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Tipps für heikle Situationen

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Blog und Diskussion

Das Haftentlastungspaket wirkt

Dr. Elisabeth Grabner-Tesar - 26.10.2008 12:00

Der Traum vom schnellen Erfolg führt nicht nur auf den Finanzmärkten in die Krise, auch in der Kriminalitätsbekämpfung treibt er immer wieder sein Unwesen. Teure, aber unwirksame Maßnahmen sind sein Markenzeichen. Leider fühlen sich bei dem Thema Sicherheit viele als Experten und merken nicht, dass Empfehlungen, die weder auf Sachkenntnis noch auf Reflexion der eigenen Emotionen beruhen, nur die Illusion von Sicherheit erzeugen. Aber weder Illusion und Emotion noch Ideologie sind gute Ratgeber, wenn es um das wichtige Thema „Verhinderung weiterer Opfer“ geht.

Heuer werden doppelt so viele Täter bedingt aus der Haft entlassen als im Vorjahr. Die Gerichte entscheiden sich also immer öfter für die Möglichkeit der Nachbetreuung und Kontrolle über Weisungen – Bewährungshilfe, Therapieweisung, Wohnweisung et cetera. Und entgegen allen düsteren Voraussagen versinkt das Land keineswegs in Gewalt und Chaos. Im Gegenteil: Wie die aktuelle Kriminalstatistik zeigt ist das Land sicherer geworden, weil das Potenzial sozialkonstruktiver Maßnahmen genutzt wird.

Deutschland beneidet uns um diese Entwicklung (jedenfalls Dr. Axel Bötticher, Richter am Bundesgerichtshof Karlsruhe). Er berichtete bei den Stodertaler Forensiktagen von sehr gut funktionierenden Nachbetreuungskonzepten, wies aber auch besorgt auf den Trend in Deutschland zu mehr Überwachung und vermehrter Führungsaufsicht hin. Diese wird bei unbedingter Entlassung, also nach Verbüßung der gesamten Strafe, ausgesprochen. In Hessen und Bayern übernimmt die Polizei  Kontrolle und Überwachung von Sexualstraftätern nach der Haftentlassung. Ein Verstoß gegen Auflagen gilt als strafbare Handlung. Die Zusammenarbeit zwischen Polizei und Bewährungshilfe findet auf Basis verpflichtender Vorschriften statt.

Auch in Österreich wird im Zweiten Gewaltschutzpaket die gerichtliche Aufsicht, die für mehr Sicherheit sorgen soll, für Sexualtäter angedacht. Natürlich ist Kontrolle bei Risikoklienten notwendig, auch ein bisschen Technik kann dabei nicht schaden. Die elektronische Fußfessel beispielsweise hilft denjenigen, die Spielregeln ohne wachsames äußeres Auge nicht einhalten (können). Ihre Wirksamkeit verdankt sie aber der Kombination mit intensiver Einzelbetreuung. Das besondere Potenzial der bedingten Entlassung mit wirksamen Nachbetreuungsangeboten liegt ja gerade darin, dass sie Kontrolle ermöglicht, ja sogar verlangt. Da aber das Ziel nicht lebenslange Kontrolle sein kann, vergisst sie dabei nicht auf den Teil, der dazu dient, diese Kontrolle letztlich überflüssig zu machen: nämlich auf die Hilfestellung.

Hilfe und Kontrolle sind die zentralen Aufgaben der Bewährungshilfe. Gerade wenn man das Sicherheitsbedürfnis der Menschen erst nimmt, muss die Notwendigkeit und der Nutzen des Zusammenspiels beider Teile immer wieder neu betont werden. Denn: Ziel aller Maßnahmen zur  Rückfallvermeidung ist es doch, Einstellung und Verhalten der Täter nachhaltig so zu verändern, dass diese in Zukunft keine weiteren Straftaten begehen; sie also imstande sind, Wohlverhalten auch ohne wachsames Auge eines Kontrolleurs zu zeigen.

Wie aber gelingt eine positive Veränderung des Täters, wie wird aus ihm ein gesetzestreuer Mitbürger? Erfahrung und die Forschung zeigen: Das wachsame Auge wirkt nur, solange es aufmerksam wacht. Aber auch diese Wirkung ist beschränkt. Kontrolle pur löst beim Klienten Abwehr, Wut und Widerstand aus. Er konzentriert rasch seine Energie darauf, Mittel und Wege zu finden, diese Kontrolle zu unterlaufen. Die Fakten sind bekannt: Selbst im Gefängnis (dem Ort der institutionell verordneten Kontrolle und Beobachtung) gelingt es Tätern immer wieder, Delikte zu begehen. „Junger Insasse wurde brutal vergewaltigt“ müssen wir dann in der Zeitung lesen. Die totale Kontrolle gibt es nicht – für manche leider nicht, für andere Gott sei Dank nicht!

Der Weg zum gesetzestreuen Mitbürger führt also über andere Maßnahmen. Aufgabe eines wirksamen Maßnahmenpakets muss es sein, den Klienten in die Lage zu versetzen, sein Leben eigenverantwortlich innerhalb gesellschaftlicher Spielregeln führen zu können. Dazu ist es notwendig, die deliktspezifischen Risikofaktoren des Klienten zu bearbeiten und ihn dabei zu unterstützen, eigene innerpsychische Kontrolleninstanzen aufzubauen. Nur dadurch kann es ihm langfristig gelingen, die Täterrolle zu überwinden. Das wachsame äußere Auge wird damit überflüssig.

Das Haftentlastungspaket wirkt, und das in mehrfacher Hinsicht. Es entlastet die Gefängnisse, es sorgt für die notwendige Nachbetreuung der Haftentlassenen und damit für mehr Sicherheit. Uns allen ist zu wünschen, dass der Staat das Geld, das ihm nach der Rettung der Banken übrig bleibt, vermehrt in wirklich wirksame Maßnahmen zur Rückfallprävention investiert. Gute Kriminal- und Sozialpolitik können dabei wesentlich unterstützen. Weitere Gefängnisbauten sind damit nicht gemeint, da kann man Geld einsparen – und die Sicherheit wird trotzdem oder gerade deswegen steigen.

Dr. Elisabeth Grabner-Tesar ist Leiterin von NEUSTART Wien 21 / Korneuburg

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