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Blog und Diskussion

Jugend im Gefängnis

Mag. Klaus Priechenfried - 29.10.2008 15:57

Körperlich haben Jugendliche einen Zustand erreicht, der sie mit den Erwachsenen auf gleiche Augenhöhe bringt. Die Bedingungen, unter denen sich ihre Seele entwickelt hat, machen sich von diesem Alter an auf kraftvolle Weise bemerkbar. Alle Jugendlichen machen noch einmal eine Phase des Normenlernens durch; besonders jene, die traumatische Erfahrungen hinter sich haben, werden häufig in dieser Phase nicht nur zu Hause, sondern auch im öffentlichen Raum auffällig, weil ihre Fähigkeiten, konstruktiv mit den Anforderungen des Lebens umzugehen, nicht ausgebildet genug sind.

Die allermeisten Jugendlichen begehen (wenn sie überhaupt Gesetze über­treten) Bagatelldelikte. Im Jahr 2007 hatten wir in Österreich mehr als 33.000 ermittelte jugendliche Tatverdächtige, aber nur 3.000 verurteilte Jugendliche. Das bedeutet, dass mehr als 90 Prozent der Delikte so geringfügig waren, dass sie nicht zu einer gerichtlichen Verurteilung führten! Es ist wichtig, dieses Verhältnis bei der Debatte über Jugendkriminalität nicht aus den Augen zu verlieren. Die spektakulären Fälle bleiben im Gedächtnis haften, während die entwicklungsbedingte jugendliche Kleinkriminalität überwiegend von selbst oder mit sanften sozialen Interventionen wieder vergeht. Eine pauschale Dämonisierung der Jugendlichen, auch der angezeigten und einmal auffällig gewordenen, ist daher fehl am Platz. In den meisten Fällen genügt die Palette an Diversionsmaßnahmen durchaus. Gerade der Anwendungsbereich von sozial-konstruktiven Maßnahmen wie dem Tatausgleich oder der gemeinnützigen Arbeit statt eines Gerichtsurteils kann in Österreich immer noch ausgeweitet werden, besonders dort, wo er in der regionalen Gerichtspraxis noch den Standorten mit hoher Anwendungsrate hinterherhinkt.

Nun zu den Fällen, die in Haft genommen wurden. Die Zahl der inhaftierten Jugendlichen inklusive Untersuchungshaft bewegt sich in ganz Österreich um die 160. Wieder ist es also nur ein kleiner Teil der Verurteilten, die letztlich in Haft kommen. Und das ist auch gut so. Wie Anstaltsleiterin Dr. Margitta Essenther anlässlich einer Tagung am 21. Oktober 2008 deutlich formulierte (ebenso wie Leiter von Vollzugsanstalten aus der BRD und der Schweiz): Der Vollzug desozialisiert, er fördert Rückfälle, anstatt sie zu reduzieren. Und das, obwohl die Bemühungen in den Anstalten groß sind. Am deutlichsten wurde diese Aussage durch das schöne Beispiel der Schweizer Anstalt, die in ihrer sozialpädagogischen Ausrichtung wahrscheinlich am weitesten fortgeschritten war: Solange die Anstalt geschlossen war, konnten Delinquenz fördernde Faktoren der Haft nicht beseitigt werden; erst als dort ein neuer Versuch unternommen wurde, bei dem die Jugendlichen nur tagsüber im Zwangskontext waren (für den Besuch von Ausbildungen et cetera), sie aber nachts bei den Eltern oder Pflegepersonen waren (die dann für diese Aufgabe gecoacht wurden), wurden sie überwunden.

Haft ist der falsche Weg. Nicht nur aus humanitären Erwägungen, sondern ganz einfach, weil sie die Ziele nicht erreicht, die sie erreichen soll - nämlich: „dem Verurteilten zu einer rechtschaffenen und den Erfordernissen des Gemeinschaftslebens angepassten Lebenseinstellung zu verhelfen“ (§ 20 Strafvollzugsgesetz). Daher ist Haft ausschließlich dann angebracht, wenn der Jugendliche so gefährlich ist, dass wir keine andere Wahl haben, als ihn von der Gesellschaft fernzuhalten. Wir kennen die Zahl solcher Jugendlicher in Österreich nicht, aber es ist davon auszugehen, dass es sich wieder nur um einen Bruchteil jener 160 handelt, die derzeit in Haft sind. Für alle anderen ist ein Weg zu finden, der mit Hilfe von Bewährungshilfe, Weisungen und möglicherweise neuen Experimenten für die kleine Gruppe der schwer traumatisierten und stark verhaltensauffälligen Jugendlichen gegangen werden muss.

Alle Befunde über jene Jugendlichen, die nicht nur Bagatellkriminalität, sondern wiederholt schwerere Kriminalität begehen, zeigen schwere Formen von erlebter Misshandlung, Vernachlässigung oder Missbrauch auf. Das Problem, das wir jetzt mit ihnen haben, hatten wir nicht, als sie die Opfer waren. Daher ist es nun höchste Zeit, ihnen professionelle Hilfe zur Seite zu stellen. Hilfe, die in der Lage ist (oder es wenigstens versucht), mit den Folgen dessen, was an ihrer Seele angerichtet wurde, zurande zu kommen. Für diese Jugendlichen hat keine Präventionsmaßnahme rechtzeitig gegriffen. Was aus ihren Geschichten zu lernen wäre ist, wie und wo die Präventionsmaßnahmen zur Vermeidung solcher extremen Formen des Versagens in der Erziehung durch die Eltern (samt der fehlenden Reaktion von beobachtenden Personen und Institutionen der Umgebung) zu setzen wären, damit in Zukunft Ähnliches verhindert wird.

Diese kleine Gruppe von schwer Betreubaren ist eine Herausforderung für alle Professionen im Umkreis. Solche Jugendlichen haben meist schon eine lange Geschichte von Entweichungen aus Unterbringungsformen aller Art hinter sich. Kennt man ihre Geschichte, ist diese als Ausdruck von Misstrauen gegen alle Betreuungspersonen, aber auch als innere Heimatlosigkeit und fehlende Stabilität zu verstehen. Um diese Jugendlichen zu erreichen braucht es Betreuung, die zumindest für ein Jahr lang im Verhältnis Eins zu Eins oder sogar noch intensiver zur Verfügung steht. Experimente dieser Art gibt es - für diese kleine Zahl an schwer traumatisierten Jugendlichen sollte uns der Aufwand nicht zu groß sein.

Wenn derartige Maßnahmen dazu führen, dass die Zahl der Inhaftierten noch geringer ist als heute, dann sollten wir den Anstaltsleitern die Möglichkeit geben, die Mittel für einen sehr therapeutisch und sozialpädagogisch ausgerichteten Vollzug zu geben, wenn denn Vollzug noch nötig ist. In Haft brauchen wir dann alle verfügbaren menschlichen Ressourcen, die den Jugendlichen wieder sozialisieren können. Jugendliche brauchen Spielraum und Bewegung, soziale Kontakte und eine ausreichend vielfältige Umgebung, um sich in der Pubertät und der Adoleszenz normal entwickeln zu können. Die derzeitige Situation mit Einschlusszeiten in der Zelle täglich ab 14.30 Uhr bis zum nächsten Morgen oder gar 23 Stunden am Tag können nichts zur Besserung beitragen.

Mag. Klaus Priechenfried ist Leiter von NEUSTART Wien 5

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Zu diesem Beitrag gibt es |6 Kommentare|

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Kommentare zu diesem Beitrag:

Klaus Priechenfried schrieb am 14.11.2008 11:25

Danke Alfred für das Einspringen mit den Detailinformationen, die ich nur vom Hörensagen kannte. Wäre interessant da einmal Konzepte oder zumindest roh die Betreuungschlüssel und den Methodenschwerpunkt bei den schwierigen Jugendlichen zu kennen. Mich würde auch interessieren, wie groß sie die Zielgruppe schätzen (vorausgesetzt sie begrenzen sie so eng auf die Kombination von massiv vorbelastet und ständig entweichend und antisozial agierend wie ich das getan habe).
Liebe Grüße!
Klaus

Alfred Kohlberger schrieb am 12.11.2008 16:10

Lieber Klaus,
nicht nur im sozialpädagogischen Bereich wird in OÖ mit diesen Intensivbetreuungen gearbeitet. Auch im Bereich der psychiatrischen Nachsorge gibt es derartige Modelle der Intensivbetreuung vorwiegend auch bei sehr schwer zu betreuenden Jugendlichen mit Mehrfachdiagnosen.
Dies durchaus nicht als Experiment, sondern als bewusst eingesetztes Mittel, da man überzeugt ist und die Erfahrung gemacht hat, dass dies funktioniert und mittel- bis langfristig einen win-win Situation herstellt. Es ist auf Dauer gesehen kostengünstiger und für die intensivbetreute Person auch von Vorteil, wenn eine Stabilisierung gelingt.
Finanziert werden diese Angeobte einerseits von der Jugendwohlfahrt oder von der Sozialhilfeabteilung des Landes. Meines Wissens nach gibt es jetzt auch eine Arbeitsgruppe dieser beiden Abteilungen, um Mischfinanzierungen sicher zu stellen.
Für mich stellt sich in diesem Zusammenhang auch die Frage, wo der Platz von Bewährungshilfe in einem derartigen Setting sein könnte. Ich glaube auch darüber sollten wir in geeigneter Form nachdenken.
Liebe Grüße
Alfred Kohlberger

Klaus Priechenfried schrieb am 05.11.2008 10:08

Lieber Fritz!
Danke für die Frage, ich finde spannend, dass wir über diese Plattform zu neuen Diskussionen finden!
Für die kleine Zahl an Jugendlichen, die auch durch solche Intensivbetreuungen wie du sie beschreibst (oder auch durch die Intensivbetreuung der Bewährungshilfe evtl kombiniert mit Wohnbetreuung bei uns) nicht erreichbar sind - es gibt sie und es handelt sich durchweg um sehr traumatisierte Jugendliche - wird immer wieder ein Betreuungsangebot erprobt, das tatsächlich eine BetreuerIn für eine KlientIn abstellt. Manchmal sogar mehr. Es waren die Linzer, von denen du ja auch schreibst, die es einmal erprobt haben, ich kenne auch in Wien einen kleinen Verein, der sich mit diesem Thema beschäftigt und solche Formen der "nachlaufenden" Sozialarbeit anbietet. Inwieweit sie schon Aufträge von der Mag Elf haben kann ich nicht sagen, aber ich werde bei Gelegenheit nachfragen. Die Idee ist, den Jugendlichen, der zu vertrauensvollen Sozialkontakten kaum in der Lage ist, durch sehr beständige Anwesenheit und durch Einsatz für ihn oder sie, wenn sich die Gelegenheit ergibt, langsam näher zu kommen. Durchaus auch durch Erschöpfung des Widerstands wenn man so will, allerdings nie gegen den Willen der betreuten Person. Wenn dich Konzepte dieser Art interessieren kann ich einmal nachfragen, ob sie weitergegeben werden. Es handelt sich allerdings keineswegs um eine etablierte Standardform der Betreuung, sondern immer noch um Experimente.
Entwickungen dieser Art haben ja auch zu den Experimenten mit der Arche Noah (nicht der biblischen sondern dem Segelboot der Linzer Spattstraße) geführt, wo zwar nicht ganz 1:1 betreut wird, der Aufwand durch die ständige Anwesenheit von Profis mit den Jugendlichen rund um die Uhr ohne Wochenende eigentlich dieses Verhältnis sogar überschreitet.
Ich hoffe diese Antwort trifft deine Frage.
Liebe Grüße!
Klaus

Fritz Zeilinger schrieb am 04.11.2008 09:34

Lieber Klaus!
Was kann man sich unter einem 1:1 Setting oder sogar noch intensiver vorstellen? Es wird ja wohl kaum einer dieser Jugendlichen auf permanente Begleitung Wert legen bzw. daraus Entwicklungsfortschritte erzielen können.
Intensivbetreuungen wie die sozialpädagogische Einzelbetreuung in OÖ arbeiten meist 5 - 15 Stunden pro Woche mit dem/der jeweiligen Jugendlichen.
Eine Kollegin hat mir von Neuseeland geschrieben, dass dort die probation officer für Jugendliche max. 18 betreuen.
MfG Fritz

Klaus Priechenfried schrieb am 30.10.2008 12:28

Lieber Stefan Pichler!
Herzlichen Dank für die Rückmeldung! Der Artikel ist ja auf der Website und wird immerhin an alle AbonnentInnen des Weblogs gemailt. Aber natürlich wäre mehr Präsenz solcher Meldungen in Medien schön, vermutlich sind sie nicht interessant genug.
Liebe Grüße!
Klaus Priechenfried

Stefan Pichler schrieb am 29.10.2008 17:39

Lieber Klaus Priechenfried,
der Artikel spricht mir nicht nur aus der Seele, sondern relativiert aufgeregte Medienberichte mit Hintergrundinformation. Schade, dass dieser Artikel über die Webiste keine Verbreitung findet, er würde in Qualitätszeitungen a la Sueddeutsche oder die Zeit gut hineinpassen, dem Verein Neustart ein eindeutiges Profil verleihen und diese Sicht der Dinge einem größeren Publikum zugänglich machen. Das gilt meiner Meinung auch für andere Berichte auf dieser Seite!
Freundliche Grüße, Stefan Pichler

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