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Rache ist süß

Mag. Klaus Priechenfried - 27.2.2008 08:43

Rache ist süß, sagt der Volksmund. Und der Neurowissenschaftler gibt ihm recht. In einem Experiment zeigen de Quervain und seine Mitarbeiter: Bei einer Person, die das unfaire Verhalten einer anderen Person bestraft, wird im Gehirn (genau im dorsalen Teil des Striatums) ein Zellverband aktiviert, der sonst beim Verzehr von Süßspeisen reagiert! Es handelt sich um ein sogenanntes "Belohnungszentrum". Das Gehirn belohnt uns also, wenn wir einen Delinquenten bestrafen, und zwar so, wie es uns bei Aktivitäten belohnt, die unser Überleben sichern; zum Beispiel beim Verzehr von gehaltvollen Nahrungsmitteln.

Die Neurowissenschaftler sind erstaunt über dieses Ergebnis und vermuten nun, es handle sich um eine sozial sinnvolle Aktivität des Individuums, die das Zusammenleben in Gruppen unterstützt. Wir haben dadurch eine Motivation, auf unfaires Verhalten zu reagieren. Das schafft dem Aufbau und dem Erhalt eines gemeinsamen Wertesystems eine natürliche (man könnte auch sagen: triebhafte) Basis. So ist es uns nicht nur nicht egal, ob jemand anderer sich Werte verletzend verhält, wir investieren sogar Energie, um auf diese Verletzung zu reagieren. Das ist möglicherweise die biologisch-psychologische Basis von Legislative und Exekutive im Gehirn.

Das dorsale Striatum hat, wie alle Regionen des Gehirns, in denen emotional bedeutsame Vorgänge erzeugt und aufrecht erhalten werden, beim Menschen ein offenes Ende zur Großhirnrinde. Emotionen oder auch Affekte sind Erregungsmuster und -kreisläufe im Gehirn, die bei allen höheren Tieren komplexe Handlungsmuster aktivieren, die zum Überleben wichtig sind. Das „offene Ende“ zur Großhirnrinde, mit der bekanntlich gedacht wird, erlaubt den Menschen, diese Automatik einzubremsen und einer Prüfung zu unterziehen. So spüren wir zwar den „Alarm“ in uns beim Blick aus großer Höhe, aber - gesichert in einer Seilbahn etwa - können wir uns beruhigen und normal verhalten. Das richtige Zusammenspiel zwischen der Emotion und der rationalen Prüfung bringt die Qualität und die Bandbreite menschlichen Verhaltens hervor.

Die Geschichte der menschlichen Sozialsysteme könnte man lesen als eine Entwicklung dieses Zusammenspiels von der blinden Rache oder sehr häufigen sofortigen Genugtuung nach einer Straftat. Ich denke etwa an die Blutrache am Peloponnes, wo ich im Urlaub die Überreste der durch sie entstandenen Häuser gesehen habe: hohe bunkerförmige Gebilde, die die Menschen nur noch nachts zu verlassen wagten. Ich denke an die öffentliche Hinrichtung bis zum strengen Kerker und heute den sozialen Interventionen. Der Impuls, zu strafen, wurde im Lauf der Geschichte vom Großhirn immer besser auf seine langfristige Wirksamkeit hin abgestimmt.

Nichtsdestotrotz: Der Auslöser stammt aus dieser älteren Hirnregion und verursacht so, dass wir in die Reaktion auf die Straftat überhaupt Energie (Zeit, Geld, ...) investieren. Rache ist süß, und oft sind die ersten Meldungen aus den Medien auf ein Verbrechen sehr hungrig auf diesen Süßstoff, aber es ist wie bei allem Süßen: Man kriegt rasch zu viel davon und dann ist es ungesund. Unsere sozialkonstruktiven Interventionen sind vielleicht in unserem Striatum keine so guten Auslöser einer Belohnung mehr, sie bringen aber mehr Erfolg.

Literatur: De Quervain et al: The Neural Basis of Altruistic Punishment. Science 2004: Vol. 205 pp1254-1258

Mag. Klaus Priechenfried ist Leiter von NEUSTART Wien 5

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