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Tipps für heikle Situationen

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Blog und Diskussion

Tagebuch Bewährungshilfe: Langer Atem gefragt

Dorothea Bruckner - 18.3.2009 08:42

Ein Tag in meinem Arbeitstagebuch als Bewährungshelferin. Ich helfe – Leben ohne Kriminalität?

6:30 Uhr: Der Wecker klingelt. Also raus aus den Federn, Kaffee kochen, Kachelofen beheizen, duschen. Die Salzburger Nachrichten lesen: Der Anteil der Mädchen, die kriminell werden, steigt. Ein Sudoko richtig lösen muss sich auch noch ausgehen.

8:15 Uhr: Auto startklar machen (kein Garagenplatz, also Eis abkratzen), es ist kalt, Abfahrt. Durch den Stadtverkehr wälzen auf die Westautobahn – es gibt 40 Kilometer Schneefahrbahn, leichten Nebel, Minusgrade, Unfallmeldungen von Südautobahn und aus Kärnten. Ich hänge meinen Gedanken nach: Mein erstes Ziel ist eine Wohngemeinschaft für Jugendliche. Ich habe mit dem 15-jährigen Paul vereinbart, dass wir heute das Arbeitsmarktservice aufsuchen. Paul hat eine Latte an Eigentumsdelikten begangen, Gewaltdelikte waren auch dabei. Haft schreckt ihn nicht, diese war in der väterlichen Lebensgeschichte immer mit dabei. Der AMS-Termin soll helfen, damit er wenigstens versichert ist und wieder eine Perspektive bekommt. Sein Betreuer in der Wohngemeinschaft hat gemeint, es ist noch zu früh; er hat einen Schnuppertag geschmissen, weil er nicht zur Busstation gehen wollte. Ich habe Paul im letzten Gespräch die Wahlfreiheit gelassen, ob er heute in meiner Begleitung den Termin wahrnehmen will oder nicht. Es geht schließlich um seine Perspektiven, er will selbstständig leben, das AMS wäre ein erster Schritt.

9:15 Uhr: Noch immer Autobahn, ein Anruf aus dem Büro: Der Zivildiener will wissen, ob eine ehrenamtliche Mitarbeiterin mein Büro benützen darf (ich habe vergessen, mich in die Abwesenheitsliste einzutragen), natürlich darf sie. Endlich die Autobahn verlassen, rauf ins schöne Mostviertel.

9:30 Uhr: Der nächste Anruf am Diensthandy: Eine Kollegin aus Korneuburg ist dran. Sie hat vor ein paar Monaten einen Klienten übernommen von mir, den ich lange betreut habe, seit Weihnachten ist er verschwunden. Ja, dieses Reaktionsmuster kenne ich von ihm: Harald hat das vorher auch oft gemacht: Zwei Schritte vor, dann wieder abtauchen. So gut hat diesmal alles ausgesehen nach der Haftentlassung. Vielleicht ist er ja wieder in meine Region zurückgezogen, werde mich umhören, das Traisental kenne ich ja wie meine Westentasche.

10:00 Uhr: Nach 70 gefahrenen Kilometern komme ich in der Wohngemeinschaft an, schnell noch Notizen durchlesen, was Gesprächsthema bei unserem letzten Treffen war. Der Betreuer und Paul warten: Ja, er will zum AMS, er ist bereit (er hat sich sogar die Haare gefärbt). Wir fahren gleich. Paul „navigiert“ mich in der für mich neuen Gegend. Beim Arbeitsmarktservice macht er seine Sache gut: Er ist ruhig, sagt, was er möchte, ein neuer Termin wird vereinbart. Rückfahrt.

12:00 Uhr: Nach 115 gefahrenen Kilometern treffe ich im Landesklinikum Mauer ein: Sonja (25 Jahre alt) kam am 24. Dezember in eine psychische Krise, die ich mit einer Kollegin, einem praktischen Arzt und einem Freund von Sonja im 60 km entfernten Pielachtal gemanagt habe (zuvor wurde ihr Freund wegen eines psychotischen Schubes eingewiesen). Sonja hat auf seinem Grund in einem Baucontainer gelebt und das nicht durchgedrückt. Ich betreue sie noch nicht so lange und war bisher mit Meldezettel, Dokumentenbeschaffung, Antrag auf Sozialhilfe, Organisieren von Sachwalter so beschäftigt, dass ich mit ihr noch gar nicht wirklich ein persönliches Gespräch geführt habe. Dazu ist heute Gelegenheit. Sie ist sympathisch, sie hat etwas Freiheitsliebendes, Ungewöhnliches, aber auch etwas Sanftes. Während des Gesprächs wird das Gutachten zugestellt. Ein längerer Aufenthalt wird empfohlen, was für mich bedeutet, dass ich geeignete Unterbringungsmöglichkeiten für danach ausloten kann. Ich rede noch mit dem Krankenpfleger und der engagierten Sozialarbeiterin: Sie wird wegen dem Taschengeld beim Sozialamt nochmals nachfragen. Derzeit hat Sonja überhaupt kein Geld für persönlichen Bedarf, der Antrag auf Sozialhilfe ist offenbar noch nicht bearbeitet. Gemeinsam versuchen wir, Sonja zu motivieren, eine Langzeittherapie anzunehmen. Dann ruft Samir, ein 21-jähriger Syrer, an. Ich habe ihn als Karenzvertretung während seiner 15 Monate lange dauernden Untersuchungshaft betreut und eine gute Beziehung zu ihm aufbauen können. Er wurde am Montag aus der Justizanstalt entlassen. Wir vereinbaren, dass wir uns in Amstetten in der Sprechstelle treffen.

14:30 Uhr: Nach 127 gefahrenen Kilometern bin ich in der Sprechstelle Amstetten: Den Akku des  Diensthandys aufladen, den PC hochfahren. Ein Kollege vom Tatausgleich ist da, es ist ein angenehmes Gefühl, nicht allein zu sein. Mein Büro ist noch kalt, Franz erzählt, dass es in der Früh nur neun Grad Raumtemperatur hatte (irgendjemand hat den Thermostat abgestellt). Meine 19-jährige Tochter ruft an. Sie ist im Sommer nach der Matura von zu Hause ausgezogen und will nun ein beratendes mütterliches Gespräch: Sie plant in die Fachhochschule für Sozialarbeit zu gehen. Hat sie nie unter meiner mangelnden Energie gelitten, wenn ich wieder mal müde von der Arbeit kam? Ja, ich denke sie hat die Power, sie hat das Engagement, ich ermutige sie. Und denke zurück an meine Anfänge in der Sozialarbeit: Ich wollte die Welt verändern, die Gesellschaft gerechter und toleranter gestalten. Ein Stück weit ist es mir gelungen: Den Schwachen und Ausgegrenzten einen Platz geben; das tue ich in meiner Arbeit.

Samir kommt: ein Wiedersehen in Freiheit, die Freude ist groß. Diesen ersten Gesprächen nach der Haftentlassung liegt ein Zauber inne. Der Wille ist groß, das Leben neu anzugehen, die Bedingungen sind meist schwierig. Es braucht einen langen Atem. Einige praktische Dinge gibt es zu klären: Wo mache ich Meldung, hat alles mit meiner Rücklage geklappt, kann ich das Verfahren neu aufrollen lassen, wenn ich die wichtige Zeugin finde; ein Dokument ging verloren, wo kriege ich es? Im Februar kann Samir in der Firma des Vaters arbeiten, der Start ist gelungen, die Lehrabschlussprüfung steht noch aus. Also ran, nimm die Zukunft in die Hand! Etwas Wehmut – wahrscheinlich werde ich die Betreuung nicht weiterführen können. Im Februar kommt ein neuer Kollege, dann soll ich mich wieder aus dieser Region zurückziehen.

16:00 Uhr: Abfahrt, schnell ein „Mittagessen im Supermarkt“ besorgen – eine gesunde Obstjause, ein Weckerl. Die nächsten Klienten anrufen. Zum ersten (er ist im Krankenstand): „Ich komme in 20 Minuten“. Zum zweiten (er hat gerade Besuch): „Ich komme heute nicht mehr, aber am Freitag“ (er freut sich über die Verschiebung). Ohne Diensthandy wären solche Vereinbarungen viel schwieriger. Wie hab ich das eigentlich früher gemacht? Wahrscheinlich leere Kilometer gefahren.

16:30 Uhr: 158 gefahrene Kilometer. Hausbesuch: Moritz hat das nicht unbeträchtliche Erbe seines Vaters in kurzer Zeit durchgebracht und eine Verurteilung wegen Betrugs. Vom Gericht erhielt er auch die Weisung (die er einhält), in die Drogenberatung zu gehen, weil er eine Vorgeschichte als Dealer und Konsument von Drogen hatte. Er ist sehr dynamisch und selbstbewusst, hat aber eine tragische Familiengeschichte: Sein Vater hat sich erschossen – Moritz, damals sechzehn, hat ihn gefunden. Jetzt arbeitet er als Schichtarbeiter, hat viele Pläne und kämpft mit seiner finanziellen Situation. Er ist mitteilsam und will jetzt dem Richter und allen anderen aus der Szene beweisen, dass er es kann. Seinen Frust über die schwierige Regelung seiner finanziellen Verpflichtungen halte ich gerne aus.

18:45 Uhr: Ich bin müde, höre bei der Heimfahrt die Söhne Mannheims. Nach 212 dienstlich gefahrenen Kilometern bin ich daheim, bei minus einem Grad, es ist bereits dunkel. Zu Hause: Hausarbeit, ein Glas Wein, im Fernsehen läuft „Without a Trace“ und „CSI: Miami“ – Leben ohne Kriminalität? Eigentlich wollte ich schon seit einigen Tagen Arzttermine für mich vereinbaren. „Mangelnde Selbstfürsorge“ nennt das der Seminarleiter, bei dem ich gerade über soziale Diagnostik lerne. Also auf morgen verschieben – dann ist ein anderer Tag.

Dorothea Bruckner ist Mitarbeiterin bei NEUSTART Niederösterreich Nord West

(Namen von Klientinnen und Klienten wurden geändert)

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Zu diesem Beitrag gibt es |4 Kommentare|

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Kommentare zu diesem Beitrag:

Josefa Sommer schrieb am 23.03.2009 14:57

Liebe Schwägerin,
Gratuliere, das Tagebuch gibt einen informativen und direkt bewegenden Eindruck in Dein Arbeitsleben.
Jetzt kann ich die Argumente zum gestrigen Gespräch über die Arbeitssituation bzw. deren Problematik besser verstehen.
Ich kenne niemanden in meinem Bekanntenkreis, denen es ähnlich geht, wie vielen Deiner Klienten.
Ich bin doch mit einer ganz anderen Arbeitswelt umgeben.
In mein persönliches Tagebuch kommen vor und nach der Arbeit seit Wochen mindestens drei Stunden "Schneebewältigung" dazu - und das ist mein Fitnessprogramm (und das ist sogar gratis).
Viel Kraft und Freude für Dein Leben
und liebe Grüsse
Peperl

Helena Breitfuss-Valesko schrieb am 19.03.2009 10:17

Liebe Dorli!
Ich habe Dich beim Lesen Deines Tagebuches auf meine Weise bei Deinem Außendienst begleitet und konnte vieles nachempfinden, was Du bei Deinen Begegnungen mit den Klienten erfährst und erlebst. Du hast es wirklich sehr deutlich beschrieben, worin unsere tägliche harte Arbeit ist, die man oft erst beim heimkommen am Abend spürt...dass man im Kontakt mit den Klienten auch in so auswegslosen Situationen Hoffnungsfunken versprühen und Impulse losschicken, dass einiges doch- mit Hilfe von glücklichen Zufällen- wenn wir z.B. Verbündete wie verständnisvolle Arbeitgeber etc.finden- veränderbar ist...Derzeit strengt mich in der Arbeit vorallem der Umstand an, dass wir als Sozialarbeiter nur noch auf die Folgen der gesellschaftlichen Profitgier reagieren können-wenn Klienten ihre Mieten nicht zahlen können, weil sie auf der Suche nach dem verlorene Glück sich den Glückspielautomaten anvertrauen...etc. ... da spüre ich oft die Ohnmacht und auch die Wut auf die verantwortlichen Politiker...
Dorli, ich habe mit Dir gemeinsam als Sozakkollegin diese Laufbahn begonnen...ich wünsche Dir, dass Du nach jedem langen Außendiensttag gut nach Hause kommst und es tät mich freuen, wenn wir uns vieleicht in Kärnten wiedersehen...so wie wir schon vor längerer Zeit verabredet haben...aber die Arzttermine haben jetzt Vorrang...die Fürsorge für Dich selbst....Wünsche Dir, dass Du in Deinem Engagement gesund bleibst.
Liebe Grüsse
Helena

Manfred Tauchner schrieb am 19.03.2009 09:27

Auch mir spricht der Beitrag aus dem Herzen.
Und er zeigt, was Bewährungshilfe im ländlichen Raum leisten können muß,- da gilt es (oft unter schlechtesten Wetterbedingungen) weite Wege zu gehen, da ist nun mal die Versorgungsstruktur mit psychosozialen Einrichtungen dünn, eine sparsame "Komm-Struktur" (in die Einrichtungen) für KlientInnen mit sehr unstrukturiertem Hintergrund zu erreichen, ist meist ein Sisyphus-Unterfangen; die Diskussion um die Berücksichtigung dieser unterschiedlichen Rahmenbedingungen läuft schon seit Jahrzehnten im Verein und wird meist mit einem hilflosen Schulterzucken ("das derheben wir nicht") quittiert; ob das Betreuungsstufenmodell hier mittelfristig in der Auslastung auf den verschiedenen Hintergründen wirksam wird, bleibt zu hoffen;
P.S: Wird dann noch an der Schraube der Reisekosten gedreht, verkommt (wiewohl indizierte) nachgehende Betreuung immer mehr zum Lippenbekenntnis. 212 km an einem arbeitsreichen Tag gefahren inkl. Tagesgebühren ? - da kann ich bei meinen einrichtungsinternen Planzahlen vielleicht gerade noch einmal dienstlich von Wr.Neustadt nach Alland ausrücken , dann ist der monatliche Deckel erreicht....

gerda hatzenbichler schrieb am 18.03.2009 09:47

Hallo Dorli !
Ich finde mich und meine Arbeitsweise in Deinem Beitrag. Die Arbeit und als Bewährungshelferin am Land ist so richtig nachvollziehbar.
Ich wünsche dir weiterhin soviel Power und Engagement für die Betreuung Deiner KlientInnen.
Mit lieben Grüßen Gerda

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