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Blog und Diskussion

Plädoyer für einen dritten Arbeitsmarkt

Hermann Popprath - 19.10.2008 15:03

Eine wichtige Säule bei der Resozialisierung von Haftentlassenen ist die Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt. Im Arbeitstraining der NEUSTART Haftentlassenenhilfe werden Klienten auf das Arbeitsleben vorbereitet. Von Jänner bis Oktober 2008 absolvierten 103 Klienten das NEUSTART Arbeitstraining. Neben guten Erfolgen bei der Arbeitsvermittlung (rund ein Drittel der Klienten konnte in den ersten Arbeitsmarkt integriert werden) sind wir wieder mit Menschen konfrontiert, die aus psychischen und/oder sozialen Gründen den Anforderungen des ersten Arbeitsmarkts auf Dauer nicht mehr gewachsen sind. Mit entsprechender Anleitung, Fehlertoleranz und flexiblen Angeboten wären auch sie jedoch durchaus in der Lage, einer kontinuierlichen Beschäftigung nachzugehen und somit ihren Beitrag zu leisten.

Im NEUSTART Arbeitstraining können wir laufend beobachten, wie sich die Struktur einer Beschäftigung und die Möglichkeit, durch Eigenleistung Geld zu verdienen, positiv auf den Selbstwert und auf die Entwicklung der sozialen Kompetenz unserer Klienten auswirkt. Es geht dabei aber nicht nur um individuelle Weiterentwicklung und individuelles Wohlbefinden: Arbeit trägt auch zur Rückfallvermeidung bei. Leider sind derzeit alle am Markt befindlichen Beschäftigungsprogramme befristet. Es wäre wichtig, wenn es darunter auch  Angebote gäbe, die auf Dauer zur Verfügung stünden.

Im Rahmen einer Tagung des Dachverbandes für sozial-ökonomische Einrichtungen („Geht’s uns allen gut, geht’s der Wirtschaft gut – ein Arbeitsmarkt für alle!“) hielt DDr. Nikolaus Dimmel ein Referat zum Thema: „Arbeitsmarktpolitik am Ende der Fahnenstange – Gesellschaftspolitik jenseits der Lohnarbeit“. Der Inhalt hat große Relevanz für unsere tägliche Arbeit mit Haftentlassenen. Auf einen Aspekt – den des dritten Arbeitsmarktes – will ich hier besonders eingehen.

Unter dem zweiten Arbeitsmarkt versteht man alle öffentlichen Fördermaßnahmen, wie kurzfristige Beschäftigung, Sozialökonomische Betriebe, aber auch geförderte Fort- und Weiterbildung. Ziel ist die Vermittlung von langzeitbeschäftigungslosen Personen in den ersten Arbeitsmarkt. Der dritte Arbeitsmarkt unterscheidet sich vom zweiten, indem er offensichtlich chancenlosen Langzeitarbeitslosen auf einem dritten, öffentlich geförderten Arbeitsmarkt versicherungspflichtige, adäquate, unbefristete Arbeitsverhältnisse und Beschäftigungsmöglichkeiten anbietet.

Beispiele aus der Behindertenhilfe, Obdachlosenarbeit oder der extramuralen Psychiatrie zeigen, dass auch derartige Betriebe produktiv sind, also eine nicht unerhebliche Eigenerwirtschaftungsquote (bis zu 45 Prozent) aufweisen. Ein dritter Arbeitsmarkt müsste Beschäftigungsangebote von stundenweiser Beschäftigung bis hin zur Vollzeit anbieten können. Dadurch kann auf individuelle Belastungsgrenzen flexibel eingegangen werden. Ein dritter Arbeitsmarkt, meint Dimmel, könnte jenen, welche mit dem Tempo, den Qualifikationsanforderungen, der Flexibilität und Mobilität von Arbeitsprozessen trotz Schulung und Aktivierung nicht mehr zurecht kommen, eine Alternative bieten.

Derzeit gibt es für Viele nur die Möglichkeit, gar nicht zu arbeiten. Oder: immer wieder mit noch mehr Frust an den Anforderungen, die das Arbeitsumfeld abverlangt, zu scheitern. Ein dritter Arbeitsmarkt könnte als Erweiterung des Arbeitsmarktes gesehen werden. Er würde die Möglichkeit eröffnen, Arbeit für jene Personen zu organisieren, für die entweder gar keine oder nur eingeschränkte Arbeitsmärkte existieren. Ein dritter Arbeitsmarkt wäre die Lösung für jene Personen, deren Berufsbiografie mit dem Begriff „Maßnahmenkarriere“ umschrieben wird und die von einer Einrichtung oder Maßnahme zur nächsten gereicht werden. Das würde natürlich erhebliche öffentliche Mittel benötigen, zugleich aber würde der dritte Arbeitsmarkt einer Reihe von bisher nicht beschäftigten, von der öffentlichen Hand unterstützten Personen einen Zugang zum Arbeitsverhältnis ermöglichen. Die langfristigen Folgen wären durchgehende Erwerbsbiografien, der Erwerb eigenständiger Pensionsversicherungsansprüche sowie eine psychosoziale Stabilisierung durch überschaubare und bewältigbare Arbeit.

Natürlich müsste ein dritter Arbeitsmarkt mit dem zweiten Arbeitsmarkt, aber auch mit den bislang bestehenden Beschäftigungsformen der Sozial- und Behindertenhilfe, verknüpft werden. Akteure eines dritten Arbeitsmarktes könnten die öffentliche Hand ebenso wie Sozial-Profit-Organisationen oder NGO´s sein. Die Beschäftigungsfelder müssen zusätzlich, gemeinwohlorientiert und nicht wettbewerbsverzerrend sein. Es sollte sich um Tätigkeiten handeln, deren Erledigung zwar sinnvoll ist, die aber aus wirtschaftlichen, finanziellen oder gesellschaftlichen Gründen zurzeit nicht erfolgen. Ein dritter Arbeitsmarkt erfordert jedenfalls aber Umverteilungsentscheidungen - zumindest jene, dauerhaft Lohnkostenzuschüsse an Beschäftigte jeweiliger Einrichtungen/ Betriebe/ Unternehmen zu gewähren.

Das alles deckt sich mit Erfahrungen, die ich in den letzten Jahren im Rahmen der Arbeitsberatung und des Arbeitstrainings der NEUSTART Haftentlassenenhilfe gemacht habe.

Hermann Popprath ist Sozialarbeiter bei NEUSTART Wien 6

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Zu diesem Beitrag gibt es |1 Kommentar|

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Kommentare zu diesem Beitrag:

Michael Klingseis schrieb am 20.11.2008 09:47

So schauen offensive Ideen abseits des "Mehr - Strafen" - Getöse aus! Spannend, danke.

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