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Blog und Diskussion

Jugendkriminalität: „Es wird immer alles schlimmer!“

Andreas Zembaty - 16.1.2008 18:26

…diese Stoßseufzer sind immer wieder bei Debatten zur Entwicklung der Jugendkriminalität öffentlich zu vernehmen. Fast automatisch werden schnelle Lösungen gesucht und Schuldige identifiziert. Allein diese wiederkehrenden Reflexe zeigen, dass schnelle Lösungen letztlich keine wirklichen Lösungen sind. Gefragt ist eine differenzierte Betrachtungsweise, demagogische Appelle ans vermeintlich verängstigte Wählervolk sind keinesfalls hilfreich. Die Jugend ist jedenfalls unsere Zukunft, ein respektvoller Umgang und Investitionen in ihre Chancen sind gefragt.

„Wir sind ein Teil von euch!“

Kriminalität und Gewalt haben bei jedem Jugendlichen immer eine eigene Entstehungsgeschichte. Gewaltbereitschaft ist kein Charakteristikum sozialer Verlierer. Probleme beim Erwachsenwerden sollen nicht schöngefärbt werden. Probleme Jugendlicher sind: emotionale Leere, latente Überforderung, Mangel an Anerkennung, aber auch die gesellschaftlichen Chancen sind reduziert. Rund 38.000 arbeitslose Jugendliche, 6.100 Lehrstellensuchende (3.600 offene Lehrstellen) und 270.000 Armut gefährdete Jugendliche – eine eskalierte Reaktion darauf: der Griff zum Medikament „um sich selbst nicht mehr zu spüren“, 29 Drogentote jährlich, 41 Selbstmorde.

Prägend ist jedoch auch die Reaktion der Gesellschaft. Bloße Repression prägt das Verhalten der Jugendlichen, die ihrerseits mit Gewalt reagieren. Manche Eltern tun aus Furcht, etwas falsch zu machen, lieber gar nichts. Unterstützt wird das oft auch noch durch bewegungsfeindliche, erlebnisarme Wohngebiete und fehlende Arbeits- und Freizeitangebote. Sie (ver-)führen zum „’rumhängen“ und produzieren Erlebnishunger, der zur Gewalt eskalieren kann. Der Erwachsenenstatus bei Jugendlichen wird immer später erreicht. Längere Ausbildungsgänge bedeuten längere Zeit ohne eigenes Einkommen, länger als „Kind“ zu Hause bleiben zu müssen; die Schwierigkeit, Ausbildungen zu beginnen beziehungsweise zu beenden; das gestiegene Arbeitsplatzrisiko.

Andererseits existieren gesellschaftliche Anforderungen: Anerkennung durch Konsum - reif ist nur, wer Kunde sein kann. Begehrlichkeiten und Konsum werden oft als elementare Bedürfnisse erweckt, die aber nur mit Grenzüberschreitungen (Verschuldung) befriedigt werden können. Gewalt ist für einige Jugendliche attraktiv. Wenn ich Gewalt anwende, weiß ich, wer zu mir hält. Und dann sind sie alle da: die Eltern, die Medien, die Politik. Dann ist zwar für einen Moment die gewünschte Aufmerksamkeit vorhanden, das Ziel, in der Gesellschaft einen Platz zu finden, wird aber verfehlt.

Jugendliche mit Gewaltneigung wollen meistens nur eines: ein ganz konventionelles Leben. Deswegen suchen sie sich häufig Legitimationen für ihre Gewalt, hinter denen sie gesellschaftlichen Zuspruch vermuten: politische Rechtsorientierung, die Suche nach dem ideologischen Übervater oder die Nähe zu religiösen Fundamentalisten. Kinder und Jugendliche konfrontieren uns Erwachsene dadurch oft mit eigenen ungeliebten oder gar verdrängten Persönlichkeitsanteilen. In ihnen erkennen wir bittere Wahrheiten über uns und unsere Gesellschaft: „Ihr könnt uns nicht vernichten, wir sind ein Teil von euch.“

„Hart auf hart“, Warnschussarrest oder „Boot Camps“ helfen nicht weiter. Haft führt zur Scheinanpassung, der Übernahme einer negativen Identität und Verschärfung der Krise. Auch das Tolerieren von Unrecht hilft jungen Menschen nicht weiter. Oft reagiert das Umfeld von betroffenen Jugendlichen viel zu spät. Die Justiz soll nicht das Modell des distanzierten abgehobenen Vaters wiederholen, der spät, aber dann überzogen reagiert. Es gilt, gut begründete Orientierungen zu geben, Grenzen zu setzen und sinnvolle Aufgaben zu stellen. Bewährt sind Maßnahmen zur Übernahme von Verantwortung, die Auseinandersetzung mit dem eigenen Verhalten einfordern (Arbeitsleistung für das Gemeinwohl, Konfliktregelung zwischen Täter und Opfer et cetera).

Jugendliche erwarten sich von uns ein deutliches Zeichen, dass sie gewollt sind und von uns gefordert werden. Unsere Reaktion soll nicht bagatellisieren und nicht dramatisieren. Sie soll entschieden, prompt, emotional, verständlich sein - auf die Gefahr hin, dass wir selbst dadurch angreifbar werden und selbst stark gefordert werden.

Andreas Zembaty ist Pressesprecher von NEUSTART, diplomierter Sozialarbeiter und Psychotherapeut

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