Leumundszeugnissen, wenn er Personal sucht ;-)

Manfred Tauchner schrieb am 29.11.2007 23:47


Das ist ein sehr interessanter Vorstoß, der auch in Österreich an die Justiz und die Parteien herangetragen werden sollte. Allerdings werden JuristInnen möglicherweise auch mit Verweis aufs ABGB (Stichworte: Besorgungsgehilfen, culpa in eligendo...) die Notwendigkeit dieses - im Hinblick auf soziale Inklusion wenig hilfreiche und meines Erachens demokratie- und justizpolitischen - Fossils verteidigen.

powered by webEdition CMS