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Blog und Diskussion

Wenn misshandelte Kinder erwachsen werden

Dr. Elisabeth Grabner-Tesar - 23.1.2008 09:54

Kaum ein Tag vergeht, an dem wir nicht in den Zeitungen über neue Gräueltaten an Kindern lesen. Misshandelnde Väter und Mütter, Bilder von verletzten Kindern, Berichte über zu Tod gequälte Babys lösen Entsetzen über die Täter und heftiges Mitgefühl für die Opfer aus. Ich kenne viele solche Geschichten, nicht nur aus der Zeitung. Jahre später sitzen mir diese Kinder im Büro gegenüber, sie sind älter geworden, unfreundlich, abweisend, und es ist gar nicht leicht, das heftige Mitgefühl für das Kind von damals wachzurufen.

Gerhard ist fünf Jahre alt. Er muss seit Jahren die sadistischen Erziehungsmethoden seiner Mutter ertragen. Wenn er „schlimm“ war, muss er als Strafe mit dem Hund aus dem Hundenapf essen; die Mutter verstreut Reißnägel in seinem Bett, auf die er sich nach dem Gute-Nacht-Kuss legen muss. Die Großmutter erkennt wohl das Leid des Enkels, aber die eigenen Tochter anzeigen…? Zehn Jahre später überfällt Gerhard alte Frauen, beraubt sie und schlägt sie brutal nieder.

Anna wird vom Stiefvater, den Brüdern und der Mutter über viele Jahre sexuell missbraucht und schwer misshandelt. Sie hat etliche Narben am Kopf - die Mutter hat sie regelmäßig zur Strafe mit den Stöckelschuhen auf den Kopf geschlagen. Zehn Jahre später ist Anna Prostituierte und versucht, eine Rivalin zu erschlagen.

Klaus ist ein Kind aus gutem Haus. Nach der Scheidung der Eltern wird der 15-jährige zum Störfaktor für die neuen Beziehungswünsche der Eltern. Er wird kurzerhand in eine eigene Luxuswohnung verfrachtet. Eines Abends versucht Klaus, eine Prostituierte zu erwürgen.

Karl kennt seine Eltern nicht. Er pendelt zwischen Heim und Großvater hin und her. Der Großvater vergreift sich immer wieder an dem Kind. Nach zehn Jahren sitzt Karl in meinem Büro - ein zarter, blonder Bursche, der nicht redet, nur schreit. Er ist voller Wut, hat mit einem Messer drei Ausländer niedergestochen. Schwere Körperverletzung und auch etliche Betrügereien stehen im Gerichtsakt.

Das sind wahre Geschichten aus dem Berufsalltag einer Bewährungshelferin. Zum Glück werden nicht alle misshandelten Kinder später selbst zu Tätern, aber leider sehr viele von ihnen. Es wäre leichter, im Täter nur das Monster voll „krimineller Energie“ (das neue geheimnisvolle Modewort) zu sehen. Aber leider - oder Gott sei Dank - gehört zu professioneller Sozialarbeit die Exploration, die Datenerhebung, das Aktenstudium. Daher wissen wir Bescheid über Reißnägel im Bett, über Schläge mit Stöckelschuhen und über Löcher im Kopf. Das macht die säuberliche Trennung in Gut und Böse schwer.

Unser aktuelles Fühlen, Denken und Handeln wird zu einem guten Teil von unseren Erfahrungen geprägt. Jeder Mensch ist eine Art Mosaik aus dunklen, hellen, bunten, eintönigen Anteilen. Schreckliche Erfahrungen färben dunkel und sie bleiben erhalten, auch wenn das Kind nun schon ein junger Erwachsener ist. Und wir wissen, je dunkler das Mosaik, desto belasteter, manchmal auch gefährlicher ist dieser Mensch.

Was also ist zu tun? Zurück zum Zeitungsleser: Ihm werden zwei getrennte Welten geboten - die Welt der „misshandelten Kinder“ und die Welt der „gewalttätigen Jugend“. Hoch emotionale Themen, die auch dem Bedürfnis vieler nach klarer Orientierung, nach Gut/Böse-Einteilung sehr entgegenkommen. Der Nachteil: Es ist keine Lösung in Sicht außer harter Statements zur emotionalen Entlastung oder aus politischem Kalkül. Lösungen für beide Problemfelder finden wir dann, wenn wir uns erlauben, ohne Angst Zusammenhänge zu erkennen, zu sehen, wie eng das eine mit dem anderen verknüpft ist; dass Hilfe und Schutz für Kinder so früh wie nur irgend möglich notwendig ist - ansonsten brauchen wir nach ein paar Jahren Schutz vor diesen Kindern. Aber auch für sie gilt: Der beste Schutz für uns, für die Gesellschaft, ist Hilfe (in Kindergärten, Schulen, durch Therapie, Sozialarbeit, mit Existenzsicherung) für diese nun erwachsenen Kinder. Das sollte uns was wert sein.

Übrigens: Anna ist während der Bewährungshilfe-Betreuung Mutter geworden, sie kommt mit dieser Rolle gut zurecht. Dr. Elisabeth Schilder, die Gründerin der Bewährungshilfe, hätte ihre Freude. In vielen Gesprächen betonte sie: „Wenn unsere verwahrlosten Mädchen und Burschen ihre Kinder nicht mehr misshandeln, gibt es mehr Sicherheit und Wohlbefinden in zukünftigen Generationen.“

Dr. Elisabeth Grabner-Tesar ist Leiterin von NEUSTART Wien 21 / Korneuburg

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Zu diesem Beitrag gibt es |3 Kommentare|

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Kommentare zu diesem Beitrag:

Dr. Elisabeth Grabner-Tesar schrieb am 20.03.2009 12:01

Sehr geehrte Frau Herzig,
ich vermute, Ihre Anfrage bezieht sich auf den Fall „Wiktor Mochow“ (auch „russischer Dutroux“ genannt). Im Oktober 2000 entführte der damals 52 jährige Fabrikarbeiter Wiktor Mochow 2 Mädchen (damals 14 und 17 Jahre alt) nach einem Diskobesuch, mißbrauchte sie und hielt sie fast 4 Jahre in seinem Keller in Rjasan (in der Nähe von Moskau) gefangen.
Währen der Gefangenschaft gebar das ältere Mädchen 2 Söhne.
Im Sommer 2004 wurden die beiden Mädchen nach 3 Jahren und 8 Monaten Gefangenschaft endlich befreit. Zu diesem Zeitpunkt war das ältere Mädchen zum dritten Mal schwanger.
Ich hoffe ich konnte Ihnen damit die gewünschte Information liefern.
Herzliche Grüße
Elisabeth Grabenr-Tesar

mia schrieb am 17.03.2009 10:22

vielleicht können sie mir ja helfen
momentan lese ich das buch von sabine dadenne die auch misshandelt worden ist in belgien
ich erinner mich noch in meinen kindheit das es ein vorfall im ausland gab
wo 2mädchen in einen versteck/keller eingesperrt worden sind
und 2buben bekamen(keine ahnung wie viele kinder sie bekamen ich wies nur das es auf alle fälle ein junge war)
der täter war schon älter und seine mutter lebte über den versteck oder so irgend wie
vielleicht können sie mir ja helfen um wen es da ging
ich würde gerne darüber mehr wissen
ich bilde mir ein das es in rußland war aber bin mir nicht sicher es ist lange her
auf hilfe würde ich mich sehr freuen
liebe grüße
herzig mcihelle-denise

Johanna Ciupek schrieb am 20.02.2008 11:42

Genau diesen Artikel würde ich gern mal in einer tageszeitung lesen!