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Blog und Diskussion

Jung, straffällig, verschuldet

Mag. Michael Klingseis - 9.7.2008 13:24

„Einem Nackten kannst’ nicht in die Hosentasch’n fahren“

In den Achtzigerjahren gab Joki Kirschner, Talkmaster der Sendung „Tritsch Tratsch“, in einem Werbespot die Losung für den richtigen Umgang mit Geld aus: „Geld macht glücklich, wenn man rechtzeitig d’rauf schaut, dass man’s hat, wenn man’s braucht.“ Diese heute geradezu asketisch anmutende Weisheit macht deutlich, worauf es ankommt: Planerische Weitsicht, Triebaufschub, spätes Glück durch frühe Entbehrung.

Die meisten von der Bewährungshilfe betreuten Klienten scheitern in jedem Punkt dieses Anforderungsprofils. Jahre- und jahrzehntelange psychosoziale Turbulenzen, mangelhafte „Triebmodellierung“ und ein starker Gegenwartsbezug führen im Umgang mit Geld meist dazu, dass das Wenige schnell verbraucht ist.

Zudem macht unseren Klienten das zunehmende Verschwinden des realen, sinnlich wahrnehmbaren Zahlungsverkehrs zu schaffen. Mit der fortschreitenden Ausbreitung von Kreditkarten, Online-Shopping und anderen bargeldlosen Transaktionen haben sie ihre ohnehin schmalen Budgets sprichwörtlich „nicht mehr im Auge“. Gleichzeitig fühlen sich viele von der überquellenden Warenwelt, deren Zugangsbarrieren zunehmend ins Innerpsychische verlegt worden sind (Stichwort: „Selbstbedienungsladen“) ständig zum Zugreifen eingeladen beziehungsweise aufgefordert.

Kaum einer der von uns betreuten Jugendlichen oder jungen Erwachsenen ist schuldenfrei, aber schwer verschuldet sind nur wenige. Die meisten waren zu kurze Zeit im Erwerbsleben um die von den Banken geforderte „Bonität“ vorweisen zu können. Ihr Schuldenkonglomerat besteht häufig aus kräftig überzogenen Konten, diversen Strafen, Schadenersatz- und Schmerzensgeldforderungen sowie Entlehnungen im Freundes- und Familienkreis. Manche schleppen die Schuldenlast ihrer oft in mehrfacher Hinsicht „konkursreifen“ Eltern herum, waren Bürgen für deren halsbrecherische Geschäfte oder bezahlen Strafen für auf sie angemeldete PKW’s der „Obsorgeberechtigten“.

Andere klappern sämtliche Handybetreiber ab, telefonieren überall ohne zu bezahlen bis ans Limit und pendeln sich nach Absolvierung dieses fahrlässig aufgezogenen Parcours in kurzer Zeit bei Fehlbeträgen von einigen tausend Euro ein.

Ständig von Existenznöten geplagt haben viele unserer Klienten gelernt, aus leeren Kassen Kapital zu schlagen. Die Bewältigungsstrategien der finanziellen Misere reichen vom Einrichten in Kargheit über kreatives Fundraising in eigener Sache bis zu riskanten (Drogen)Geschäften. Eine Erfahrung aber teilen sie alle miteinander: Die Wege in die Verschuldung sind breit wie eine mehrspurige Autobahn und zudem mit ausgeklügelten kommerziellen Attraktionen gepflastert. Schmal und steinig dagegen sind die Pfade aus dem Schuldendesaster.

Mit unserer Unterstützung erstellen viele erstmals in ihrem Leben ein Haushaltsbudget, ordnen ganze Schuhschachteln voll mit Mahnschreiben und nehmen die Vermittlung zu professionellen Schuldnerberatungen in Anspruch. Einige jedoch kippen angesichts der sich auftürmenden Belastungen in eine fatalistische Haltung und „trösten“ sich damit, dass man "einem Nackten…“.

Mag. Michael Klingseis ist Sozialarbeiter bei NEUSTART Tirol

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Zu diesem Beitrag gibt es |1 Kommentar|

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Kommentare zu diesem Beitrag:

Ciupek Johanna H21 schrieb am 09.07.2008 17:19

Wie wahr! Und wer von uns nicht bestens triebmodelliert ist, werfe den ersten Stein. Ich schmeiss jedenfalls keinen....ich verdien bloß besser.

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