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NASIL SIN ? Wie geht es Dir?

Dr. Elisabeth Grabner-Tesar - 1.11.2008 13:26

Ali ist erleichtert. Endlich kann er mit jemandem über seine Probleme reden - er hat mehr als genug davon.

Ali lebt in der Türkei und ist elf Jahre alt, als seine Mutter stirbt. Der Vater, schon seit 25 Jahren in Österreich, holt alle seine Kinder nach Österreich und ist mit den sieben kleinen Kindern überfordert. Die Hauptschule beendet Ali negativ; er versteht den Lehrer nicht, hält sich selbst für dumm, möchte nichts lernen - sein Ziel ist, Hilfsarbeiter zu werden.

Im Dorf in der Türkei hatte er Onkel und Tanten, er war zufrieden auf dem kleinen Bauernhof, er gehörte dazu. Hier fühlt er sich fremd, es beachtet ihn niemand - bis er vor dem Richter steht. Das Delikt: geschlechtliche Nötigung. Warum er das gemacht hat? Ali bleibt die Antwort schuldig, auch für sich selbst findet er keine Erklärung. Die Reaktion des Vaters - Wut, Scham, Schweigen - ist verständlich, aber wenig hilfreich. Ali bekommt einen Bewährungshelfer, aber er bleibt schweigsam und verschlossen. Die deutsche Sprache hilft ihm zwar im Alltag, seine Probleme und Sorgen sprechen aber türkisch. Dann wird eine ehrenamtliche Kollegin, die türkisch spricht, zu seiner neuen Betreuerin. Nach anfänglicher Vorsicht kann sich Ali langsam öffnen, seine Probleme werden benennbar, Lösungen werden möglich.

Sengül Stadler ist in der Türkei geboren, sie lebt seit 18 Jahren in Österreich und ist als Sozialarbeiterin in Wien (bei der Gebietsbetreuung) tätig. Sie arbeitet seit neun Jahren als ehrenamtliche Bewährungshelferin bei NEUSTART Wien 21 / Korneuburg. Sie betreut sowohl Klienten mit deutscher als auch mit türkischer Muttersprache und weiß, worauf es dabei ankommt.

Im Gespräch beschreibt Frau Stadler das Potenzial der muttersprachlichen Bewährungshilfe-Betreuung. „Kulturbedingte Delikte gibt es nicht“ sagt Sengül Stadler. „Man muss auch innerhalb einer Kultur differenzieren, auch da gibt es spezielle Subsysteme mit bestimmten Werten und Grundhaltungen, mit individuellen Sozialisationsfaktoren, die zu beachten sind. Insbesondere Angehörige der zweiten oder dritten Generation repräsentieren keine spezielle Kultur, sie sind vielmehr von vielfältigen Einflussfaktoren geprägt.“

Die Kenntnis bestimmter Sprachcodes allein reicht nicht aus, um erfolgreiche Bewährungshilfe-Arbeit zu machen. Sengül Stadler ist überzeugt davon, „dass der Aufbau einer Vertrauensbeziehung über den Erfolg der Betreuung entscheidet. Dabei ist allerdings die Sprache ein nützliches Hilfsmittel.“ Die erklärende Umschreibung bestimmter Begriffe verändert deren Inhalt, der emotionale Gehalt des Gesagten geht dabei leicht verloren. Daher ist insbesondere in der Arbeit mit emotional hoch besetzten Themen wie Aggression, Sexualität, Selbstwert, Tateinsicht et cetera ein Gespräch in der Muttersprache des Klienten hilfreich.

Die  muttersprachliche Bewährungshelferin zeigt dem Klienten durch ihr Vorbild Möglichkeiten und Lösungen für gelungene Integration. „Auch ich habe genauso wie der Klient Erfahrungen als Migrantin gemacht.“ erzählt Frau Stadler, „Ich weiß: Ausgrenzungs- und Ablehnungserfahrungen sind kränkend; aber ich weiß auch, dass man darüber reden und Lösungen finden kann. Es geht auch darum, eine differenzierte Wahrnehmung der neuen Welt zu entwickeln. Es ist zum Beispiel entlastend zu erkennen, dass nicht jede Kritik eine Zurückweisung ist.“ Aber auch die deutsche Sprache wird über muttersprachliche Betreuer reizvoller. „Über die Beziehung zur Bewährungshelferin wird auch ein positiver Kontext zur deutschen Sprache aufgebaut, damit entsteht im Klienten eine stärkere Motivation zur Verbesserung seiner Sprachkenntnisse“.

Muttersprachliche Bewährungshelferinnen können sich in mehreren Welten gut bewegen, sie verstehen den Klienten – sprachlich und auch emotional. Sie holen ihn in seiner Welt ab und begleiten ihn langsam und erklärend in seine neue, aktuelle Welt. Ali kann bei Bedarf seine Probleme in türkisch besprechen, bei jedem Treffen wird aber auch mindestens zehn Minuten Deutsch gesprochen, um die emotionale Beziehung zu seiner neuen Sprache und damit seine Sprachkenntnisse zu verbessern.

Ali hat nach langer Zeit wieder eine emotionale Stütze gefunden. „Ich glaube, Ali wird zukünftig keine Straftaten mehr begehen“ meint Frau Stadler.

Wir freuen uns über ihre Erfolge und danken ihr für das außergewöhnliche Engagement und den großen fachlichen und zeitlichen Einsatz! Weil wir allen unseren Klientinnen und Klienten diese Chancen bieten möchten, sind uns ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit vielfältigen Sprachkenntnissen sehr willkommen.

Dr. Elisabeth Grabner-Tesar ist Leiterin von NEUSTART Wien 21 / Korneuburg

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