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Blog und Diskussion

Jugendlich, straffällig, ausländisch – ist abschieben die Lösung?

Jürgen Kaiser - 7.1.2008 14:34

„Ausländische Jugendliche schlagen Rentner nieder“, „Ausländerbande attackiert Jugendlichen in Einkaufszentrum“ - die jüngsten Schlagzeilen in den Medien lassen vor allem in Deutschland wieder die Diskussion über Strafverschärfungen bei Jugendlichen, über Erziehungscamps und sofortige Abschiebung aufflammen.

Als Bewährungshelfer, der seit vielen Jahren mit der Betreuung von straffälligen ausländischen Jugendlichen befasst ist, habe ich folgende Erfahrungen gemacht: Schwere Gewaltdelikte sind die absolute Ausnahme. Als Hauptproblem bei straffälligen ausländischen Jugendlichen sehe ich den geringen Grad an Bildung und somit das Problem fehlender beruflicher Integration. Die Einwanderergeneration etwa aus der Türkei kommt ja meistens nicht aus der Mittelschicht, sondern war eher in der türkischen Unterschicht beheimatet. Bildung hat in dieser Gesellschaftsschicht keinen hohen Wert. Die Eltern beherrschen sehr oft die deutsche Sprache nicht, sind manchmal sogar Analphabeten und haben oftmals existenzielle Sorgen - die Frage der Bildung der Kinder ist somit ihr geringstes Problem. Im Idealfall haben die Jugendlichen einen Poly-Abschluss, sehr oft nicht einmal das. Eine Lehre kommt für sie von vornherein nicht in Frage, was bleibt sind Hilfsjobs und gleichzeitig der Traum von Wohlstand.

Kulturelle Werthaltungen werden von den Eltern an die Jugendlichen weitergegeben. Man bleibt unter sich und heiratet auf jeden Fall ein türkisches Mädchen. Oft handelt es sich um arrangierte Ehen, die Eltern suchen für die Söhne eine Frau aus. Für die Burschen bedeutet das einen kulturellen Zwiespalt, denn natürlich wollen sie sich die Partnerin selbst aussuchen, auch nicht gleich heiraten, aber auf Grund der Tradition/Ehre fällt es ihnen sehr schwer, dagegen zu protestieren.

Themen in der Betreuung sind daher immer wieder „Ich-Stärkung“ das heißt die Auseinandersetzung mit eigenen Wünschen und Bedürfnissen sowie Unterstützung im Ablösungsprozess von den Eltern. Weiters die Konfrontation mit gesellschaftlichen Gegebenheiten und Anforderungen in Österreich als Heimatland, Motivation, sich mit dem Thema Bildung auseinanderzusetzen und den damit zusammenhängenden Nutzen (wie zum Beispiel berufliches Fortkommen) zu erkennen.

Neben der Einzelfallbetreuung habe ich auch Erfahrungen als Leiter von Gruppen. Bei meiner letzten Gruppe war ein Teil der Teilnehmer türkischer Herkunft. Die anderen Teilnehmer kamen aus dem ehemaligen Jugoslawien oder aus Österreich. Wir setzten uns in der Gruppe intensiv mit „eigener Werthaltung“, „Männerbild“ und dem „Deliktverhalten“ auseinander. Dadurch wurden Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten sehr deutlich herausgearbeitet, gegenseitige Wertschätzung und der Abbau von Vorurteilen prägten so das gemeinsame Arbeiten.

Jürgen Kaiser ist Abteilungsleiter bei NEUSTART Wien 6

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