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Blog und Diskussion

Fünfzehn und keine Perspektive

Dr. Martina-Lorena Tripolt - 13.5.2009 14:00

Daniel ist fünfzehn Jahre alt – kein halbstarker Jugendlicher, sondern ein kindlich wirkender Bub. Seit einigen Monaten lebt er nicht mehr zu Hause, was ihn, wie er sagt, traurig macht. Er ist in der geschlossenen Abteilung der Kinder- und Jugendpsychiatrie untergebracht. Die Diagnose: emotional instabile Persönlichkeit, Verdacht auf ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung), er hört auch immer wieder eine Stimme, die ihm Befehle erteilt. Er „explodiert“ leicht, tobt, ist distanzlos, grenzüberschreitend, extrem fordernd, hält sich nicht an Regeln. Er akzeptiert keine Autoritäten. Auf der Station ist er kaum führbar, auch Medikamente bringen nur geringe Verbesserung.

Daniel lebte mit seinen Geschwistern im elterlichen Haushalt. Die Eltern ließen sich vor einigen Jahren scheiden, heirateten wieder, darauf folgte eine weitere Scheidung. Zur Zeit lebt der Vater wieder im Haushalt. Daniel wünscht sich, dass es so bleibt. Er wünscht sich vom Vater auch mehr Aufmerksamkeit und Zuwendung, dass dieser endlich sein Versprechen einhält, sich um ihn zu kümmern. Was er vom Vater bisher bekam, ist das Vorbild eines aggressiven, fordernden Mannes, dem die Bedürfnisse anderer völlig egal sind, der große Versprechungen macht und nicht einhält. Daniel eifert ihm nach – wenn er von der Mutter kein Geld bekommt, beschimpft er sie, randaliert und demoliert die Wohnung. Diese Vorfälle sind an der Tagesordnung.

Dann schritt das Jugendamt ein, Daniel bekam einen Erziehungshelfer, die Mutter Unterstützung für die von ihr gewünschte endgültige Trennung von ihrem Mann. Beide Maßnahmen führten nicht zum gewünschten Erfolg. Daniel schwänzte die Schule. Wenn ihn andere Jugendliche „provozierten“, „explodierte“ er, beschimpfte und bedrohte sie; wenn ein Erwachsener ihn deshalb rügte, bedrohte er diesen gleich mit. Es kam, was kommen musste: Anzeige, Verhandlung und eine Verurteilung wegen gefährlicher Drohung zu einem Monat bedingter Freiheitsstrafe. Dem Gericht war klar, dass da mehr dahinter steckt – und es erteilte die Weisung auf Fremdunterbringung, psychiatrische Behandlung und Therapie und ordnete Bewährungshilfe an.

Daniel darf nach dem Aufenthalt in der Psychiatrie nicht mehr nach Hause, er muss weisungsgemäß in eine psychiatrisch-therapeutische Wohngemeinschaft. In einer einzigen wird er zum Probewohnen zugelassen, alle anderen lehnen ihn nach der Fallschilderung ab. Das Probewohnen wird am zweiten Tag abgebrochen, da er sich nicht in die Wohngemeinschaft einfügt. Also zurück in die Psychiatrie. Daniel ist verzweifelt. Er weint, er tobt, er will nach Hause.

Bisher wurde vom Jugendamt die Finanzierung eines Langzeitprojekts im Ausland abgelehnt. Die Station der Kinder- und Jugendpsychiatrie ist keine Dauerlösung (kann sie auch nicht sein), Betreuung durch eine Bewährungshelferin wohl nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Zu wünschen wäre ein Projekt, das einerseits Daniels Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, Zuwendung und Förderung abdeckt, ihm fachärztlich und therapeutisch notwendige Maßnahmen bietet und ihm andererseits aber auch ermöglicht, die im alltäglichen gesellschaftlichen Umgang nötigen Regeln zu erlernen und Grenzen zu respektieren – und damit ein deliktfreies Leben ermöglicht. Durchführbar ist diese Wunschvorstellung nur in einem Projekt, wie es aus Langzeit-Auslandsprojekten bekannt ist, die – wie wir alle wissen – eine enorm kostenintensive Maßnahme darstellen.

Welche Perspektiven hat Daniel? In der geschlossenen psychiatrischen Abteilung zu bleiben? Zurück nach Hause? Manifestierung einer psychischen Krankheit? Neuerlich straffällig zu werden? Justizanstalt? An diesem Beispiel zeigen sich die Grenzen des Machbaren im Bereich der Sozialpsychiatrie und der Behörden. Was übrig bleibt ist ein fünfzehnjähriger Bub, der in seinen Auffälligkeiten und Störungen gefangen ist; zum einen hilflos gegenüber der Umwelt und zum anderen an der Grenze der Unzumutbarkeit für die Umwelt. Milliarden werden in diverse Sanierungsprojekte in der Finanzkrise investiert – in eine Chance für einen Jugendlichen, sich gut zu entwickeln, kann nichts investiert werden?

Dr. Martina-Lorena Tripolt ist Mitarbeiterin bei NEUSTART Steiermark

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